Vom Arztdasein in Amerika

Warum ist das US-Ausbildungssystem so gut?

  • Mittwoch, 24. August 2011

Als ich vor knapp drei Jahren durch die USA flog und fuhr, von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch ziehend, hatte ich die kluge Entscheidung getroffen, Sir William Oslers Biographie – von denen es unzählige gibt – einzupacken. Bei fast jedem Vorstellungsgespräch, in dem ich oft nach der lokalen Struktur der internistischen Ausbildung fragte, wurde auf ihn als Gründer des modernen US-Facharztausbildungssystemes verwiesen, dabei auch betonend, dass er seine Inspirationen hierzu unter anderem aus seiner Deutschlandzeit erhalten hatte.

Nun, drei Jahre später und im letzten Jahr meiner dreijährigen allgemeininternistischen Ausbildung will ich noch immer nicht glauben, dass er seine Inspirationen von unserem deutschen Ausbildungssystem erhalten hat – dazu scheinen die Unterschiede doch zu groß!

Ich will unser bundesdeutsches System nicht schlecht machen, denn sowohl das Studium als auch die anschließende fachärztliche Ausbildung haben viele gute Facetten, doch eines habe ich vermisst, was ich in USA gefunden habe: Eine klare Struktur, klare Ziele und eine gut durchorganisierte Ausbildung.

Vom ersten Tag meiner Ausbildung, die stets zum 1. Juli eines jeden Jahres in jedem Lehrkrankenhaus beginnt, wusste ich, was von mir erwartet wurde, wurde mir gesagt, welche Rolle ich inne habe und wann meine Rotation zu Ende wäre und wo ich als nächstes sein würde.

Mein Jahr war durchgeplant, ohne dass ich viel Einfluss darauf nehmen konnte. Mir wurden die Arbeitsrichtlinien (maximal 80 Stunden pro Woche, mindestens einen von sieben Tage die Woche frei usw.) ausgehändigt, meine Kompetenzen in Reanimationskursen auf einheitliches Niveau gebracht, ein Mentor (Oberarzt)  an die Hand gegeben, der sich regelmäßig mit mir traf, bestimmte Patienten in einmal die Woche stattfindende Praxishalbtag mir zugewiesen usw.

Dabei ging es wie in der Schule Stück um Stück aufwärts: Am 1.7.2009 war ich „intern“, also „first-year resident“, am 1.7.2010 „second-year resident“ und „senior resident“ und nun, seit dem 1.7.2011 „third-year resident“, eben jener Assistantenstatus, den man beneidet, weil er nur noch weniger als ein Jahr vor sich hat.

Mein Mentor hat dafür gesorgt, dass ich die Interventionen (ZVK, Pleurapunktion, arterieller Zugang usw.), die ich brauchte, allesamt gemacht habe, mein Chefarzt halbjährlich dafür gesorgt, dass ich an mindestens 60% der täglich anderthalbstündigen Vorträgen und Weiterbildungen teilgenommen habe.

Die EKG-Prüfungen, die Herzgeräuscheprüfungen, die Patientenuntersuchung gemeinsam mit Oberärzten, die urogenitale Untersuchungen und Papabstriche habe ich unter Anleitung von Fachärzten erlernt und so weiter und so fort. Eine Systematik und Organisation, die stets das klare Ziel vor Augen hatte aus mir einen guten Internisten zu machen, der Grundlagen in jeder wichtigen Facette seines Gebietes hat.

Am Ende dann noch den vom Programm bezahlten Lehrgang zur Vorbereitung auf meine Facharztprüfung im August des nächsten Jahres. Ich habe letztes Jahr eine Probeklausur geschrieben und hätte bestanden – daher muss ich keine zusätzlichen Kurse belegen, denn unser Programm wird unter anderem danach bewertet, wie viele Ärzte auf Anhieb den Facharzt bestehen.

In einem Jahr also fertiger Internist! Eine Urkunde gibt es, eine große Feier in feierlicher Ambiente und bestimmt werde ich dann denselben Namen hören, den ich schon so oft hörte: Sir William Osler. Gut, dass er in Deutschland war und jenes fand, was mir half, ein Internist zu werden.

mis

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung