Nach Regierungskritik: Organisatoren von US-Diabeteskongress werfen Fachleute raus

New Orleans – Fünf anerkannte Diabetes-Fachleute sind wegen eines regierungskritischen Texts vom Jahreskongress der American Diabetes Association (ADA) ausgeschlossen worden. Die Polizei warf die Experten Medienberichten zufolge auf Geheiß der Veranstalter der ADA aus dem Konferenzgebäude. Sie hätten gegen interne Regularien verstoßen, hieß es.
Einige Tage später entschuldigte sich der Chief Executive Officer der ADA, Charles Henderson, in einer Videobotschaft bei den Betroffenen. „Mit tun die Verletzungen, die Frustration und der Schmerz, die dadurch entstanden sind, sehr leid.“ Viele Mitglieder der Diabetes-Gemeinschaft seien durch das Geschehene enttäuscht und besorgt. Henderson kündigte eine unabhängige Untersuchung an, ein solcher Vorfall dürfe sich nicht wiederholen.
Die Diabetes-Fachleute hatten auf der Konferenz in New Orleans die gedruckte Version eines zum Teil von ihnen geschriebenen Leitartikels verteilt. In dem Text, der in dem ADA-Journal Diabetes Care erschienen war, gehen die Autorinnen und Autoren insbesondere mit der Gesundheits- und Forschungspolitik der US-Regierung hart ins Gericht.
Über den Rauswurf berichteten verschiedene Medien, unter anderem die Washington Post, die New York Times und das British Medical Journal (BMJ). Das Onlineportal Medpage veröffentlichte ein Video von dem Vorfall.
„Sie haben uns physisch gepackt, uns aus dem Konferenzzentrum gezwungen und sagen uns nun, dass wir nicht mehr an dieser Veranstaltung teilnehmen dürfen“, sagte Aaron Kelly, Co-Direktor des Centre for Paediatric Obesity Medicine und Professor für Pädiatrie an der University of Minnesota, der zu den Rausgeworfenen gehört. „Es ist wirklich so weit gekommen in Amerika. Zensur ist Realität“, sagte er der Washington Post.
Zu den Betroffenen gehört auch Steven Kahn, Chefredakteur von Diabetes Care und Hauptautor des Leitartikels, in dem Ärztinnen und Ärzte aufgefordert werden, sich gegen Maßnahmen der Trump-Regierung zu stellen, „die schwerwiegende gesundheitliche Folgen verursacht haben“.
Der Leitartikel verweist auf „die zahlreichen Masernausbrüche und die damit verbundenen vermeidbaren Todesfälle, die zum Teil darauf zurückzuführen sind, dass widerlegte Theorien über die Schädlichkeit der Masernimpfung hochgespielt wurden“ sowie auf „die Verbreitung der Vorstellung, dass Diabetes durch eine ‚Umstellung der Ernährung‘ heilbar sei“.
Kahn, Professor für Medizin an der University of Washington, sollte auf der ADA-Tagung ein Poster präsentieren, einen Vortrag halten und eine Sitzung leiten, doch die Verantwortlichen des Verbandes sagten diese Aufgaben laut dem BMJ ab.
Der Leitartikel weist unter anderem darauf hin, dass der von der Trump-Regierung vorgeschlagene Haushalt 2027 für die National Institutes of Health (NIH) zusätzlich zu früheren Kürzungen eine weitere Budgetsenkung von fünf Milliarden US-Dollar vorsieht.
Diese Kürzungen würden „Trickle-down“-Effekte auf Universitäten und Forscher haben, schreibt die Autorengruppe des Leitartikels und fügt hinzu, dass dadurch die Belegschaft der NIH stark reduziert werde, einschließlich des „hinter den Kulissen“ tätigen Personals, das die Arbeit erst möglich mache.
„Dieser Abbau von Schlüsselpersonal hat die Infrastruktur der NIH zerrüttet und eine riesige Lücke hinterlassen, sodass die NIH nicht mehr in der Lage ist, mit der Öffentlichkeit, den Universitäten und den Forschern, denen sie dienen, zu kommunizieren“, so die Autorengruppe.
Der Bericht ruft „alle besorgten Bürger unseres geliebten Landes dazu auf, sich an ihre Kongressabgeordneten zu wenden, um ihre Besorgnis über die Vorgänge bei den NIH zum Ausdruck zu bringen … Jetzt ist es an der Zeit, den rasanten Niedergang der Vereinigten Staaten von Amerika als führende Nation im Bereich der Gesundheitsinnovation zu erkennen und dagegen anzukämpfen“, heißt es in dem Beitrag.
Die ADA selbst reagierte direkt nach dem Zwischenfall kurz – mit drei Sätzen – auf den Vorgang. „Als 501(c)(3)-Organisation (also als Non-Profit-Organisation, Anmerkung der Redaktion) verfügt die ADA über Sicherheitsvorkehrungen, um sicherzustellen, dass sie alle Vorschriften der US-Steuerbehörde einhält“, heißt es.
Dazu gehöre die Aufrechterhaltung eines streng überparteilichen Umfelds bei allen Veranstaltungen und Anlässen der Organisation, während man über Parteigrenzen hinweg zusammenarbeite, um „unsere Mission voranzubringen“.
„Wir haben wissenschaftliche Forschung, respektvollen Dialog und vielfältige Perspektiven stets begrüßt und werden dies auch weiterhin tun, um bessere Ergebnisse für Menschen mit Diabetes und Adipositas zu erzielen“, so die ADA.
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugenDiskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit:
2