Medizin

„Ein Tourette-Syndrom wie in dem Film ,Verflucht normal' gibt es auf der ganzen Welt nicht“

  • Freitag, 12. Juni 2026

Berlin – Der britische Spielfilm „Verflucht normal“ läuft in ausgewählten deutschen Kinos und wird von der Kritik für seine medizinische Authentizität und Aufklärungswirkung zum Thema Tourette-Syndrom gelobt. Der Schauspieler Robert Aramayo spielt in diesem Biopic John Davidson, einen realen britischen Patienten-Aktivisten, dessen Erkrankung sich insbesondere und überwiegend im unkontrollierbaren Ausstoßen von Flüchen äußert.

Doch einige Fachleute bezweifeln stark, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer durch den Film ein wissenschaftlich fundiertes Bild des Tourette-Syndroms bekommen. Die dänische Neuropädiaterin Nanette Mol Debes von der Universität Kopenhagen nannte kürzlich in der dänischen Zeitung Berlingske etliche falsche Darstellungen in dem Film.

Das Deutsche Ärzteblatt hat Kirsten Müller-Vahl, eine Tourette-Expertin, die sich seit Jahrzehnten mit der Erkrankung befasst und Tausende von Patientinnen und Patienten mit Tourette-Syndrom gesehen und behandelt hat, um eine wissenschaftliche Einordnung gebeten. Müller-Vahl ist Oberärztin der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie und Leitung der Tourette-Sprechstunde der Medizinischen Hochschule Hannover.

Kirsten Müller-Vahl /privat
Kirsten Müller-Vahl /privat

5 Fragen an Kirsten Müller-Vahl, Leitung der Tourette-Sprechstunde

Warum ist „Verflucht normal“ Fluch und Segen zugleich?
Positiv ist, dass der Film für Toleranz, Verständnis und Rücksicht gegenüber Menschen mit Handikap wirbt und sich für deren Inklusion einsetzt. Er argumentiert nachvollziehbar gegen vorschnelle Urteile gegenüber jenen, die nicht einer Norm entsprechen. Positiv ist zudem sicherlich das Anliegen, über die Erkrankung Tourette-Syndrom aufklären zu wollen.

Denn es ist mit einer Prävalenz von 0,4-0,7 % mitnichten eine seltene Erkrankung, wird im Medizinstudium aber kaum gelehrt und ist selbst in einschlägigen Facharztgruppen nur wenig bekannt, so dass große Unsicherheit bei der Diagnose besteht.

Der Film ist jedoch – in doppeltem Wortsinn – auch ein „Fluch“. Es geht, wie schon der englische Titel „I swear“ ankündigt, primär ums Fluchen. Damit bedient er leider in bisher unübertroffener Weise das Klischee vom Tourette-Syndrom als „Schimpfwortkrankheit“ (englisch: „swearing disease“).

Solche komplexen vokalen Tics nennen wir Koprolalie – und für diese wird bei Personen mit Tourette-Syndrom aktuellen Studien zufolge lediglich eine Prävalenz von 5-8 % angenommen. Die Koprolalie ist also keineswegs ein typisches oder häufiges Symptom der Erkrankung.

Außerdem suggeriert der Film fälschlich, Menschen mit Tourette-Syndrom würden in praktisch jeder noch so unpassenden Situation kontextbezogene Flüche und zielgerichtete Beleidigungen ausrufen, etwa vor Gericht und im Rahmen von Preisverleihungen.

Viele Experten und Expertinnen sind der Auffassung, dass die Häufigkeit, die Komplexität sowie die Kontextabhängigkeit der in diesem Film gezeigten Flüche und Beleidigungen nicht etwa pathognomonisch für das Tourette-Syndrom sind, sondern kennzeichnend für eine funktionelle „Tic-ähnliche“ Bewegungsstörung. In anderen Worten: ein Tourette-Syndrom wie in dem Film „Verflucht normal“ gibt es auf der ganzen Welt nicht.

Welche Kriterien muss ein Tourette-Syndrom denn erfüllen?
Nach ICD-10 beziehungsweise DSM-5 müssen multiple motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic vorliegen, die Tics müssen vor dem 18. Lebensjahr begonnen haben und seit mindestens 1 Jahr bestehen. Die Schwere der Tics ist hingegen unerheblich.

Typischerweise übersteigt die Anzahl der motorischen Tics die der vokalen Tics. Stets bestehen viel mehr einfache als komplexe Tics. Des Weiteren typisch für Tics ist eine rostro-kaudale Verteilung. Daraus ergibt sich, dass Tics viel häufiger im Bereich von Augen, Gesicht und Kopf bestehen als an Armen, Rumpf und Beinen, etwa als Blinzeln, Grimassieren, Mund-Verziehen und Kopfschütteln. Häufige vokale Tics äußern sich mit Schniefen, Hüsteln und Räuspern (Nervenarzt. 2025 Dec;96(7):715-724. German. DOI: 10.1007/s00115-025-01914-7).

Aktuell wird in Fachkreisen intensiv darüber diskutiert, ob die Definition des Tourette-Syndroms verändert werden sollte, um eine klarere Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen und insbesondere funktionellen (dissoziativen) Bewegungsstörungen mit „Tic-ähnlichen“ Symptomen zu erzielen.

Wegen der Aktualität des Themas wird sowohl über das Phänomen der Koprolalie als auch über den Kinofilm auf der vom 17.-19. Juni 2026 in Ljubljana/Slowenien stattfindenden internationalen Konferenz der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung des Tourette-Syndroms (ESSTS) diskutiert werden.

Warum ist es so wichtig, eine funktionelle Störung von einem Tourette-Syndrom differenzialdiagnostisch zur unterscheiden?
Seit 2019 stieg die Zahl von Menschen mit Symptomen, die heute in der Fachliteratur als funktionelle „Tic-ähnliche“ Bewegungsstörung bezeichnet werden, rasant an. Die Gründe dafür liegen in einer Kombination aus Belastungen während der COVID-19-Pandemie, YouTube- und TikTok-Videos mit Fehldarstellungen zum Tourette-Syndrom mit exakt solchen Symptomen, vorbestehenden psychischen Erkrankungen wie depressive und Angststörungen sowie akuten auslösenden Faktoren. Was zuvor als sehr selten galt, ist nun die wichtigste Differentialdiagnose des Tourette-Syndroms.

Leider gibt es bis heute keine klaren Diagnosekriterien für die funktionelle „Tic-ähnliche“ Bewegungsstörung. Als kennzeichnend gelten ein abrupter Beginn mit ausgeprägten und komplexen Bewegungen und/oder Lautäußerungen zwischen dem 12. und 15. Lebensjahr, eine kontinuierliche Symptomverschlechterung, das Fehlen eines rostro-kaudalen Verteilungsmusters, das Überwiegen von stereotypen Bewegungen der Extremitäten, eine starke Kontextabhängigkeit der Symptome, das Ausrufen einer Vielzahl von obszönen Wörtern und Beleidigungen, andere sozial unpassende Verhaltensweisen und das anfallsartige Auftreten von Bewegungen und Vokalisationen in Form von Sekunden oder Minuten andauernden Attacken.

Die Abgrenzung zum Tourette-Syndrom ist wichtig, da es sich ätiologisch um zwei verschiedene Erkrankungen handelt, die entsprechend unterschiedlich behandelt werden müssen. Für funktionelle Störungen ist einzig die Psychotherapie effektiv, das Ziel ist die vollständige Symptomremission. Viel häufiger als früher angenommen besteht eine Kombination beider Störungen. Eine primäre Tic-Störung wird mittlerweile als prädisponierender Faktor für das Eintreten einer funktionellen „Tic-ähnlichen“ Bewegungsstörung angesehen.

Welche Gefahren sehen Sie darin, wenn öffentlich ein verzerrtes Bild vom Tourette-Syndrom entsteht?
Ich beschäftige mich seit Jahrzehnten mit dem Tourette-Syndrom, und während der gesamten Zeit galt das öffentliche Interesse primär der Koprolalie. Selbsthilfegruppen haben immer wieder beklagt, dass praktisch ausschließlich Personen mit Tourette-Syndrom und Koprolalie in den Medien auftreten. Durch den während der Pandemie sehr populären YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf“ und ähnliche Videos auf YouTube und TikTok wurde das Klischee des Tourette-Syndroms als „Schimpfwortkrankheit“ verstärkt.

So verwundert es nicht, dass nach einer 2024 von unserer Arbeitsgruppe durchgeführten deutschlandweiten, repräsentativen Umfrage 87 % aller Befragten die Koprolalie fälschlicherweise für ein typisches Symptom des Tourette-Syndroms halten. Auch ähnliche, sozial unpassende Verhaltensweisen werden als kennzeichnend für die Erkrankung eingestuft wie die Kopropraxie (75 %), also das Zeigen obszöner Gesten, kontextbezogene Kommentare und Bemerkungen (50 %) und das Zerstören von Gegenständen (29 %) – obwohl all diese Symptome sehr selten oder gar nicht bei Tourette-Betroffenen auftreten.

Diese verzerrte Darstellung führt nicht nur zu Fehlinformation. Sie kann – ganz entgegen dem eigentlichen Ziel von Filmen wie „Verflucht normal“ – sogar zur Stigmatisierung von Tourette-Betroffenen beitragen, etwa wenn Grimassieren oder Räuspern als ‚nicht so schlimm‘ verharmlost werden. Betroffene vermeiden immer öfter zu erwähnen, dass bei ihnen ein Tourette-Syndrom besteht.

Sie werden gefragt, welche Beleidigungen sie gleich ausrufen oder ob Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssten. In der täglichen Behandlung und insbesondere nach der Erstdiagnose erwähne ich mittlerweile vorsorglich, dass Darstellungen wie im Kinofilm „Verflucht normal“ keinesfalls typisch für das Tourette-Syndrom sind, um unbegründete Sorgen etwa von Eltern zu verhindern. Schließlich kann nicht ausgeschlossenen werden, dass auch die Fachwelt solche Stereotype übernimmt, da das Wissen dazu gering ist.

Außer der Aufklärung zielt der Film auch darauf ab, Hoffnung auf erhebliche Symptomreduktion zu vermitteln. Was ist davon zu halten?
Im Film wird überzeugend geschildert, dass der Protagonist John Davidson zunächst eine medikamentöse Therapie mit dem Antipsychotikum Haloperidol erhält, welches lange Zeit ein gängiges Medikament zur Behandlung von Tics war. Es ist übrigens bis heute das einzige in Deutschland in dieser Indikation zugelassene Präparat – auch wenn es wegen starker Nebenwirkungen nicht mehr empfohlen wird.

Unerwähnt bleibt im Film allerdings, dass wir mittlerweile effektivere und besser verträgliche Therapien haben. In den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft zur Erforschung des Tourette-Syndroms (ESSTS) wird als Therapie der 1. Wahl eine Verhaltenstherapie mit Habit Reversal Training (Gewohnheitsumkehrtraining) empfohlen, alternativ atypische Antipsychotika wie Aripiprazol.

Im Film wird außerdem gezeigt, wie John Davidson im Rahmen einer Studie in Nottingham ein Armband erhält, das durch elektrische Impulse den Medianus-Nerven am rechten Handgelenk stimuliert und dadurch modulierend auf Hirnareale wirken soll, die an der Entstehung von Tics beteiligt sind.

Dabei wird irreführend suggeriert, dass diese Therapie zu einer dramatischen Verbesserung führt. Auch wenn eine erste Studie (Journal of Neuropsychology, 17, 540–563. https://doi.org/10.1111/jnp.12313) aus der Universität Nottingham Hinweise eine Tic-Reduktion erbrachte, ist die Wirksamkeit eines solchen Armbandes derzeit nicht belegt.

Daher wird es aktuell von der englischen Herstellerfirma Neupulse auch als ‚Wellness Device‘ und nicht als Medizinprodukt vermarktet und kann für den Preis von 500 £ bestellt werden. Es verwundert, dass im Nachspann des Films explizit auf die Firma Neupulse hingewiesen wird und dass Neupulse seinerseits auf seiner Internetseite für den Kinofilm wirbt.

mls

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