Gesundheit

Weniger Frühgeburten durch Lockdown

  • Dienstag, 16. März 2021

Ob Dänemark, Irland, die USA oder auch Deutschland, in allen Ländern ist es im letzten Jahr und insbesondere während des Lockdowns zu einen Rückgang der Früh­gebur­ten gekommen. Ein Zusammenhang mit den Maßnahmen gegen SARS-CoV-2 ist plausibel. Über die Gründe wird noch gerätselt.

Den Anfang machte der Neonatologe Roy Philip von der Universitätsfrauenklinik in Limerick in Irland. Dort hatte es in den Jahren 2001 bis 2019 in den Monaten Januar bis April zwischen 9 und 18 Frühgeburten gegeben. Im Jahr 2020 waren es im gleichen Zeitraum nur 3 Frühgeburten.

Extreme Frühgeburten sind in diesem Jahr ganz ausgeblieben, in den Jahren zuvor waren zwischen 2 und 8 Kinder mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht geboren worden. Philip macht in BMJ Global Health (2020; 5: e003075) den Lockdown verant­wortlich, der seit dem 12. März zu einem Stillstand des öffentlichen Lebens geführt hatte.

Eine ähnliche Beobachtung machte Ulrik Lausten-Thomsen vom Statens Serum Institut in Kopenhagen. Im Lockdown, der vom 12. März bis zum 14. April dauerte, kam in Dänemark nur 1 Kind vor der 28. Woche zur Welt.

In den 5 Jahren davor waren es im gleichen Zeitraum zwischen 9 und 13 Kinder gewesen. Lausten-Thomsen errechnet in ADC Fetal & Neonatal (2021; 106: F93-F95) einen Rückgang um über 90 %.

Im November berichtete die Techniker Krankenkasse, dass der Anteil der Frühgebo­renen in der Zeit von Januar bis September 2020 auf 4,7 % gefallen war. Im Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum noch 6,3 % gewesen.

Jetzt stellt Stephen Patrick von der Vanderbilt Universität in Memphis/Tennessee in JAMA Pediatrics (2021; DOI: 10.1001/jamapediatrics.2020.6512) die Daten für den US-Bundesstaat Tennessee vor.

Dort hatte es im letzten Jahr zwischen dem 22. März und dem 30. April eine „stay at home“-Order gegeben. Alle Einwohner waren gebeten worden, das Haus nur in begrün­deten Fällen zu verlassen.

Der Anteil der Frühgeburten (vor der 37. Woche) ging in dieser Zeit von 11,3 % in den Vorjahren auf 10,2 % zurück. Bei den späten Frühgeburten (35. und 36. Woche) gab es einen Rückgang von 6,5 % auf 5,8 %.

Die Gründe sind nicht erforscht. Verschiedene Faktoren könnten eine Rolle gespielt haben. Die Schwangeren könnten davon profitiert haben, dass sie mehr Zeit zu Hause verbringen konnten und nicht den beruflichen Belastungen am Arbeitsplatz ausgesetzt waren. Denkbar wäre aber auch, dass sie das Homeoffice einem vermehrten häuslichen Stress ausgesetzt hat, was Frühgeburten eher begünstigt hätte.

Auch die Exposition gegenüber Luftschadstoffen auf dem Weg zur Arbeit ist im Lockdown weggefallen (die fehlende frische Luft in der Wohnung könnte sich dagegen negativ ausgewirkt haben). Die vermehrte Unterstützung durch Partner und Familie könnte den Schwangeren genutzt haben. Eine Garantie hierfür gibt es allerdings nicht.

Möglich ist auch, dass der Ehe- und Familienstress steigt, wenn viele Personen sich auf engem Raum ertragen müssen. Die häusliche Atmosphäre könnte die Schwangeren dazu animieren, Alkohol oder Drogen zu konsumieren, oder aber sich gesünder zu ernähren, sofern sie selbst kocht und nicht auf Tiefkühlkost zurückgreift.

Ein interessanter Aspekt ergibt sich aus der sozialen Distanzierung. Sie könnte das Infektionsrisiko gesenkt haben. Aufsteigende Infektionen gelten als möglicher Grund für eine Frühgeburt.

Welche dieser Faktoren für den Rückgang der Frühgeburten verantwortlich waren, ist derzeit nicht bekannt. Die Frage dürfte allerdings Gegenstand zukünftiger Studien sein.

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