Social Prescribing: Die Hausarztpraxis als Brücke ins soziale Leben

Berlin – Einsamkeit, finanzielle Sorgen oder fehlende soziale Kontakte: Solche Belastungen können die Gesundheit beeinflussen und werden von Patientinnen und Patienten in die Hausarztpraxis getragen. „Die Praxis ist oft ein Ort des Vertrauens“, sagt Wolfram Herrmann, stellvertretender Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Hausärztinnen und Hausärzte würden ihre Patientinnen und Patienten vielfach gut kennen und könnten auch deren soziale Probleme detektieren, jedoch nicht unbedingt lösen, so Herrmann. An dieser Stelle könne Social Prescribing eine Brücke in das soziale System bilden.
Social Prescribing ist in Deutschland zwar nicht fest etabliert, aber auch nicht mehr nur ein theoretisches Konzept. Dies zeigte die 3. Deutsche Social Prescribing Konferenz, die die Charité – Universitätsmedizin Berlin heute veranstaltete. Im Mittelpunkt standen dabei Studienergebnisse, aber auch bundesweite praktische Erfahrungen aus Modellen in Hausarztpraxen und Stadtteilprojekten.
Herrmann, wissenschaftlicher Leiter der Konferenz, beschäftigt sich seit 2016 mit Social Prescribing und hat dazu mehrere Studien initiiert, die Social Prescribing als einen Ansatz untersuchen, der medizinische Versorgung mit sozialen Angeboten und Aktivitäten verbindet. Dabei erkennen Hausärzte einen sozialen oder emotionalen Bedarf und vermitteln Patienten an sogenannte Link Worker weiter, die gemeinsam mit ihnen passende Angebote im Umfeld suchen.
„Die Forschung zur Wirksamkeit ist noch nicht abgeschlossen“, betonte Herrmann. Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Machbarkeitsstudie der Charité liefere positive Hinweise, insbesondere mit Blick auf Einsamkeit, erlaube aber noch keinen abschließenden Wirksamkeitsnachweis. Interessant sei aber: Dort, wo Hausärzte ausdrücklich festgestellt hätten, dass Einsamkeit ein Problem darstelle, habe sich bereits in der Machbarkeitsstudie eine relevante Verbesserung gezeigt.
Für Herrmann ist das ein Hinweis, dem genauer nachgegangen werden müsse. Es brauche nun eine konfirmatorische Studie, die gezielter untersuche. Ungeklärt ist auch eine mögliche Finanzierung von Social Prescribing in Deutschland. Bei dem an der Charité angesiedelten Modell seien die Link Worker beispielsweise über Forschungsmittel finanziert beziehungsweise am Institut angestellt, so Herrmann. In anderen Projekten sehe die Organisation wieder ganz anders aus.
Bedarf besteht jedoch grundsätzlich: Hausärzte gingen davon aus, dass etwa 40 Prozent ihrer Konsultationen in irgendeiner Weise mit psychosozialen Problemen verbunden seien, erläuterte Hendrik Napierala vom Institut für Allgemeinmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der ebenfalls in die Machbarkeitsstudie involviert ist. „Medizin kann viele Probleme behandeln, aber eben nicht alle“, sagte er. Daraus entstehe der Bedarf, auch auf externe soziale Ressourcen zurückzugreifen.
Etabliert in Form eines Social Prescribing-Konzepts ist das in Großbritannien. Dort vermitteln Fachkräfte der Primärversorgung Patienten an Link Worker, wenn neben medizinischen auch nicht-medizinische Bedürfnisse bestehen. Die wissenschaftliche Evidenz dieses Konzepts sei jedoch weniger eindeutig, als es die Erfolgsgeschichte des britischen Modells zunächst vermuten lasse, räumt Napierala ein.
Der Wissenschaftler verwies auf eine Recherche aus dem Jahr 2021, bei der mehr als 50 Projekte – vor allem in Großbritannien – gefunden worden seien. Zwar hätten manche Studien beispielsweise bei Angst- und depressiver Symptomatik sehr positive Effekte gezeigt, bei genauerer Betrachtung habe es sich jedoch häufig um unkontrollierte Vorher-Nachher-Studien gehandelt, so Napierala. Bei kontrollierten Studien und längeren Beobachtungszeiträumen seien die Effekte dagegen teilweise nicht mehr vorhanden gewesen.
Eine weitere Hürde für die Etablierung von Social Prescribing in Deutschland ist das Fehlen von Link Workern. Sozialpädagogin Katrin Liel, Professorin an der Hochschule Landshut, sieht da in der Sozialen Arbeit grundsätzlich sehr gute Voraussetzungen für diese Aufgabe. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter brächten zentrale Kompetenzen für diese Aufgabe mit. Sozialarbeit unterstütze Menschen dabei, Herausforderungen des Lebens zu bewältigen und ihr Wohlergehen zu verbessern. Das passe aus ihrer Sicht unmittelbar zu den Zielen von Social Prescribing.
Schwierigkeiten sieht sie jedoch in der Zusammenarbeit zwischen den Professionen. Medizin und Soziale Arbeit könnten unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was ein gutes Ergebnis sei. Hinzu kämen unterschiedliche Machtdynamiken und Hierarchien. Ein Modell, in dem der Link Worker lediglich als Empfänger einer einseitigen Überweisung erscheine, könne problematisch werden. Datenschutz, Zeitressourcen und die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit müssten von Beginn an geklärt werden, betonte sie.
Wie eine Kooperation praktisch funktionieren kann, zeigte Thomas Kloppe vom Institut und der Poliklinik für Allgemeinmedizin der Universität Hamburg. Dort wurde ein Pilotprojekt zur Sozialberatung in hausärztlichen Praxen umgesetzt. Sozialarbeiter waren unmittelbar in den beteiligten Praxen tätig. Erwerbsfähige Menschen wurden von der Hausärztin oder dem Hausarzt auf das Angebot aufmerksam gemacht.
In einem halben Jahr wären so insgesamt rund 229 Beratungstermine mit 156 Personen zustande gekommen, berichtete Kloppe. Die Patienten hätten das Angebot positiv bewertet, das zugleich die Arbeit der Hausärzte erleichtert und stärkte die Vernetzung der Praxen im jeweiligen Sozialraum gestärkt hätte. Kloppe verdeutlichte: Der Austausch zwischen Hausärzten und Sozialarbeitern muss nicht zwangsläufig umfangreich sein. Aus Datenschutzgründen habe man im Hamburger Projektmodell zunächst keinen regelmäßigen Austausch über einzelne Patientinnen und Patienten vorgesehen, sagte er.
Positive Erfahrungen wurden auf der Konferenz auch aus Bremen berichtet. Dort gibt es eine Initiative der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz, des Senators für Kultur und der Bremer Volkshochschule, die Sinah Evers vorstellte. Das Spektrum reiche von Gesundheitsfachkräften im Quartier über Gesundheitspunkte und Gesundheitszentren bis zu Beratungsangeboten in Arztpraxen. „Die Angebote finden bewusst dort statt, wo Menschen ohnehin sind – unter anderem in Bürgerzentren, Moscheen oder anderen Einrichtungen im Quartier“, erläuterte sie.
Wie breit Social Prescribing verstanden werden kann, zeigte auch das Gesundheitskollektiv Berlin (Geko) in Berlin-Neukölln. Es arbeitet seit mehr als zehn Jahren daran, den Zugang zur Gesundheitsversorgung insbesondere für vulnerable Gruppen gerechter zu gestalten. Im Mittelpunkt stehen das biopsychosoziale Krankheitsmodell und die sozialen Determinanten von Gesundheit. Social Prescribing werde hier nicht als Ersatz für bereits bestehende Sozialberatung verstanden, betonte Franziska Paul.
Social Prescribing komme vielmehr dort ins Spiel, wo es um soziale Teilhabe gehe. Die Link Worker arbeiteten gemeinsam mit Ärzten daran, individuelle Bedürfnisse und Ressourcen zu identifizieren. Gemeinsam werde geschaut, welche Aktivitäten oder Gruppenangebote passen könnten. Bei Bedarf begleiteten die Link Worker die Menschen auch zu den Angeboten.
Besonders niedrigschwellig ist dieser Ansatz in der „Café Praxis“ des Gesundheitskollektivs. Das Café ist für alle offen und dient als Ort für Begegnung und Information. Menschen können auf ihren Arzttermin warten oder Informationen über Beratungsangebote erhalten. Es sei ein „zentrales Werkzeug“, um Menschen überhaupt zu erreichen, erklärte Yvonne Kiefel, Linkworkerin im Café Praxis. Menschen könnten ohne Termin ins Café kommen und dort einen kurzen Beratungsslot erhalten. „Wir machen schon die erste Anmeldung in dem Café“, so Kiefel. Dadurch könnten soziale und emotionale Hürden bereits vor dem eigentlichen Beratungstermin abgebaut werden.
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