Suizidpräventionsprogramm: Experten fordern, Zugänge zu hohen Bauwerken abzusperren
Berlin – Jedes Jahr nehmen sich in Deutschland etwa 10.000 Menschen das Leben, mehr als 100.000 versuchen es. „Es sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen. Besonders suizidgefährdet sind vor allem ältere Menschen“, sagte Armin Schmidke, Vorsitzender des Nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro), am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus Berlin. Anlass war der kommende Welttag der Suizidprävention am 10. September. Suizidprävention müsse zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe gemacht werden, forderte Schmidke.
Frauen zwischen 15 und 20 Jahren haben das höchste Risiko eines Suizidversuchs
Jeder zweite Suizid einer Frau sei zurzeit der einer über 60-Jährigen, berichtete Schmidtke. Eine Rolle spielen häufig psychische Erkrankungen, soziale Isolierung, Zukunftsangst und Hoffnungslosigkeit. 50 bis 80 Prozent der Suizide seien mit Depressionen verbunden. Die häufigsten Suizidmethoden sind dem Vorsitzenden von NaSPro zufolge bei Männern der Tod durch Erhängen, bei Frauen das Vergiften, gefolgt vom Sprung vor den Zug. Ein besonders hohes Suizidrisiko hätten zudem Menschen mit Angst vor Demenz, Migranten und Menschen mit anderer als heterosexueller Orientierung. Das höchste Risiko eines Suizidversuchs haben junge Frauen zwischen 15 und 20 Jahren.
Suizide könnten nach Ansicht des Experten jedoch oftmals verhindert werden. „Wenn bestimmte Zugänge, beispielsweise zu hohen Brücken oder Hochhäusern abgesperrt werden, können Menschen tatsächlich davon abgebracht werden sich selbst zu töten“, sagte Schmidke. „Sie versuchen es dann meist nicht erneut an anderer Stelle.“ Hohe Bauwerke sollten deshalb suizidpräventiv errichtet werden, forderte er.
Psychiatrische Kliniken suizidpräventiv bauen und gestalten
„Der Einfluss der Architektur auf die Suizidprävention wird unterschätzt“, betonte auch Nadine Glasow von der Arbeitsgemeinschaft „Bauwerke und Umwelt“ des NaSPro. Sie beschäftigt sich mit suizidpräventiven Maßnahmen psychiatrischer Kliniken. Denn rund 700 Menschen im Jahr nehmen sich während einer stationären psychiatrischen Behandlung das Leben. Wichtig sei vor allem die Methodenrestriktion, das heißt zum Beispiel: Geschosse nicht so zu bauen, dass sie zum Sprung in die Tiefe einladen.
Aber auch athmosphärische Gegebenheiten wie weiches Licht oder Abgrenzungen in den Patientenzimmern zur Errichtung von Privatsphäre, seien sehr wichtig. Ebenso sollten Befestigungsmöglichkeiten für Strangulationsgurte vermieden werden. „Externe Fachleute sollten zusammen mit Mitarbeitern der Kliniken eine systematische Überprüfung der baulichen Suizidprävention vornehmen“, sagte die Bauingenieurin. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm sowie die Deutsche Akademie für Suizidprävention bieten Zertifizierungsangebote an.
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