Ärzteschaft

Lockdownverlängerung aus ärztlicher Sicht unvermeidlich

  • Donnerstag, 11. Februar 2021
/Heiko Küverling, stock.adobe.com
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Berlin – Grundsätzlich begrüßen die ärztlichen Standesvertreter die gestern von Bund und Ländern be­schlossene Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März. Angesichts der vielen offenen Fragen zur Ver­breitung der neuen Coronavarianten in Deutschland sei dies „zum jetzigen Zeitpunkt aus Gründen der Vorsicht unvermeidlich“, betonte etwa der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt.

Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), sagte, es sei richtig, die bestehenden Kon­takt­beschränkungen als zentrales Element der Infektionsabwehr bis in den März weiterzuführen. Damit sei die Hoffnung verbunden, eine zu befürchtende dritte Welle besser eindämmen zu können. „Ich ver­misse aber einen klaren Plan für die Zeit der schrittweisen Öffnung, wenn niedrige Infektionszahlen Lo­ckerungen möglich machen“, so Johna weiter.

Auch Reinhardt kritisierte das Fehlen einer klaren Öffnungsperspektive in den jüngsten Bund-Länder-Be­schlüssen zur Coronapolitik. „Wir hätten uns gewünscht, dass Bund und Länder auch Grundsatzentschei­dun­gen darüber treffen, wie wir schrittweise mit vernünftigen Hygienekonzepten erste Eindämmungs­maß­nahmen zurückfahren können, sobald sich die Infektionslage weiter verbessert hat“, sagte er der Rheinischen Post. Davon sei in dem Beschluss­papier nur wenig Konkretes zu lesen.

„Spätestens jetzt sollten die Verantwortlichen die Zeit nutzen, um belastbare Konzepte für eine sukzes­si­ve Öffnung des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln, die auch vor dem Hintergrund der Verbreitung der neuen Virusvarianten Bestand haben", forderte der Mediziner. Nötig sei unter anderem ein bundes­ein­heitlicher Stufenplan für den Wiedereinstieg in den Präsenz­betrieb an den Schulen in Abhängigkeit der regionalen Infektionslage. Senioren- und Pflegeheime müssten zudem stärker als bisher bei der Um­setzung von Hygieneplänen unterstützt werden.

Bund und Länder hatten gestern beschlossen, dass es während des verlängerten Lockdowns zunächst nur für Friseure sowie für Kitas und Schulen Ausnahmen geben soll. Weitere Öffnungsschritte sollen die Länder veranlassen können, wenn bei ihnen die Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 fällt.

Diese Fokussierung auf den Inzidenz-Wert sieht Reinhardt kritisch. Er sei „ein wichtiges Kriterium zur Bewertung der Infektionslage, er sollte aber nicht das einzige Kriterium sein“. Bei der nächsten Bund-Länder-Konferenz am 3. März müsse dies „neu diskutiert werden“.

Dagegen lobte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) den neuen Zielwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. „Das zeigt mir, dass die Experten, die die Bundesregierung beraten, auch gehört und verstanden werden“, sagte DIVI-Präsidi­umsmitglied Uwe Janssens der Rheinischen Post von heute.

„Mit Blick auf die Beschlüsse zur Öffnung der Schulen hätte ich mir allerdings ein einheitliches Vorgehen sehr gewünscht und bin enttäuscht, dass es wieder 16 individuelle Regelungen geben wird“, fügte Jans­sens hinzu. Laut der Vereinbarungen von gestern entscheiden die Länder jeweils selbst, wie sie mit Schu­len und Kitas weiter verfahren.

Die MB-Vorsitzende Johna wies zudem darauf hin, dass zu einer umfassenden Strategie auch gehöre, zusätzliche Impfdosen nachzubestellen, die Impfstoffproduktion weiter auszubauen und die Impfstoffe an die neuen Mutanten anzupassen. Im Kontext möglicher Lockerungen müssten alle verfügbaren Test­kapazitäten ausgeschöpft werden. Derzeit gehe die Anzahl der PCR-Testungen auf das Coronavirus zu­rück – hier brauche es eine Trendwende. Auch der Ausbau der Sequenzierung sei eine Grundvorausset­zung, um das Infektionsgeschehen zu überblicken.

aha/afp

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