Mehrstündige Flüge bei Kopftrauma möglicherweise problematisch
Baltimore – Soldaten mit einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) über mehrere Stunden aus dem Kriegsgebiet zu einem Krankenhaus mit umfassenden Versorgungsmöglichkeiten zu fliegen, könnte auf Grund von ungünstigen Druckverhältnisse während des Fluges eine zusätzliche Belastung für das Gehirn bedeuten. Dies geht zumindest aus tierexperimentellen Daten hervor, welche für die langfristigen Unterdruckverhältnisse eine zusätzliche Hirnschädigung zeigten. Alan Faden und seine Arbeitsgruppe an der University of Maryland berichten im Journal of Neurotrauma über eine von der US-Air Force finanzierten Studie (doi:10.1089/neu.2015.4189).
Im Rahmen der Erstversorgung empfehlen viele Leitlinien laut den Autoren außerdem die Gabe von Sauerstoff. Dies soll neuroprotektive Effektive bieten, jedoch ist der Nutzen laut den Autoren nicht eindeutig belegt. Im Zusammenhang mit den niedrigeren Druckverhältnissen während der langen Transporte seien die Konsequenzen einer solchen prolongierten Sauerstofftherapie letztlich unbekannt.
Die Forscher testeten den Effekt der veränderten Druckverhältnisse und den Nutzen einer Sauerstoffgabe bei Ratten mit einer traumatischen Hirnschädigung. Als Kontrollgruppe dienten Tiere, denen nur ein Trauma zugefügt wurde ohne weitere Therapie und scheinoperierte Ratten.
Die Tiere wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten nach der Schädigung (sechs Stunden, 24 Stunden, 72 Stunden und sieben Tage) über sechs Stunden einem niedrigen Luftdruck von 568 mmHg ausgesetzt (normal= 765 mmHg) und mit 28 Prozent oder mit 100 Prozent Sauerstoff beatmet. Die Forscher kontrollierten die neurologischen Auswirkungen dieser Exposition und das Maß der Hirnschädigung nach 30 Tagen.
Sie stellten fest, dass der niedrige Luftdruck nach der Schädigung die kognitiven Fähigkeiten der Ratten negativ beeinflusste. Auch der Neuronenverlust im Hippocampus fiel durch die hypobare Intervention stärker aus und die Entzündungsreaktion im Gehirn nahm zu. Je früher die Ratten nach dem SHT dem geringen Luftdruck ausgesetzt wurden, desto stärker war der Schaden.
In Bezug auf die zusätzliche Gabe von 100 Prozent Sauerstoff konnten die Wissenschaftler eher negative Effekte feststellen. Die beschriebenen Schäden durch den niedrigen Luftdruck verstärkten sich durch die Sauerstoffgabe zusätzlich.
Die Wissenschaftler gehen auf Grund der Ergebnisse davon aus, dass Ärzte lange Lufttransporte nach einem SHT und die zusätzliche Gabe von Sauerstoff kritisch abwägen müssten. Möglicherweise könnte ein stundenlanger Flugtransport den Vorteil einer besseren Versorgung in weiter entfernten Krankenhäusern aufheben. Allerdings fehle es an klinischen Studien, die diese Hypothese stützten.
Für die Versorgung von Unfallopfern mit SHT in Deutschland hat die US-Militär-Studie aber zunächst keine Implikationen, erläutert die Arbeitsgemeinschaft Medizinische Leiter der Luftrettungsorganisationen in Deutschland (AG MedLO) gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Das experimentelle Luftdruckniveau in der Studie entspreche einer Flughöhe von rund 2.500 Metern über Normalnull, während Rettungshubschrauber in Deutschland üblicherweise in einer Höhe von rund 200 Metern über Grund operierten, so dass ungünstige Druckverhältnisse hier keine Rolle spielten.
Zudem entsprächen die im Tierexperiment simulierten Flugzeiten von mehreren Stunden und die Latenzzeit zwischen Verletzung und simuliertem Flug nicht den Gegebenheiten bei der Unfallrettung in Deutschland. „Die Frage nach einem fluginduzierten Schaden stellt sich bei uns nicht, im Gegenteil sprechen viele klinische Studien für eine schnellstmögliche Behandlung dieser Patienten in Traumazentren, was häufig nur durch einen Hubschraubertransport realisiert werden kann“, so das Fazit der AG.
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