Medizin

Mammographie: Aufklärung über mögliche Überdiagnose senkt Bereitschaft zum Screening

  • Mittwoch, 18. Februar 2015
Uploaded: 18.02.2015 19:32:41 by mis
dpa

Sydney – Die Aufklärung über die Vor- und Nachteile einer Krebsfrüherkennung ist eine schwierige Aufgabe, die australischen Medizinern in einer randomisierten Studie zur Mammographie offenbar nur teilweise gelang. Ihre Publikation im Lancet (2015; doi: org/10.1016/S0140-6736(15)60123-4) zeigt, dass die Information über eine mögliche Überdiagnose die Bereitschaft zum Screening herabsetzt. Am Ende entschied sich jedoch die Mehrheit für die Mammographie.

Die informierte Entscheidung („informed choice“) sollte bei der Krebsfrüherkennung eine Selbstverständlichkeit sein. Kirsten McCaffery von der Universität Sydney hält sie sogar für einen „ethischen Imperativ“. Für medizinische Laien ist es jedoch schwierig, die medizinischen Überlegungen zu den individuellen Vor- und Nachteilen eines Screenings zu verstehen und ihr individuelles Risiko aufgrund von Studienergebnissen einzu­schätzen.

Dass nicht alle Karzinome entdeckt werden (falschnegative Ergebnisse) und dass nicht hinter jedem Befund ein Tumor steckt (falschpositive Ergebnisse) und was dies für die Betroffenen bedeutet, ist schwer zu vermitteln. Vor allem die Tatsache, dass ein im Screening entdeckter „echter“ Krebs unbehandelt nicht notwendigerweise zum Tod führt (Überdiagnose), kann bei den Betroffenen, die sich aus Anlass der Einladung zum Screening das erste Mal mit solchen „Spitzfindigkeiten“ beschäftigen, leicht Verwirrung auslösen.

Dies mussten auch das Team um McCaffery erfahren, das in einer randomisierten Studie 879 Frauen mit der Einladung zur Mammographie eine Entscheidungshilfe zuschicken ließ. Bei der Hälfte der Frauen enthielt die Broschüre neben den üblichen Informationen auch Angaben zur Überdiagnose, bei den anderen wurde auf diese spezielle Information verzichtet. Später wurde in einem Fragebogen geprüft, ob die Frauen die Angaben verstanden hatten.

Ein angemessenes Wissen („adequate knowledge“) hatten laut McCaffery nach der üblichen Aufklärung gerade einmal 17 Prozent der Teilnehmerinnen erworben. Bei den Frauen, die zusätzlich zur Problematik der Überdiagnose informiert wurden, stieg der Anteil der Frauen mit einem „adequate knowledge“ auf 29 Prozent an. Dies ist eine Differenz von 12 Prozentpunkten, die bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 6 bis 19 Prozentpunkten statistisch signifikant war.

Signifikant angestiegen von 15 auf 24 Prozent war auch der Anteil der Frauen, die laut McCaffery eine informierte Entscheidung („informed choice“) trafen. Dieser Endpunkt berücksichtigt neben dem „adequate knowledge“ auch die allgemeine positive oder negative Haltung („attitude“) gegenüber dem Screening. Am Ende blieb es aber dabei, dass drei Viertel aller gefragten Frauen die Finessen, die mit dem Screening verbunden sind, nicht völlig verstanden hatten. Die Fragen zum allgemeinen Konzept des Screening „conceptual knowledge“ konnten die meisten dagegen richtig beantworten.

Grundlage der Informationsbroschüren war ein Gutachten des Independent UK Panel on Breast Cancer Screening aus dem Jahr 2012, das seinerzeit von der britischen Regierung und der Stiftung Cancer UK beauftragt worden war, die Vor- und Nachteile des Brustkrebsscreenings gegenüberzustellen. Die Experten kamen damals im Lancet (2012; 380: 1778-86) zu dem Ergebnis, dass das Screening im Verlauf von 20 Jahren 5 von 1.000 teilnehmenden Frauen das Leben rettet. Gleichzeitig würden 17 Frauen wegen eines Tumors behandelt, der ohne Screening niemals symptomatisch geworden wäre. Das Votum der Experten fiel eindeutig positiv aus.

Es stand zu befürchten, dass die erweiterte Aufklärung die Rate der Frauen senkt, die sich am Ende für ein Screening entscheidet. Dies war tatsächlich der Fall: Statt 87 Prozent wollten 74 Prozent weiter am Brustkrebsscreening teilnehmen. Der Unterschied von 13 Prozentpunkten (8-19 Prozentpunkte) war signifikant. Damit hatten sich am Ende aber zwei von drei Frauen für das Screening entschieden.

rme

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