Steffens besorgt über Anstieg psychischer Krankheiten
Düsseldorf – Vor dem Hintergrund eines Anstiegs psychischer Erkrankungen hat Nordrhein-Westfalens Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) eine grundsätzliche Diskussion über die Ursachen gefordert. „Bald jeder zweite Erwachsene in Deutschland wird inzwischen mindestens ein Mal in seinem Leben psychisch krank“, sagte sie heute in Düsseldorf.
Allein durch Veränderungen im Gesundheitssystem könne diese Entwicklung nicht gestoppt werde. „Es muss insbesondere gelingen, unser Leben zu entschleunigen und den Stress auf ein gesundes Maß zu reduzieren. Dazu benötigen wir eine breite Debatte, wie wir künftig leben können“, so die Ministerin.
Nach ihren Angaben sind psychisch bedingte Krankenhausaufenthalte in Deutschland seit 1990 um 65 Prozent angestiegen. Die Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Krankheiten lag 2010 bei 53,5 Millionen Tagen, rund 20 Millionen Tage mehr als noch zehn Jahre zuvor.
Die Zunahme psychischer Erkrankungen ist nach Steffens Ansicht durch eine erhöhte Grundbelastung sowohl im Alltag als auch im Berufsleben begründet. So führe eine ständige Erreichbarkeit zu einer Überforderung der Menschen. Gleiches gelte für die damit verbundene Informationsflut. Es gebe - auch im Urlaub - für viele keine Zeit des Abschaltens mehr und keine Möglichkeit zur Regeneration. Das betreffe schon Kinder, deren Terminkalender heute voller sei als der von Erwachsenen vor wenigen Jahren, sagte die Ministerin.
Steffens verwies auf eine zunehmende Kompliziertheit von ehemals einfachen Entscheidungen. So könne der Verbraucher heute unter nahezu 4.000 Handytarifen oder annähernd 400 Stromtarifen wählen. Zugleich fielen viele identitätsstiftende Strukturen in der Gesellschaft, darunter Kirchen oder Vereine, zugunsten individualisierter Unternehmungen weg. Auch gebe es heute nur noch selten eine intakte Familienstruktur, die die Folgen der Überlastung auffangen könnten.
Notwendig ist laut Steffens auch eine Debatte über die Verordnung von Psychopharmaka bei Minderjährigen. 10 Prozent aller Jungen und 3,5 Prozent aller Mädchen werde bis zu ihrem 19. Lebensjahr wegen der Aufmerksamkeitsdefizitstörung Ritalin verordnet. Ein Großteil der Verschreibungen sei medizinisch nicht indiziert. Alternative Behandlungen würden von Ärzten zu wenig angewendet.
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