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OECD erwartet bis 2035 weiter Milliardenkosten durch Long COVID

  • Donnerstag, 9. April 2026
/niphon, stock.adobe.com
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Paris – Long COVID dürfte Gesundheitssysteme und Wirtschaft auch noch in den kommenden Jahren mit Milliardenkosten belasten. Zu diesem Schluss kommt ein gestern veröffentlichter Report der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der sich auf die OECD-Mitgliedsstaaten und die Europäische Union (EU) bezieht.

Auch wenn die Prävalenz von Long COVID und die damit verbundenen Gesundheitskosten seit dem Höhepunkt der Pandemie gesunken sind: Die Kosten blieben signifikant, heißt es im Bericht auf der Basis einer Modellierung. Allein die direkten Gesundheitskosten könnten sich demnach bis 2035 und selbst bei konservativer Schätzung jährlich auf elf Milliarden US-Dollar belaufen.

Hinzu kämen noch weitaus höhere indirekte wirtschaftliche Kosten, etwa durch Arbeitsausfälle und Produktivitätseinbußen. Die in dem Zusammenhang prognostizierten Verluste beziffert die OECD auf 0,1 bis 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP): Das würde 135 Milliarden US-Dollar pro Jahr bis 2035 bedeuten.

Die Autoren gingen für ihre Schätzungen beispielsweise davon aus, dass die Long-COVID-Prävalenz seit der Hochphase der Pandemie 2021 gesunken ist: von damals mehr als fünf Prozent in der OECD-Bevölkerung (circa 75 Millionen Menschen) auf inzwischen unter ein Prozent.

Ab 2024 wurde von einer Stabilisierung der Prävalenz ausgegangen. Weitere Annahmen waren, dass es noch eine niedrige oder moderate Virusübertragung gibt, die zu neuen SARS-CoV-2-Fällen führt, und dass neuere Virusvarianten mit geringerem Long-COVID-Risiko einhergehen als ihre Vorläufer.

Modell nimmt hauptsächlich milde Verläufe an

Als durchschnittliche Erkrankungsdauer wurden zwei Jahre angenommen. Geschätzt wurde zudem, dass lediglich ein Prozent der Fälle schweres Long COVID entwickelt, der Großteil hingegen milde (88 Prozent) oder moderate Verläufe (elf Prozent).

„Die anhaltenden wirtschaftlichen Kosten in diesen Szenarien unterstreichen, dass Long COVID möglicherweise eine dauerhafte strukturelle Veränderung der Arbeitsmärkte und der wirtschaftlichen Produktivität darstellt und nicht nur eine vorübergehende Disruption während der Pandemie“, heißt es im Bericht.

Studien legten nahe, dass Long COVID etwa bei einer von fünf betroffenen Arbeitskräften zu einer Unterbrechung der Erwerbstätigkeit führt.

Wahre Last eher unterschätzt

Ihre Ergebnisse unterschätzten wahrscheinlich die wahre Last von Long COVID, hält das Autorenteam fest. Denn die Erkrankung und ihre weitreichenden Konsequenzen seien noch nicht vollständig verstanden.

Bis manche Effekte infolge von SARS-CoV-2-Infektionen komplett sichtbar würden, könne noch einige Zeit vergehen. Auch die Rolle von Long COVID auf Entwicklung und Bildungsabschlüsse von Kindern sei in den aktuellen Daten noch nicht eingepreist.

Der Bericht verdeutlicht auch: Wenn man daran scheitere, Long COVID zu erkennen und darauf zu reagieren, bedeute das persönliches Leid, Jobverluste und eine hohe wirtschaftliche Last. Das Ausmaß wird etwa mit dem von Multipler Sklerose verglichen.

Im Report werden auch deutliche Länderunterschiede etwa bei der Anerkennung von Long COVID, der Definition, Diagnosestellung und hinsichtlich des Versorgungsangebotes herausgearbeitet. An der entsprechenden Umfrage nahmen aber nur 16 Länder teil.

Mangelnde Strategie, häufig Sektorensilo

Langzeitplanungen fehlten, bemängelt die OECD. Nur vier der teilnehmenden Länder (Australien, Österreich, Kanada und die Niederlande) hätten zum Abfragezeitpunkt 2025 eine nationale Long-COVID-Strategie gehabt. Nationale Initiativen seien in Deutschland und den Niederlanden am weitesten fortgeschritten.

Die 2023 gestartete deutsche Long-COVID-Initiative des Bundesgesundheitsministeriums wird als Beispiel im Bericht hervorgehoben, ebenso wie die Aktivitäten unterschiedlicher Bundesministerien zu Long COVID. Im Unterschied dazu ist das Thema in anderen Ländern oft nur bei den Gesundheitsministerien angesiedelt, wodurch soziale und wirtschaftliche Herausforderungen oftmals zu wenig Beachtung fänden.

„Es besteht erheblicher Spielraum für eine bessere sektorenübergreifende Koordinierung“, so die OECD.

Etliche Länder verfügen dem Bericht zufolge nicht über spezialisierte Long-COVID-Anlaufstellen (Belgien, Korea, Slowenien, Schweiz) oder haben diese bereits wieder geschlossen (darunter etwa Australien, Kanada, Schweden). Auch haben nur wenige der betrachteten Länder Richtlinien zum Thema Pharmakotherapie. Pädiatrisches Long COVID wird teils nicht anerkannt.

Insgesamt berichteten die befragten Länder der OECD von großen bestehenden Herausforderungen, vor allem das Fehlen von Anerkennung, von klaren Leitlinien und von strukturierten Versorgungswegen auf nationaler Ebene.

Das Autorenteam hält zudem fest, dass es noch an verlässlichen Surveillancesystemen mangele, was das Monitoring der Krankheitslast erschwere. Dazu trügen auch uneinheitliche Kodierungspraktiken bei. Als alternative Diagnosen würden teils ME/CFS und depressive Störungen angegeben.

Insgesamt könnten eine bessere Versorgung, Koordination und Planung sowie spezialisierte Behandlungspfade dazu beitragen, dass Betroffene wieder zu guter Gesundheit und wirtschaftlichen Chancen zurückfänden, so das Fazit. Dies könne dazu beitragen, den langen Schatten der Pandemie zu verkürzen.

ggr

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