Kingella kingae: Rachenkeim kann Knochen infizieren
Montreal – Ein bis vor wenigen Jahren kaum bekanntes Bakterium gilt heute als der wichtigste Erreger von Knocheninfektionen im frühen Kindesalter. Kanadische und Schweizer Forscher haben den Keim jetzt in der Rachenschleimhaut der erkrankten Kinder gefunden. Ihre Studie im Canadian Medical Association Journal (CMAJ 2017; 189: E1107–11) klärt nicht nur die Pathogenese. Der Rachennachweis des Erregers könnte auch für die Diagnose der Erkrankung wichtig sein.
Knocheninfektionen bei Säuglingen wurden in der Vergangenheit auf klassische Krankheitserreger wie Staphylococcus aureus, Streptococcus pyogenes und Haemophilus influenzae Typ b zurückgeführt. Doch in der Praxis konnten diese Erreger nur selten bei den Patienten nachgewiesen werden. Erst in den 1990er-Jahren wurde erkannt, dass der 1960 von der US-Mikrobiologin Elizabeth King isolierte (und nach ihr benannte) Keim K. kingae für einen nicht unbeträchtlichen Teil der Infektionen verantwortlich ist. Heute ist K. kingae der am häufigsten gefundene Keim bei einer Osteoarthritis im Kleinkindalter.
Die späte Entdeckung hängt damit zusammen, dass sich K. kingae nur sehr schwer im Labor anzüchten lässt. Die meisten Infektionen wurden deshalb übersehen. Dies änderte sich erst mit der Entwicklung der Polymerase-Kettenreaktion (PCR), die heute einen schnellen und eindeutigen Nachweis ermöglicht.
Bisher war unklar, wie die Infektionen erfolgen, auch wenn ein Eindringen invasiver Keime über den Rachen vermutet wurde. K. kingae gehört zu den Keimen, die nach dem sechsten Lebensmonat (aber niemals früher) im Rachen nachweisbar sind.
Jocelyn Gravel von der Universität Montreal und Mitarbeiter haben jetzt in einer Fall-Kontroll-Studie untersucht, ob K. kingae bei Kleinkindern mit infektiöser Osteoarthritis häufiger im Rachen vorhanden ist als bei anderen Kindern. In Zusammenarbeit mit der Universität Genf wurde verglichen, ob 77 Kinder, die wegen einer vermuteten infektiösen Osteoarthritis behandelt wurden, häufiger im Rachenraum mit K. kingae besiedelt waren als 286 gleichaltrige Kindern, die wegen traumatischer Knochenbrüche in den beiden Kliniken behandelt wurden.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei 46 von 65 Kindern (71 Prozent), deren Knocheninfektion bestätigt werden konnte, wurde K. kingae im Oropharynx nachgewiesen. In der Kontrollgruppe war dies nur bei 17 von 286 Kindern (6 Prozent) der Fall. Gravel ermittelt eine Odds Ratio von 38,3, die trotz der geringen Fallzahl mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 18,5 bis 79,1 signifikant war.
Die Studienergebnisse lassen zum einen vermuten, dass die Knocheninfektionen über invasive Keime erworben werden, die aus dem Rachenraum vermutlich hämatogen in den Knochen gelangen. Zum anderen sind die Ergebnisse von klinischer Bedeutung. Rachenabstriche könnten in den vielen Fällen, in denen ein Erregernachweis in Knochen oder Gelenkflüssigkeit nicht gelingt, die Diagnose einer K.-kingae-Infektion bestätigen.
Eine Behandlung ist übrigens häufig erfolgreich. K. kingae reagiert sehr empfindlich auf Penizillin, Ampicillin, Cephalosporine zweiter und dritter Generation, Makrolide, Cotrimoxazol, Tetrazykline und Chloramphenicol. Eine Osteoarthritis durch K. kingae ist zwar häufig selbstlimitierend, das heißt, viele Kinder würden sich auch ohne Behandlung erholen. Die Antibiotika können jedoch nach Einschätzung von Experten die Dauer der Erkrankung deutlich verkürzen.
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugenDiskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: