Kinderblindheit in Afrika: Neujustierung von Prävention und Behandlung nötig

Berlin – Die Deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat wie die internationale Gesundheitspolitik in der Vergangenheit einen Schwerpunkt auf präventive Maßnahmen wie Impfungen gelegt. Allerdings lassen sich Augenerkrankungen wie grauer oder grüner Star nicht durch Prävention vermeiden. Nur eine frühe Diagnose und operative Eingriffe können betroffene Kinder vor dem Erblinden schützen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina spricht sich in einem Diskussionspapier deshalb dafür aus, in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit die Kuration zu stärken ohne die Prävention einzuschränken.
Wie das gelingen kann, legt das Autorenteam am Beispiel der Kinderblindheit in Afrika und bestehender Partnerschaften zwischen deutschen und afrikanischen Augenkliniken dar – ein Konzept, das die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) ausdrücklich unterstützt. „Internationale Kooperation auch in der Augenheilkunde ist sehr wichtig und effizient“, sagte der DOG-Generalsekretär Claus Cursiefen.
Weltweit sind zwischen einer und eineinhalb Millionen Kinder blind. Fast ein Viertel davon lebt in Afrika. Das Papier verdeutlicht, wie wichtig ein Neben- und Miteinander von Prävention und Kuration ist: Ein großer Erfolg der Prävention ist danach die nahezu vollständige Elimination der Hornhautblindheit, die hauptsächlich auf die Versorgung mit Vitamin A und konsequente Masernimpfungen zurückzuführen ist.
„Für die derzeit häufigste Erblindungsursache auf dem Kontinent, den grauen Star, gibt es jedoch keine Prophylaxe. Er lässt sich nur chirurgisch behandeln“, erläuterte Leopoldina- und DOG-Mitglied Rudolf Guthoff, der bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Augenheilkunde an der Universität Rostock innehatte und das Positionspapier mit verfasst hat. Er arbeitet bereits seit 25 Jahren mit einer Augenklinik in Kinshasa zusammen und bildet dort sowie in Rostock kongolesische Ärztinnen und Ärzte aus.
Laut dem Diskussionspapier kommen jedes Jahr weltweit 20.000 bis 40.000 Kinder mit angeborenem grauen Star zur Welt. Unbehandelt entwickelt sich ihr Sehsystem nicht richtig und sie erblinden irreversibel.
Die als Routineeingriff geltende Katarakt-Operation, bei der die trübe Linse entfernt und durch eine Kunstlinse ersetzt wird, kann Leben verändern und Leben retten, wie Daten aus Kinshasa belegen. So konnten dem Diskussionspapier zufolge mehr als die Hälfte der dort operierten Kinder anschließend eine Regelschule besuchen, die übrigen konnten in einer Sonderschule beschult werden.
„Bereits eine rein ökonomische Betrachtung zeigt daher, dass die Intervention auf lange Sicht immer kostensparend ist“, betont Guthoff. Moralisch sei es ohnehin geboten, den vergleichsweise kleinen Eingriff vorzunehmen und den betroffenen Kindern eine neue Lebensperspektive zu eröffnen.
Im Diskussionspapier schlüsseln die Wissenschaftler auf, wie sich Kuration auf das Bruttosozialprodukt auswirken kann und sich die Investitionen, die für den Aufbau der Krankenversorgung nötig sind, gesellschaftlich wie wirtschaftlich rentieren.
Zwei Partnerschaften werden exemplarisch vorgestellt: eine Partnerschaft zwischen Rostock und Kinshasa/Demokratische Republik Kongo sowie eine Partnerschaft zwischen Tübingen und Blantyre/Malawi. Im Rahmen der Partnerschaften wurden Versorgungsstrukturen aufgebaut. Das Fachpersonal wurde vor Ort geschult sowie bei Aufenthalten in Deutschland.
Diese langfristigen Partnerschaften haben das Potenzial, eine nachhaltige Gesundheitsversorgung vor Ort zu stärken, so die Autorinnen und Autoren. Sie empfehlen der Bundesregierung deshalb, im Rahmen der Strategie „Globale Gesundheit“ die Verschränkung von Prävention und Kuration stärker zu reflektieren und unter anderem ein Rahmenprogramm für die staatliche Förderung institutionalisierter Partnerschaften bereitzustellen.
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