Marcumar: Gerinnungs-Selbstmanagement gelingt vor allem jüngeren Patienten
Oxford – Mobile Geräte zur Selbstmessung der Blutgerinnung machen es möglich, verantwortungsbewusste Patienten in die Therapie mit oralen Antikoagulantien einzubeziehen. Dies gelingt laut einer Meta-Analyse im Lancet (2011 doi: 10.1016/S0140- 6736(11)61294-4) vor allem jüngeren Patienten mit mechanischen Herzklappen, während ein Vorteil bei älteren Patienten mit Vorhofflimmern oft nicht nachweisbar ist.
In Deutschland betreiben etwa eine halbe Millionen Patienten eine orale Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon (Marcumar) oder Warfarin. Jeder Fünfte nutzt die Möglichkeit, den INR-Wert selbst zu kontrollieren. In den USA soll der Anteil nur ein Prozent betragen.
Die Selbstmessung und das Selbstmanagement sind nicht ohne Risiken. Die therapeutische Breite der Medikamente ist gering: Eine Überdosierung kann schnell zu einer tödlichen Blutung führen, bei einer Unterdosierung wird kein Schutz vor thromboembolischen Ereignissen erzielt.
Hinzu kommt, dass viele Medikamente und Nahrungsmittel den Abbau von Phenprocoumon und Warfarin beeinflussen. Regelmäßige Kontrollen der Blutgerinnung sind deshalb unerlässlich.
Die Sicherheit von Selbstkontrolle und Selbstmanagement sind in den letzten Jahren in (mindestens) 11 randomisierten klinischen Studien mit 6.417 Patienten untersucht worden, deren Ergebnisse Carl Heneghan und Mitarbeiter der Universität Oxford jetzt in eine Meta-Analyse einfließen ließ. Die „Self-Monitoring Trialist Collaboration“ ging dabei sehr sorgfältig vor: Sie kontaktierte die Autoren der einzelnen Studien und konnte die individuellen Daten der einzelnen Patienten verwenden.
Die Ergebnisse bestätigen die guten Erfahrungen vieler Zentren. Vor allem die Rate der thromboembolischen Komplikationen wird deutlich gesenkt. Für die Gesamtgruppe aller Patienten ermittelte Heneghan eine Hazard Ratio (HR) von 0,51 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,31–0,85), was einer Halbierung des relativen Thromboembolierisikos bedeutet. Das Selbst-Monitoring vermeidet Heneghan zufolge 42 thromboembolische Ergebnisse auf 1.000 Patienten, die über einen Zeitraum von 5 Jahren eine orale Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten betreiben.
Die besten Ergebnisse wurden bei jüngeren Patienten (unter 55 Jahre) erzielt. Bei ihnen sank das Thromboembolierisiko um zwei Drittel (HR 0,33; 0,17-0,66). Das Selbstmonitoring vermeidet hier 48 thromboembolische Ereignisse auf 1.000 Patienten bei 5 Jahren Behandlung.
Die häufigste Indikation für eine orale Antikoagulation ist bei jüngeren Patienten in der Regel eine mechanische Herzklappe. Die verbesserte Reduktion thromboembolischer Ereignisse (HR 0,52; 0,35-0,77) führen die Autoren auf ein höherer Problembewusstsein der Patienten zurück im Vergleich zu den überwiegend älteren Menschen mit Vorhofflimmern, bei denen das Selbstmonitoring keine signifikante Verbesserung der Thromboembolieprophylaxe erzielte.
Bei ihnen war, wie auch bei allen anderen Altersgruppen, die Rate von Blutungskomplikationen nicht erhöht. Auch der Endpunkt Tod trat unter den Patienten, die Selbstkontrolle und Selbstmanagement betrieben, nicht häufiger auf.
Einzige Ausnahme war ein, wenn auch statistisch nicht signifikanter Anstieg um 12 Prozent (HR 1,12; 0,83-1,51) in der Altersgruppe der über 75-Jährigen. Die Editorialisten Paul Alexander Kyrle und Sabine Eichinger von der Medizinischen Universität Wien raten das Selbstmonitoring vor allem jüngeren Menschen mit mechanischen Herzklappen anzubieten.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: