Nebenwirkung: Statine machen Muskeln müde
San Diego – Obwohl Statine zu den am häufigsten verordneten Medikamenten gehören und ihre Sicherheit wie bei kaum einer anderen Wirkstoffgruppe durch randomisierte klinische Studien geprüft wurde, scheint eine häufige Nebenwirkung bisher übersehen worden zu sein. Nach den Ergebnissen einer aktuellen randomisierten klinischen Studie in den Archives of Internal Medicine (2012; doi: 10.1001/archinternmed.2012.2171) kommt es bereits unter einer niedrigen Dosierung zu einer Ermüdung der Muskulatur, die die sportliche Leistungsfähigkeit beeinträchtigt.
Die Nebenwirkung ist zunächst bei Leistungssportlern aufgefallen. Der österreichische Internist Helmut Sinzinger, Wien, berichtete bereits vor einiger Zeit, dass es fast unmöglich sei, Leistungssportler, die an einer familiären Hypercholesterinämie leiden, mit Statinen zu behandeln.
Fast immer klagten die Sportler nach Beginn der Therapie über Muskelschmerzen, die sie vom Training abhält und die nach dem Absetzten des Medikaments wieder verschwinden (British Journal of Clinical Pharmacology 2004; 57: 525-528). Auch Beatrice Golomb von der Universität von Kalifornien in San Diego kennt solche Fälle, was die Forscherin veranlasste, in einer aktuellen randomisierten klinischen Studie zur Statintherapie gezielt danach zu suchen.
In der University of California San Diego (UCSD) Statin Study wurden 1.016 ansonsten gesunde hypercholesterinämische Männer und Frauen auf eine Therapie mit 20 mg/die Simvastatin, 40 mg/die Pravastatin oder Placebo randomisiert. Zu den Endpunkten gehörte die Selbsteinschätzung der körperlichen „Energie“ und der „Ermüdung beim Sport“. Golomb fasste die Einschätzung in einer „EnergyFatigEx“-Skala zusammen, die Werte von minus 4 bis plus 4 annehmen kann.
Wie Golomb berichtet, kam es unter der Therapie mit den Statinen zu einem Abfall des Scores um 0,21 Punkte gegenüber einem Abfall um 0,06 im Placebo-Arm. Der Unterschied war signifikant. Er bedeutet laut Golomb, dass es bei 2 von 10 Patienten unter der Therapie zu einem leichten Rückgang der körperlichen „Energie“ und der „Ermüdung beim Sport“ kommt oder zu starken Verschlechterung in einem der beiden Endpunkte. Der Abfall war bei Frauen stärker als bei Männern und bei Simvastatin stärker als bei Pravastatin. Letzteres war laut Golomb jedoch eine Folge der stärkeren Cholesterin-senkenden Wirkung von Simvastatin in der Studie.
Die muskuläre Ermüdbarkeit ist typischerweise nicht mit einem Anstieg des Kreatinins oder anderer Hinweise auf eine Muskelschädigung verbunden. Sie ist laut Golomb jedoch eine häufige und klinisch relevante Nebenwirkung der Statintherapie. Dass sie in früheren randomisierten klinischen Studien nicht entdeckt wurde, zeigt, dass der Goldstandard der klinischen Prüfung nicht lückenlos ist. Einige Nebenwirkungen werden, wenn sie nicht schwerwiegender Natur sind, eventuell nur dann erfasst, wenn nach ihnen gesucht wird.
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