Lockdownverlängerung aus ärztlicher Sicht unvermeidlich

Berlin – Grundsätzlich begrüßen die ärztlichen Standesvertreter die gestern von Bund und Ländern beschlossene Verlängerung des Lockdowns bis zum 7. März. Angesichts der vielen offenen Fragen zur Verbreitung der neuen Coronavarianten in Deutschland sei dies „zum jetzigen Zeitpunkt aus Gründen der Vorsicht unvermeidlich“, betonte etwa der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt.
Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), sagte, es sei richtig, die bestehenden Kontaktbeschränkungen als zentrales Element der Infektionsabwehr bis in den März weiterzuführen. Damit sei die Hoffnung verbunden, eine zu befürchtende dritte Welle besser eindämmen zu können. „Ich vermisse aber einen klaren Plan für die Zeit der schrittweisen Öffnung, wenn niedrige Infektionszahlen Lockerungen möglich machen“, so Johna weiter.
Auch Reinhardt kritisierte das Fehlen einer klaren Öffnungsperspektive in den jüngsten Bund-Länder-Beschlüssen zur Coronapolitik. „Wir hätten uns gewünscht, dass Bund und Länder auch Grundsatzentscheidungen darüber treffen, wie wir schrittweise mit vernünftigen Hygienekonzepten erste Eindämmungsmaßnahmen zurückfahren können, sobald sich die Infektionslage weiter verbessert hat“, sagte er der Rheinischen Post. Davon sei in dem Beschlusspapier nur wenig Konkretes zu lesen.
„Spätestens jetzt sollten die Verantwortlichen die Zeit nutzen, um belastbare Konzepte für eine sukzessive Öffnung des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln, die auch vor dem Hintergrund der Verbreitung der neuen Virusvarianten Bestand haben", forderte der Mediziner. Nötig sei unter anderem ein bundeseinheitlicher Stufenplan für den Wiedereinstieg in den Präsenzbetrieb an den Schulen in Abhängigkeit der regionalen Infektionslage. Senioren- und Pflegeheime müssten zudem stärker als bisher bei der Umsetzung von Hygieneplänen unterstützt werden.
Bund und Länder hatten gestern beschlossen, dass es während des verlängerten Lockdowns zunächst nur für Friseure sowie für Kitas und Schulen Ausnahmen geben soll. Weitere Öffnungsschritte sollen die Länder veranlassen können, wenn bei ihnen die Sieben-Tage-Inzidenz unter 35 fällt.
Diese Fokussierung auf den Inzidenz-Wert sieht Reinhardt kritisch. Er sei „ein wichtiges Kriterium zur Bewertung der Infektionslage, er sollte aber nicht das einzige Kriterium sein“. Bei der nächsten Bund-Länder-Konferenz am 3. März müsse dies „neu diskutiert werden“.
Dagegen lobte die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) den neuen Zielwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. „Das zeigt mir, dass die Experten, die die Bundesregierung beraten, auch gehört und verstanden werden“, sagte DIVI-Präsidiumsmitglied Uwe Janssens der Rheinischen Post von heute.
„Mit Blick auf die Beschlüsse zur Öffnung der Schulen hätte ich mir allerdings ein einheitliches Vorgehen sehr gewünscht und bin enttäuscht, dass es wieder 16 individuelle Regelungen geben wird“, fügte Janssens hinzu. Laut der Vereinbarungen von gestern entscheiden die Länder jeweils selbst, wie sie mit Schulen und Kitas weiter verfahren.
Die MB-Vorsitzende Johna wies zudem darauf hin, dass zu einer umfassenden Strategie auch gehöre, zusätzliche Impfdosen nachzubestellen, die Impfstoffproduktion weiter auszubauen und die Impfstoffe an die neuen Mutanten anzupassen. Im Kontext möglicher Lockerungen müssten alle verfügbaren Testkapazitäten ausgeschöpft werden. Derzeit gehe die Anzahl der PCR-Testungen auf das Coronavirus zurück – hier brauche es eine Trendwende. Auch der Ausbau der Sequenzierung sei eine Grundvoraussetzung, um das Infektionsgeschehen zu überblicken.
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