Ärzteschaft

Organspende: Maschinenperfusion ist Hoffnungsträger im Mangel

  • Dienstag, 13. Januar 2026
/picture alliance, KEYSTONE, Martial Trezzini
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Frankfurt am Main/Berlin – Ab der kommenden Woche beginnt in Deutschland ein neues Kapitel der Transplantationsmedizin. Mit der deutschlandweiten Einführung der hypothermen Maschinenperfusion für Nieren von Organspendern mit erweiterten Spenderkriterien soll ab dem 19. Januar jedes verfügbare Spenderorgan besser genutzt werden.

Durch das Verfahren sollen die Chancen auf eine erfolgreiche Transplantation erhöht und mehr Organe tatsächlich nutzbar gemacht werden – ein kleiner, aber wichtiger Schritt angesichts der Knappheit an Organen. Diese verdeutlichen die heute veröffentlichten Zahlen zur Organspende.

Ende 2025 warteten mehr als 6.200 Patientinnen und Patienten auf eine Spenderniere, erläuterte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). Angesichts dieses hohen Bedarfs komme der optimalen Nutzung verfügbarer Spenderorgane besondere Bedeutung zu. „Hier wird die Maschinenperfusion künftig eine wichtige Rolle spielen“, ist der Arzt überzeugt.

„Das Verfahren ermöglicht eine schonendere Konservierung von Spendernieren und erhöht damit die Chancen, dass mehr Organe erfolgreich transplantiert werden können“, so Rahmel. Der Einsatz der Maschinenperfusion könne jedoch nicht nur die Zahl verfügbarer Spendernieren erhöhen.

Studien aus Ländern, in denen das Verfahren seit Jahren etabliert sei, hätten zudem bessere Transplantationsergebnisse gezeigt, wenn zuvor die Maschinenperfusion bei den Spendernieren zum Einsatz gekommen sei, erklärt der DSO-Vorstand.

Als Grundlage für die Einführung des Verfahrens in Deutschland tritt am 19. Januar die von der Bundesärztekammer im Frühjahr 2025 verabschiedete Richtlinie zur Maschinenperfusion in Kraft. Ihr zufolge ist dann grundsätzlich für den Organtransport von Nieren von Spendenden mit erweiterten Spenderkriterien, zu denen vor allem ein höheres Alter des Spendenden gehört, ein hypothermes maschinengestütztes Organkonservierungsverfahren anzuwenden. Ausnahmen können logistische Gründe bilden, wie etwa eine mangelnde apparative Verfügbarkeit, eine Allokation in das lokale Transplantationszentrum oder ins Ausland.

Die Einführung der Maschinenperfusion, durch die auch die Organe älterer Spender genutzt werden könnten, sei ein positives Signal für die Organspende, so Rahmel. Dennoch warteten in Deutschland weiterhin viele Patienten zusammen mit ihren Familien voller Hoffnung auf ein neues Leben durch ein rettendes Spenderorgan. „Daher dürfen wir in unseren gemeinsamen gesellschaftlichen und medizinischen Anstrengungen zur Verbesserung der Situation der Organspende nicht nachlassen“, betont er.  

Auch die Organspendezahlen für 2025 sprechen für sich: Danach haben im vergangenen Jahr in Deutschland 985 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe gespendet. Das sind 32 mehr als 2024 und entspricht einer Steigerung um 3,4 Prozent. Mit 11,8 Organspenderinnen und Organspendern pro Million Einwohner erreicht Deutschland damit den höchsten Stand seit 2012. Dennoch gilt: Die Zahl der Spenderorgane reicht weiterhin nicht aus, um allen Menschen auf den Wartelisten eine Transplantation zu ermöglichen.

Über die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant wurden 2025 insgesamt 3.020 Organe nach postmortaler Spende vermittelt und transplantiert – ein Plus von 5,8 Prozent gegenüber 2024. Darunter waren 1.495 Nieren, 823 Lebern, 315 Herzen, 308 Lungen, 76 Bauchspeicheldrüsen sowie drei Därme. In den 43 deutschen Transplantationszentren wurden 3.256 Organe transplantiert, einschließlich solcher aus dem Eurotransplant-Verbund. Für 3.150 schwer kranke Menschen bedeutete dies eine bessere Lebensqualität oder die Chance auf ein Weiterleben.

Auffällig sind zudem regionale Unterschiede. Besonders die DSO-Region Ost – Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – weist seit Jahren überdurchschnittliche Spenderzahlen auf. Mit 16,3 Organspendern pro Million Einwohner lag sie 2025 rund 38 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. „Wenn bundesweit so viele Organspenden realisiert würden wie in dieser Region, wäre die Situation für wartende Patientinnen und Patienten spürbar besser“, so Rahmel. Die Entwicklung zeige, dass eine Steigerung der Organspende grundsätzlich möglich sei.

Auch die Zahl der sogenannten organspendebezogenen Kontakte blieb mit 3.524 nahezu konstant. Dabei handelt es sich um Situationen, in denen Krankenhäuser die DSO kontaktieren, um eine mögliche Organspende zu prüfen. Dass bei rund zwei Drittel dieser Kontakte keine tatsächliche Spende stattfindet, verdeutlicht jedoch ein zentrales Problem, das seit Jahren von der DSO benannt wird: In etwa der Hälfte dieser Fälle fehlte die Zustimmung zur Organspende. Die fehlende dokumentierte Entscheidung ist und bleibt der häufigste Grund für nicht realisierte Organspenden.

Vor diesem Hintergrund bewertet die DSO die neu angestoßene politische Diskussion um eine Widerspruchsregelung als wichtiges Signal. „Die Mehrheit der Menschen in Deutschland steht der Organspende grundsätzlich positiv gegenüber, hat ihre persönliche Entscheidung jedoch nicht festgehalten“, sagte Rahmel. Fehle ein erklärter Wille, müssten Angehörige oft unter großem emotionalem Druck entscheiden. Eine Widerspruchsregelung könne Orientierung geben, Angehörige entlasten und langfristig „eine Kultur der Organspende fördern“.

Die Veröffentlichung der aktuellen Organspendezahlen durch die DSO belebt die Diskussion über eine gesetzliche Neuregelung der Organspende. Unter anderem spricht sich Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) erneut für die Einführung einer Widerspruchsregelung bei Organspenden aus: „Trotz der marginalen Steigerung der Spenden, machen wir bei der Organspendebereitschaft keine großen Fortschritte. Das kostet Menschenleben, die mit mehr Spenderorganen gerettet werden könnten“, sagte der Arzt. Mit der bisher geltenden Zustimmungslösung seien keine Fortschritte erzielt worden, noch immer seien die Wartelisten für ein Organ viel zu lang.

Auch Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach (CSU) wirbt für eine Änderung des Transplantationsrechts und die Einführung einer Widerspruchsregelung. „Ich hoffe, dass der Bundestag den Gesetzentwurf hierzu bald behandelt und positiv darüber abstimmt. Denn diese Regelung bietet die Chance, dass mehr Menschen ein lebensrettendes Spenderorgan erhalten“, erklärte sie. Organspende wäre dann der Normalfall bei Vorliegen der gesetzlichen und medizinischen Voraussetzungen, wenn der potenzielle Spender nicht widersprochen hat. 

Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese (SPD) spricht sich ebenfalls für die Einführung der Widerspruchslösung bei der Organspende aus. „Das ist eine große Chance, mehr Spenderinnern und Spender zu gewinnen und so im wahrsten Sinne des Wortes Leben zu retten“, sagte Drese anlässlich der heute veröffentlichen Organspendezahlen 2025.

„Eine gesetzliche Änderung des Transplantationsgesetzes mit der Einführung einer Widerspruchsreglung fördert die persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Organspende. Angehörige würden dagegen davon entlastet werden, in einer Ausnahmesituation eine Entscheidung für die sterbende Person zu treffen“, meint auch sie und hofft, dass der Bundestag zügig eine Gesetzesinitiative des Bundesrates von Ende September 2025 aufgreift und die Einführung der Widerspruchslösung gesetzlich regelt.  

ER

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