Vermischtes

Teils hohe Infektionsraten mit West-Nil-Virus bei Berliner Stechmücken

  • Freitag, 12. Juni 2026
/Charité, Mariia Streltsova
/Charité, Mariia Streltsova

Berlin – Bei Menschen in Deutschland wird West-Nil-Fieber bisher relativ selten gemeldet. Doch die West-Nil-Virus-(WNV)-Infektionsraten bei Stechmücken in einem Berliner Stadtteil erreichen einer Studie zufolge phasenweise ein ähnliches Niveau wie in südeuropäischen Ausbruchsgebieten. Das berichtet ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin (Nat Commun. 2026; DOI: 10.1038/s41467-026-73251-5).

Allerdings war das Virus zu den untersuchten Zeitpunkten nicht etwa dort besonders häufig zu finden, wo es besonders vor Mücken wimmelte. Im Gegenteil: In Mücken, die in einem parkähnlichen Wohngebiet und auf einem Friedhof gefangen worden waren, fand sich das Virus häufiger als in Exemplaren aus dem Natur- und Landschaftsschutzgebiet, in dem das Team die deutlich größere Mückenanzahl vorgefunden hatte.

„Viele Mücken bedeuten also nicht zwingend ein hohes Infektionsrisiko für Menschen“, erklärte Studienleiterin Sandra Junglen vom Charité-Institut für Virologie zu den Ergebnissen. Die beobachteten Unterschiede sind nach Angaben der Forschenden nicht mit der Zusammensetzung von Mückenarten an den einzelnen Standorten erklärbar, da überall die gleichen Culex-Arten dominierten.

Das Team hatte von Juni bis September der Jahre 2023 und 2024 jeweils eine Woche im Monat an fünf verschiedenen, aber relativ dicht beieinander gelegenen Standorten in Berlin-Schöneberg Stechmücken gefangen. Aus dem gewählten Gebiet waren nach Angaben der Biologin Junglen bereits Fälle beim Menschen sowie Infektionen bei Stechmücken bekannt.

Hintergrund für die Unterschiede auf relativ geringem Raum scheint den Forschenden zufolge die örtliche Zusammensetzung der Vogelarten je nach Umwelteigenschaften zu sein. „Für die Durchseuchung der Stechmücken mit dem West-Nil-Virus ist die Beschaffenheit der Umgebung ausschlaggebend, also ob sie versiegelt oder grün ist, ob es Wasser gibt und wie hoch die Biodiversität ist“, sagte Junglen, die die AG Ökologie und Evolution von Arboviren leitet.

Nicht alle Vogelarten übertragen das Virus gleichermaßen gut. Gebe es an bestimmten Orten viele geeignete Überträger, steige die Wahrscheinlichkeit der Infektion von Mücken – und umgekehrt bei Vogelarten, die den Erreger nicht oder weniger gut übertragen. Die Vögel, die bei der Vermehrung eine Rolle spielen, seien hauptsächlich Sperlingsvögel, aber auch Krähen, so Junglen.

West-Nil-Virus ist in Berlin endemisch

Die Bedeutung der Umwelteigenschaften wird auch durch Untersuchungen zu den Genomsequenzen gestützt, die die Forschenden in einem weiteren Schritt durchführten. Demnach handelt es sich nicht um eingeschleppte Viren, vielmehr hätten diese sich in Berlin vermehrt. Junglen sprach diesbezüglich vom „Berliner Virus“, das eine eigene phylogenetische Subklade mit zwei Markermutationen bilde.

Zu den beprobten Orten zählten auch ein Hinterhof und ein renaturiertes altes Industriegelände: Dort soll ein Regenwasserauffangbecken als Teil des Berliner „Schwammstadt“-Konzepts helfen, mit Starkregenereignissen umzugehen. Auch dieser eher naturnah gestaltete Ort war der Studie zufolge weniger von mit WNV infizierten Mücken betroffen.

Die Studie gibt die bei Mücken ermittelten WNV-Infektionsraten mit bis zu 4,8 Prozent an: 78 von 1.625 getesteten Pools, in denen Mücken zusammengefasst wurden, waren positiv. Insgesamt wurden für die Studie rund 24.000 Exemplare gefangen. Die Forschenden selbst zeigten sich von den Infektionsraten überrascht.

Die sogenannten minimalen Infektionsraten (MIR, Anzahl positiver Pools/Gesamtzahl getesteter Individuen) gingen in den beiden untersuchten Jahren merklich auseinander: Mit zwischen 0,6 und sechs Prozent von Juni bis September 2023 und zwischen 0,2 und zwei Prozent im Jahr danach. Die Angabe der Spanne ergibt sich aus den Pooltests: Es kann eine der enthaltenen Mücken positiv gewesen sein – oder alle.

Die Werte gipfelten allerdings jeweils im August. In jenem Monat des Jahres 2023 reichten die MIR an besonders betroffenen Standorten an jene südeuropäischer Hotspots heran, berichten die Forschenden. Damals wurde nur ein Fall von West-Nil-Fieber bei einem Menschen in Berlin gemeldet.

Das deutet den Forschenden zufolge auf Untererfassung wegen keiner oder milder Symptomatik bei Betroffenen sowie geringes Bewusstsein für das Thema in der Öffentlichkeit und der Ärzteschaft hin. Bisher werden oft schwere Verläufe erkannt, oder das Virus wird im Rahmen der Testungen von Blutspenden festgestellt. Junglen betonte, dass durch den Klimawandel und die dadurch günstigen Bedingungen für die Virusverbreitung mit einer Zunahme an Fällen zu rechnen sei.

Ärztinnen und Ärzte sollten nach Charité-Angaben während der Mückensaison bei Patienten mit Fieber, Hautausschlag oder Gelenk- und Muskelschmerzen eine Infektion mit dem WNV in Betracht ziehen. In seltenen Fällen sind schwere Verläufe bis hin zum Tod möglich. Rund ein Fünftel der Infizierten entwickelt eine fieberhafte, grippeähnliche Erkrankung. Etwa einer von 100 Infizierten erkrankt an einer neuroinvasiven Form, die zum Tod führen kann.

Angezeigt sei eine Testung bei Fällen mit neuroinvasiver Erkrankung, sagte der Mediziner Victor Corman, der Leiter der AG Virusdiagnostik, klinische Virologie, Ökologie und Evolution zoonotischer Viren am Charité-Institut für Virologie. Neben dem Alter gelten als Risikofaktoren für schwere Verläufe: etwa Immunsuppression, Tumorerkrankungen, Diabetes und kardiovaskuläre Vorerkrankungen.

Biodiversität als Kriterium für die Stadtplanung

Von Bedeutung sind die Ergebnisse aus Sicht der Forschenden in unterschiedlicher Hinsicht. Neben dem besseren Verständnis der WNV-Dynamik lassen sich auch für die Stadtplanung Lehren ziehen: „Die Kombination von naturnaher Begrünung, Wasser und geeigneten Lebensräumen für eine vielfältige Tierwelt ist eine entscheidende Stellschraube, um das Infektionsrisiko künftig zu senken“, sagte Junglen.

Das Identifizieren von Hotspots biete auch Möglichkeiten für eine gezielte Surveillance und für Aufklärungskampagnen – und es zeige, wo etwa das Reduzieren möglicher Stechmückenbrutstätten besondere Bedeutung hat. Patienten mit einem erhöhten Risiko könnten auch eine verstärkte Prävention von Mückenstichen in Betracht ziehen, so Corman.

Um die Ergebnisse verallgemeinern zu können, sollten sie noch in weiteren urbanen Gebieten bestätigt werden, heißt es in der Studie. Für Berlin gehen die Charité-Spezialisten anhand zusätzlicher Beprobungen auf Friedhöfen in allen Bezirken davon aus, dass die Resultate weitgehend auf das gesamte Stadtgebiet übertragbar sind, wie Junglen erläuterte.

Das Team hat für weitergehende Antikörpertests auch bereits Blutproben von Menschen genommen. Die Publikation der Ergebnisse steht noch aus. Junglen ließ durchblicken, dass erwartungsgemäß „relativ viel Reaktivität“ in den Proben gefunden worden sei.

ggr

Diskutieren Sie mit:

Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen

Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.

Jetzt bei Google bevorzugen

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung