MERS: Zwei Antikörper zeigen im Mäusemodell Wirkung

Tarrytown – Die US-Firma Regeneron hat zwei monoklonale Antikörper gefunden, die das MERS-Coronavirus neutralisieren und in präklinischen Experimenten an einem ebenfalls von der Firma entwickelten Mäusemodell Wirkung zeigten. Derzeit werde mit dem Gesundheitsministerium geprüft, ob die in den Proceedings of the National Academy of Sciences 2015 (doi:10.1073/pnas.1510830112) vorgestellten Ergebnisse Grundlage für einen klinischen Einsatz der Antikörperpräparate bilden könnten, heißt es in einer Pressemitteilung.
Derzeit gibt es – außer der symptomatischen Stabilisierung der Patienten – keine effektive Therapie für das Middle East Respiratory Syndrome (MERS). Ursache der Erkrankung ist eine Infektion mit einem Coronavirus. Für Virusinfektionen gibt es im Prinzip seit einem Jahrhundert eine effektive Behandlungsmöglichkeit, die aber selten angewendet wird: die Serumtherapie.
Es handelt sich um eine passive Immunisierung, bei der die Patienten mit neutralisierenden Antikörpern behandelt werden, die zuvor in Tieren erzeugt wurden. Die Herstellung dieser gewissermaßen natürlichen Antikörperpräparate ist allerdings zeitaufwendig und die Gabe der Seren kann schwere allergische Reaktionen auslösen. Bei Coronaviren kommt hinzu, dass bisher ein geeignetes Tiermodell fehlte (obwohl sich eine Vermehrung in Kamelen, die als Überträger vermutet werden, im Prinzip anbieten würde). Gegen die Serumtherapie spricht auch der hohe Zeitaufwand, der mit der Infektion der Tiere und der umständlichen Gewinnung des Serums verbunden ist.
Diese Probleme glauben Wissenschaftler von Regeneron, einer US-Pharmafirma mit Sitz in Tarrytown nördlich von New York, durch zwei Erfindungen umgehen zu können. Die erste Technik, VelociGene genannt, erlaubt die Herstellung von genmodifizierten Mäusen. Mit ihr gelang es einem Team um George Yancopoulos von Regeneron zusammen mit Wissenschaftlern der University of Maryland School of Medicine in Baltimore, Mäuse genetisch so zu verändern, dass sie mit dem MERS-Coronavirus infiziert werden können.
Dies funktionierte, weil die Forscher den Tieren das Gen für Dipeptidylpeptidase IV (DDP 4) ins Erbgut integrierten. DDP 4 ist Medizinern als Angriffspunkt für eine Gruppe von oralen Antidiabetika ein Begriff: Die DDP 4-Inhibitoren sind gegen Enzyme im Blut gerichtet. DDP 4 ist jedoch auch auf der Membran vieler Körperzellen vorhanden, beispielsweise auf Endothelzellen, Hepatozyten, Enterozyten und den Zellen der renalen Glomeruli und der proximalen Tubuli der Niere.
Dort dient es Coronaviren als Rezeptor, sprich als Eintrittspforte in die Zellen. Die gentechnischen Mäuse, die DDP 4 bilden, erkranken an MERS und entwickeln auch Antikörper, die allerdings auf das Immunsystem der Mäuse zugeschnitten sind.
Um humane Antikörper in größerer Anzahl produzieren zu können, verwendeten die Forscher ein zweites Mäusemodell, das Regeneron als VelocImmune bezeichnet. Diese Mäuse verfügen über die Gene des menschlichen Immunsystems und produzieren deshalb humanisierte Antikörper. Den Forschern ist es mit dieser zweiten Maus gelungen, zwei unterschiedliche Antikörperpräparate, REGN3051 und REGN3048, zu entwickeln.
Diese wurden dann am ersten Mäusemodell (VelociGene) getestet. In der ersten Testserie wurde untersucht, ob eine vorbeugende Behandlung den Ausbruch der Erkrankung verhindern kann. In einer zweiten Testserie wurden die Tiere nach einer Infektion behandelt. In beiden Testserien haben die Forscher Hinweise auf eine Wirksamkeit gesehen.
Eine vorsichtige Beurteilung scheint berechtigt, da die Mäuse nur sehr bedingt die Situation beim Menschen widerspiegeln. Eine Infektion mit dem MERS-Coronavirus verläuft bei ihnen selten tödlich. In den Lungen der Tiere milderten REGN3051 und REGN3048 jedoch die typischen Erkrankungszeichen (im Wesentlichen Entzündungsreaktionen im Interstitium und um die Gefäße herum).
Inwiefern von diesen Ergebnissen auf eine Wirksamkeit beim Menschen geschlossen werden kann, bleibt fraglich. Normalerweise müssten die Präparate zunächst die klinische Entwicklung durchlaufen. Der Hersteller hat jedoch Kontakt mit dem Biomedical Advanced Research and Development Authority (BARDA) aufgenommen, das für das US-Gesundheitsministerium die Entwicklung und den Ankauf von Impfstoffen regelt.
Dass die Mittel über diesen Weg an der Arzneibehörde FDA vorbei zum Einsatz gelangen, ist eher unwahrscheinlich. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn es in den USA, wie derzeit in Südkorea zu einer Epidemie kommen sollte. Regeneron hat auf dem gleichen Weg ein ähnliches Antikörper-Präparat gegen Ebola-Viren entwickelt. Die Forscher glauben, dass sie mit ihrer Technologie auch auf andere „emerging infections“ reagieren können.
Die Situation in Südkorea scheint sich langsam zu entspannen, auch wenn es zwischen dem 24. und 26. Juni 2015 noch einmal sechs zusätzliche Neuerkrankungen gegeben hat und die Gesamtzahl damit auf 181 gestiegen ist. Die Zahl der Todesfälle hat sich um 4 auf 31 erhöht. Weltweit sind der WHO seit September 2012 insgesamt 1.356 im Labor bestätigte Fälle gemeldet worden, von denen mindestens 484 gestorben sind. Das MERS-Coronavirus wird vermutlich von Dromedaren auf den Menschen übertragen. Auf der arabischen Halbinsel ist MERS inzwischen endemisch mit einem Anstieg der Erkrankungsfälle im Frühjahr.
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