Vermischtes

Kritik an unkritischer Abgabe von Abnehmspritzen auf Onlineplattformen

  • Donnerstag, 26. März 2026
/picture alliance, Roberto Pfeil
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Düsseldorf/Mainz – Onlineplattformen vertreiben GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid zur Gewichtsreduktion, ohne dabei die ärztlichen und pharmakologischen Standards einzuhalten. Das berichten die Verbraucherzentralen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz nach Testkäufen.

Die Verbraucherzentralen wollten im Rahmen des Projektes „Faktencheck Gesundheitswerbung“ prüfen, ob ein Missbrauch möglich ist und wie leicht sich Systemlücken ausnutzen lassen.

Es zeigte sich: Von den sechs getesteten telemedizinischen Plattformen konnten die Tester bei fünf Anbietern durch die Angabe eines fiktiven Gewichts in einem Onlinefragebogen problemlos auch als normalgewichtige Person das Medikament bestellen.

Zudem war eine Verschreibung der Wirkstoffe allein auf Grundlage eines Online-Fragebogens möglich, ohne dass ein direkter ärztlicher Kontakt stattgefunden hat. Aus Sicht der Verbraucherzentrale entspricht eine solche Praxis nicht den erforderlichen ärztlichen Standards.

Keine ausreichenden Kontrollmechanismen

„Dieses Ergebnis zeigt, dass die Kontrollmechanismen der telemedizinischen Plattformen nicht ausreichend sind“, hieß es aus den Verbraucherzentralen. Für eine verantwortungsvolle Verschreibung seien in der Regel eine sorgfältige Anamnese, eine individuelle Risikoaufklärung sowie eine ärztliche Beratung erforderlich. Diese Voraussetzungen könnten bei ausschließlich fragebogenbasierten Verschreibungsprozessen nicht erfüllt werden.

Auch rechtlich sei die Praxis kritisch zu bewerten – denn das ärztliche Berufsrecht erlaube Fernbehandlungen nur dann, wenn nach allgemein anerkannten fachlichen Standards ein persönlicher Arztkontakt nicht erforderlich ist.

Medikamente wie die GLP-1-Rezeptoragonisten seien aber mit möglichen Nebenwirkungen verbunden – von Übelkeit und Erbrechen bis hin zu seltenen, schwerwiegenden Komplikationen wie Entzündungen der Bauchspeicheldrüse.

„Eine sorgfältige Anamnese, persönliche ärztliche Aufklärung und ärztliche Beratung sind für eine verantwortungsvolle Verschreibung unerlässlich, um Patientinnen und Patienten vor gesundheitlichen Schäden zu schützen und einen missbräuchlichen Einsatz zu verhindern“, schreiben die Verbraucherzentralen. Dies sei auch über eine Videosprechstunde möglich. 

Relevanter Gewichtsverlust nur mit zwei Substanzen möglich

Auch die Stiftung Warentest rät davon ab, auf eigene Faust Abnehmspritzen im Internet zu kaufen, hieß es auf einer Pressekonferenz. Die Verbraucherorganisation hat heute einen Testbericht veröffentlicht, in dem sie Nutzen und Risiken aller in Deutschland zugelassenen Präparate zu Gewichtsreduktion überprüfte. Das sind 17 Mittel mit vier Wirkstoffen in unterschiedlichen Dosierungen

Demnach eignen sich Semaglutid und Tirzepatid, um Gewicht zu verlieren, die beiden anderen Mittel Liraglutid und Orlistat hingegen nicht. Indiziert sind Semaglutid und Tirzepatid zum Abnehmen jedoch nur bei Menschen mit einem Body-Mass-Index ab 27 kg/m², wenn mindestens eine gewichtsbedingte Erkrankung vorliegt, oder ab 30 kg/m² (Adipositas).

Das positive Nutzen-Risiko-Verhältnis bei Tirzepatid führt die Stiftung Warentest auf einen zu erwartenden Gewichtsverlust von 13 bis 19 Prozent innerhalb eines Jahres bei einem akzeptablen Nebenwirkungsprofil zurück. Dieser halte bei kontinuierlicher Anwendung drei Jahre an.

Die entsprechenden Angaben für Semaglutid sind ein Gewichtsverlust von neun bis zwölf Prozent, der bis zu zwei Jahre stabil bleibt. Allerdings würde die Therapie häufiger als diejenige mit Tirzepatid abgebrochen, betont die Verbraucherzentrale.

Selbstläufer seien die Mittel aber nicht. „Ich rate ausdrücklich davon ab, sich allein auf die medikamentöse Therapie zu verlassen“, erklärte Claudia Michael von der Stiftung Warentest. Für langfristige Erfolge seien Veränderungen des Lebensstils wie mehr Bewegung und eine geringere Kalorienzufuhr entscheidend.

Zudem mangele es noch an Daten zu den Langzeitwirkungen der Medikamente. Nach dem Absetzen steige das Gewicht häufig wieder an. Die Kosten tragen die Nutzer selbst, von den Krankenkassen werden sie nicht erstattet. Je nach Wirkstoff und Dosierung kann die Therapie bis zu knapp 500 Euro im Monat kosten.

hil/aks/afp

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