Sportassoziierte Amenorrhö: Wenn intensives Training die Periode stoppt

Altdorf/Kiel – Wenn bei sportlich sehr aktiven jungen Frauen die Menstruation ausbleibt, wird das nicht selten als harmlose Begleiterscheinung intensiven Trainings abgetan und von manchen Sportlerinnen sogar als ganz praktisch empfunden.
Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) steckt allerdings kein normales Anpassungsphänomen dahinter: Vielmehr handele es sich um ein ernstzunehmendes Warnsignal des Körpers. Hinter einer solchen sportassoziierten Amenorrhö kann eine behandlungsbedürftige Hormonstörung stehen – mit potenziell weitreichenden Folgen für Knochen, Herz-Kreislauf-System und Psyche.
Darauf hat Imke Mebes, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Endokrinologikum Kiel, auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des 69. Deutschen Kongresses für Endokrinologie hingewiesen, der vom 11. bis zum 13. März in Weimar stattfindet.
Ein regelhafter Menstruationszyklus dauert 24 bis 35 Tage. Von einer sekundären Amenorrhö spricht man, wenn bei zuvor regelmäßigen Zyklen länger als drei Monate keine Blutung auftritt, bei zuvor unregelmäßigen Zyklen länger als sechs Monate.
Sekundäre Amenorrhö bei Hochleistungssportlerinnen
Die sportassoziierte Amenorrhö ist laut Mebes eine Form dieser sekundären Amenorrhö und tritt vor allem bei sportlich hochaktiven jungen Frauen auf. „Sie beschreibt das Ausbleiben der Menstruation infolge intensiver körperlicher Aktivität. Meist ist der Energieverbrauch dauerhaft höher als die Energieaufnahme“, erklärte Mebes. „Chronischer körperlicher und mentaler Stress verstärkt diesen Effekt und ist typischerweise mit einer negativen Energiebilanz und chronischem Stress assoziiert.“
Im Rahmen des Konzepts der „Female Athlete Triad“ wurde der Zusammenhang zwischen Energieverfügbarkeit, Menstruationszyklus und Knochengesundheit beschrieben. Inzwischen wird das Krankheitsbild unter dem erweiterten Begriff „Relative Energy Deficiency in Sport“ (RED-S) gefasst – und ein solches chronisches Energiedefizit könne auch Männer betreffen, merkte Mebes an.
Mit Blick auf betroffene Frauen führte sie aus: „Fehlt dem Körper über längere Zeit Energie, gerät die hormonelle Steuerung im Gehirn aus dem Takt. In der Folge reifen Eizellen nicht mehr heran und die Periode bleibt aus.“
Die Expertin ging zudem auf disziplinspezifische Unterschiede ein: So finde sich eine primäre Amenorrhö gehäuft im Leistungsturnen oder Eiskunstlauf. Sekundäre Amenorrhön träten hingegen häufiger in Ausdauersportarten mit hoher Trainingsdichte wie Radsport oder Marathonlauf auf, aber auch bei Sportarten mit sehr schlankem Körperbild wie beim Ballett.
„Funktionelle sportassoziierte Amenorrhö sehen wir immer öfter“, stellte Mebes bilanzierend fest, und das gelte nicht nur im Leistungs-, sondern auch zunehmend im ambitionierten Freizeitsport.
Gestörte GnRH-Pulsatilität durch Energiedefizit
Die Gynäkologin beschrieb auch die Hintergründe der sportassoziierten Amenorrhö. So liege die Grundlage eines regelmäßigen Zyklus in der lusatilen Ausschüttung von GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon). Dieses Hormon des Hypothalamus stimuliert die Hirnanhangsdrüse zur Freisetzung von FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon).
Exzessiver Sport und die damit einhergehende körperliche Belastung, der in erster Linie ein Energiedefizit zugrunde liege, störten die GnRH-Pulsatilität, was zu einer Follikelreifestörung und zum Ausbleiben der Menstruation führe.
Begleitend finden sich häufig erhöhte Cortisolspiegel, erniedrigte IGF-1- und Insulinwerte sowie erhöhte Ghrelinspiegel. Insgesamt besteht eine funktionelle hypothalamische Amenorrhö.
Der ausbleibende Zyklus sei also nicht allein durch eine hohe Trainingsbelastung zu erklären, sondern stelle vielmehr eine komplexe Interaktion von Stoffwechselprozessen dar.
Risiko für verminderte Knochendichte
Insgesamt könne die sportassoziierte Amenorrhö multifaktorielle, systemische Folgen haben und viel mehr Effekte, als früher angenommen wurde, so Mebes.
Zu diesen Folgen gehöre ein chronischer Östrogenmangel mit nachhaltigen Konsequenzen für die Knochendichte. Etwa 90 Prozent der maximalen Knochenmasse werden bis Anfang 20 erreicht, die sogenannte „peak bone mass“ mit etwa 30 Jahren. Gerade in dieser Lebensphase mit hoher sportlicher Leistungsfähigkeit sei daher ein ausreichendes Östrogenniveau essenziell, betonte Mebes.
Ein länger anhaltender Zyklusausfall erhöhe das Risiko für eine Osteoporose und damit für Frakturen. Zudem könnten sich kardiovaskuläre Auswirkungen, Schlafstörungen, Verdauungs- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie mentale Probleme – beispielweise in Form von depressiven Verstimmungen – entwickeln.
Frühzeitig ärztlich abklären
Mebes betonte, wie wichtig die Schaffung der entsprechenden Sensibilität bei Frauen sei: „Diese müssen wissen, was es bedeutet, wenn der Zyklus ausbleibt.“ Eine gute Nachricht sei indes, dass zumindest die sportassoziierte Amenorrhö reversibel sei – anders als in manchen Fällen der essstörungsbedingten Amenorrhö.
Der Wegfall der Menstruation passiere dabei nicht von einem Tag auf den anderen, sondern kündige sich meist dadurch an, dass sich die Periode immer weiter verschiebe, bis sie schließlich komplett ausbleibe.
Spätestens nach drei Monaten ohne Menstruation sollte laut Mebes eine ärztliche Abklärung erfolgen. Bei zusätzlichen Symptomen wie Stressfrakturen oder psychischen Auffälligkeiten sei eine frühere Vorstellung sinnvoll. Ziel sei es, andere Ursachen auszuschließen und das hormonelle Gleichgewicht wiederherzustellen.
Interdisziplinäre Betreuung in der Therapie
Therapeutisch empfiehlt Mebes einen kausalen Ansatz: Neben einer gegebenenfalls indizierten Hormontherapie – durch transdermale Östrogengabe – müsse vor allem das Energiedefizit ausgeglichen werden. „Im Mittelpunkt der Behandlung steht es, die Ursache der Amenorrhö zu beseitigen und nicht nur deren Symptome“, betonte Mebes.
Die jungen Frauen müssten ausreichend Kalorien zu sich nehmen und sollten gleichzeitig den Trainingsumfang beziehungsweise dessen Reduktion diskutieren. „Das bedeutet nicht, mit dem Training aufzuhören, sondern beispielsweise die Intensität zu reduzieren und Regenerationstage einzuplanen“, so Mebes.
Auch eine begleitende ernährungsmedizinische oder psychologische Betreuung könne Sinn ergeben. „Je früher insbesondere das Energiedefizit ausgeglichen wird, desto besser kann sich die hormonelle Steuerung erholen“, fasste die Expertin zusammen.
Spitzensport ist mit gesunden Zyklen vereinbar
In diesem Kontext begrüßte Mebes zudem, dass mehrere Spitzensportlerinnen während der kürzlich beendeten Olympischen Winterspiele in Milano Cortina offen über ihre Periode sprachen. Tatsächlich verzichtete die deutsche Skispringerin Agnes Reisch wegen Menstruationsbeschwerden auf einen Trainingssprung und artikulierte das auch.
Die US-Eiskunstläuferin Amber Glenn erzählte, wie der Menstruationszyklus ihre sportliche Leistung beeinflusst – und stieß, ebenso wie Reisch, auf massive Kritik. In sozialen Netzwerken wurden Glenns Ausführungen als Ausreden für ihr schlechtes Abschneiden bezeichnet; andere werteten die Tatsache, dass sie überhaupt noch eine Periode hat, als Beleg für mangelnde Trainingsbereitschaft.
Mebes schüttelte angesichts dieser Anwürfe nur den Kopf – und wertete die Offenheit der Profisportlerinnen vor allem als gutes Zeichen: „Ihre Aussagen zeigen, dass Spitzensport mit gesunden Zyklen vereinbar ist.“
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