Ärzteschaft

Krebstherapie: Rate an okulären Nebenwirkungen könnte ansteigen

  • Freitag, 26. September 2025
Auge Seniorin
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Berlin – Moderne Krebsmedikamente wie Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) und Immuntherapien könnten künftig noch häufiger schwerwiegende Nebenwirkungen am Auge verursachen.

Vorgeschriebene augenärztliche Kontrollen vor und während der ADC-Therapie müssten konsequent umgesetzt werden, warnt die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). Denn diese Nebenwirkungen sind nicht nur belastend, sie können auch einen Stopp der Krebstherapie erzwingen, um das Augenlicht zu erhalten.

Das deutsche Gesundheitssystem sei strukturell auf diese Patientinnen und Patienten nicht eingestellt, deren Zahl künftig noch wachsen werde, heißt es in einer Pressemitteilung der DOG. Die Fachgesellschaft fordert eine engere Verzahnung von Onkologie und Augenheilkunde sowie neue Versorgungspfade.

„Die Fortschritte in der Onkologie sind beeindruckend, aber sie haben aus augenärztlicher Perspektive mitunter einen Preis“, stellt Philipp Steven vom Centrum für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln fest. ADCs zeigen zwar vielversprechende Effekte gegen Tumoren, können jedoch auch toxische Veränderungen an der Hornhaut hervorrufen (Clin Transl Oncol. 2023, DOI: 10.1007/s12094-023-03261-y).

„Wir sehen sogenannte Pseudomikrozysten, die sich in die optische Achse bewegen und das Sehvermögen massiv beeinträchtigen können“, erläutert Steven, Experte für onkologische Nebenwirkungen am Auge.

Ähnliches gilt für klassische Therapien wie Chemotherapie und Bestrahlung – sie können das Auge dauerhaft schädigen, von der Netzhaut bis zur Tränendrüse. Gravierend sind auch die Folgen nach Knochenmarktransplantationen: Von jährlich 4.000 Transplantierten entwickeln bis zu 1.200 eine schwere behandlungsbedürftige Augennebenwirkung.

„Umfragen zeigen, dass aber nur 10 bis 20 Prozent der Betroffenen in spezialisierten Zentren versorgt werden“, berichtet der DOG-Experte (Klin Monbl Augenheilkd. 2015; DOI: 10.1055/s-0035-1545930; 2020, DOI: 10.1055/a-0854-3984).

Versorgungslücke für Vor- und Nachsorgestrukturen

Diese Zahl wirft ein Schlaglicht auf das grundsätzliche Problem. „Es gibt keine flächendeckend etablierten Vor- und Nachsorgestrukturen für Nebenwirkungen am Auge, die infolge neuer Krebstherapien auftreten“, stellt Steven fest. Noch handle es sich bei den ADCs um eine relativ geringe Zahl an Patientinnen und Patienten, die aktuell oft innerhalb von Studien oder Compassionate-Use-Programmen (Arzneimittel-Härtefallprogramme) behandelt werden.

„In Zukunft aber ist zu erwarten, dass viele weitere Tumorerkrankungen mit ADCs oder anderen Immuntherapien behandelt werden“, meint Steven. Dementsprechend würde auch die Rate an okulären Nebenwirkungen ansteigen, die einer Therapie bedürfen.

Wirksame Ansätze zur Behandlung gibt es bereits. „Wir empfehlen Tränenersatzmittel, je nach Befund auch Cortisonaugentropfen“, so Steven. „Gute Erfahrungen haben wir außerdem mit Spezialkontaktlinsen und Eigenblutaugentropfen gemacht.“

Für die Zukunft fordert der DOG-Experte ein gestuftes Versorgungskonzept: Kurzfristig sollten spezialisierte (Studien-)Zentren die Betreuung dieser Patientinnen und Patienten übernehmen, mittelfristig augenärztliche Schwerpunktpraxen; langfristig müsste das Thema in der Facharztausbildung verankert werden.

ADCs sind bei vielen soliden und hämatologischen Tumoren (unter anderem Brust-, Blasen-, Ovarial-, Zervixkarzinom, Lymphome) zugelassen. Zu den ADC-Therapien zählen etwa Trastuzumab-Emtansin, Trastuzumab-Deruxtecan, Sacituzumab-Govitecan, Tisotumab vedotin, Brentuximab vedotin, Polatuzumab vedotin oder Enfortumab vedotin.

gie/EB

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