Medizin

Studie widerlegt Adiposi­tas-Paradoxon: Sterberisiko steigt bereits bei leichtem Übergewicht

  • Donnerstag, 14. Juli 2016
Uploaded: 14.07.2016 17:36:03 by mis
dpa

London - Zu dünne und zu dicke Menschen sterben früher. Eine neue Meta-Analyse bestätigt, dass das Körpergewicht einen deutlichen Einfluss auf das vorzeitige Sterberisiko hat. Anders als in einer viel beachteten früheren Untersuchung kann das Global BMI Mortality Collaboration im Lancet (2016; doi: 10.1016/S0140-6736(16)30175-1) kein Adipositas-Paradoxon erkennen. Schon geringes Übergewicht war mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass 1,3 Milliarden Erwachsene weltweit mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 25 bis 30 kg/m2 übergewichtig sind, weitere 600 Millionen sind mit einem BMI über 30 fettleibig. Übergewicht und Adpositas belasten nicht nur die Gelenke. Sie sind ein Risikofaktor für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.

Um so überraschender waren die Ergebnisse einer Meta-Analyse, die Mitarbeiter der Centers for Disease Control and Prevention vor drei Jahren im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2013; 309: 71-82) publiziert hatten. Das Team um Katherine Flegal kam zu dem Ergebnis, dass Menschen mit Übergewicht (BMI 25 bis unter 30) ein um 6 Prozent niedrigeres Risiko auf einen vorzeitigen Tod haben als Normalgewichtige (BMJ 18,5 bis unter 26). Dieser Zusammenhang wird seither als Adipositas-Paradoxon bezeichnet. 

Die Global BMI Mortality Collaboration, ein Team von 500 Forschern aus 300 Instituten, kommt jetzt in der bisher umfassendsten Untersuchung zu einem anderen Ergebnis. Emanuele Di Angelantonio von der Universität Cambridge und Mitarbeiter haben die Ergebnisse aus 239 Studien mit 10,6 Millionen Teilnehmern ausgewertet und sie konnten nach eigenen Aussagen dabei eine Reihe von Verzerrungen vermeiden, die das Adipositas-Paradoxon in der Studie von Flegal erklären.

Dazu gehören das Rauchen und chronische Erkrankungen. Rauchen senkt das Körpergewicht und verteilt das mit dem Rauchen verbundene Sterberisko auf niedrigere BMI-Bereiche. Die mit chronischen Erkrankungen verbundene Auszehrung (etwa die Tumorkachexie) haben den gleichen Effekt. Di Angelantonio hat deshalb die Analyse auf Personen beschränkt, die niemals geraucht haben. Außerdem wurden Todesfälle in den ersten fünf Jahren nach der Gewichtserhebung sowie Patienten mit chronischen Erkrankungen, so weit bekannt, ausgeschlossen.

Ohne diese Faktoren wäre ihre Untersuchung zu dem gleichen Ergebnis wie Flegal gekommen, schreibt Di Angelantonio in der Publikation.

In der adjustierten Analyse verschob sich jedoch der BMI mit dem geringsten Sterbe­risiko auf die Grenze zwischen Normal- und Übergewicht. Menschen mit einem BMI von 25 bis unter 27,5 hatten bereits ein um 7 Prozent erhöhtes Mortalitätsrisiko, bei einem BMI von 27,5 bis unter 30, der Grenze zur Adipositas, war es bereits um 20 Prozent erhöht. Ein BMI von 30 bis unter 35 (Adipositas Grad I) war mit einem um 45 Prozent erhöhten Sterberisiko verbunden. Im BMI-Bereich von 35 bis unter 40 (Adipositas Grad II) stieg das Risiko um 94 Prozent. Erwachsene mit einem Body-Mass-Index von 40 oder höher (Adipositas Grad III) haben ein dreifach erhöhtes Risiko auf einen vorzeitigen Tod. Jeder Anstieg um 5 BMI-Einheiten war jeweils mit einem um 31 Prozent erhöhten Sterberisiko verbunden.

Der Einfluss ist nach den Berechnungen der Forscher beachtlich. Das Risiko, vor dem 70. Lebensjahr zu sterben, beträgt für einen normalgewichtigen Mann 19 Prozent. Bei einer Adipositas Grad I steigt das absolute Sterberisiko auf 29,5 Prozent. Bei Frauen steigt das Risiko lediglich von 11 auf 14,6 Prozent. Das Sterberisiko durch die Adipositas ist für Männer doppelt so hoch wie für Frauen.

Da Übergewicht und Adipositas weit verbreitet sind – in Europa und Nordamerika sind mehr als die Hälfte der Erwachsenen zu dick – ist der Anteil der Todesfälle, die sich Übergewicht und Adipositas zuordnen lassen (attributables Risiko der Population, PAF) hoch: In Nordamerika sind es 19 Prozent, in Australien und Neuseeland 16 Prozent und in Europa 14 Prozent. In Ostasien, wo es (noch) weniger übergewichtige Menschen gibt, liegt der PAF erst bei 5 Prozent.

Die Fettleibigkeit ist damit nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für einen vorzeitigen Tod in Europa und Nordamerika, meint der Co-Autor Sir Richard Peto von der Universität Oxford.

rme

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