Testosterongel fördert Knochendichte, Blutbildung und Koronarplaques bei älteren Männern

Philadelphia – Die regelmäßige Anwendung eines Testosterongels über ein Jahr hat in einer Serie von randomisierten klinischen Studien die Knochendichte bei älteren Männern erhöht und eine Anämie abgeschwächt. Es kam jedoch zu einer Zunahme von koronaren Plaques, die ein ungünstiges Licht auf die langfristigen Folgen der Testosteronsubstitution im Alter werfen könnte.
Seit Testosteron vor 80 Jahren erstmals beim Menschen eingesetzt wurde, ist die Attraktivität der Hormontherapie ungebrochen. In den USA wurden Testosteronpräparate in den letzten Jahren als Mittel gegen „low T“ beworben, obwohl ein Rückgang der Testosteronproduktion bei älteren Männern physiologisch ist und Endokrinologen eine Indikation zur Behandlung eines Hypogonadismus zurückhaltend stellen (sollten), zumal die Auswirkung auf den Organismus bisher nur unzureichend untersucht sind.
Weltweiter Testosteronumsatz in den letzen 30 Jahren um das Hundertfache gesteigen
Gleichwohl ist der weltweite Testosteronumsatz in den letzten drei Jahrzehnten um das 100-fache gestiegen. Testosteron wird von vielen älteren Männern als Mittel gegen das Altern und natürlich auch als Potenzmittel betrachtet.
Die US-National Institutes of Health haben 2009 mit einer Reihe von sieben randomisierten kontrollierten Studien begonnen, um Nutzen und Risiken einer Testosteronbehandlung bei gesunden älteren Männern zu untersuchen. An den „TTrials“ nahmen in zwölf Städten 788 Senioren im Alter von über 65 Jahren teil, bei denen ein niedriger Testosteronwert im Serum (unter 275 ng/l) gemessen worden war. Sie trugen ein Jahr lang täglich ein Gel auf die Haut auf, das bei der Hälfte der Teilnehmer Testosteron enthielt, bei den anderen jedoch wirkstofffrei war.
Auswirkungen auf die erektile Funktion waren gering
Erste Ergebnisse aus drei Studien zur Sexualfunktion und zur allgemeinen Vitalität wurden im letzten Jahr publiziert. Die Männer berichteten zwar über einen Anstieg der Libido, die jedoch nach mehreren Monaten wieder nachließ. Die Auswirkungen auf die erektile Funktion waren gering und nicht mit der Wirkung von Sildenafil vergleichbar. Auch die leichte antidepressive Wirkung und eine Zunahme der Vitalität würden den Einsatz von Testosteron nicht rechtfertigen, folgerte das Team um Peter Snyder von der Perelman School of Medicine in Philadelphia damals (NEJM 2016; 374: 611-24).
Jetzt liegen die Ergebnisse aus vier weiteren Studien vor, die die Auswirkungen auf Knochenstoffwechsel, Hämoglobinwert, Koronarkalk und kognitive Funktion untersucht haben.
Deutliche Zunahme der Knochendichte
Die Ergebnisse zum Knochenstoffwechsel sind überzeugend. Obwohl der Knochen nur langsam auf medikamentöse Interventionen reagiert, kam es während der einjährigen Behandlung zu einer deutlichen Zunahme der Knochendichte. Sie sei vergleichbar mit der Zunahme, die unter der Behandlung mit Bisphosphonaten, Teriparatid oder Denosumab erzielt wird, schreibt Snyder.
Die stärkste Zunahme der volumetrischen Knochendichte wurde in trabekulären Knochen registriert, eine geringere Zunahme auch in peripheren Knochen. Die Wirbel profitierten mehr von der Behandlung als die Hüfte. Testosteron könnte durchaus eine Alternative zu den derzeit eingesetzten Mitteln ein, meint Snyder, weist jedoch darauf hin, dass die Teilnehmer der Studie keine Osteoporose hatten und deshalb nicht sicher sei, ob die gleiche Wirkung auch bei Patienten erzielt werde, deren Knochensubstanz bereits deutlich zurückgegangen ist (JAMA Internal Medicine 2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2016.9539).
Ältere Patienten mit einem nachgewiesenen Hypogonadismus und Anämie könnte profitieren
Es ist seit Längerem bekannt, dass Testosteron die Bildung von Erythrozyten stimuliert. In einer weiteren Studie hat das Team um Snyder die Auswirkung der Behandlung bei 126 Teilnehmern der Studien untersucht, deren Hämoglobin (Hb) zu Beginn der Studie niedriger als 12,7 g/dl war, ohne dass der Grund für die Anämie bekannt war. Bei 54 Prozent der Patienten kam es unter der Testosteron-Behandlung zu einem Anstieg des Hb-Werts um wenigstens 1 g/dl. In der Placebogruppe nahm der Hb-Wert nur bei 15 Prozent der Patienten im gleichen Maße zu.
Der absolute Anstieg des Hb-Werts war zwar gering. Die mittlere Zunahme betrug nur 0,83 g/dl (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,48–1,39). Dies hatte allerdings zur Folge, dass 58 Prozent der Patienten nach zwölf Wochen nicht mehr anämisch waren (22 Prozent in der Placebo-Gruppe). Bei älteren Männern mit einem nachgewiesenen Hypogonadismus und Anämie könnte ein Testosteronersatz deshalb sinnvoll sein, meint Synder (JAMA Internal Medicine 2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2016.9540).
Kognitive Leistungen nicht verbessert
Eine weitere Studie beschäftigte sich mit der Frage, ob die Testosteronbehandlung die kognitiven Leistungen verbessern kann. Im Cognitive Function Trial wurden deshalb 493 Männer, die zu Beginn der Studie eine altersbedingte Einschränkung des Gedächtnisses hatten, genauer untersucht. Laut Snyder erzielte die Behandlung mit Testosteron weder in einem allgemeinen Gedächtnistest noch in Tests zum visuellen Gedächtnis, zum räumlichen Vorstellungsvermögen oder zu den exekutiven Funktionen (Verstand) einen nennenswerten Vorteil (JAMA 2017; 317: 717-727).
Besonders kontrovers diskutiert werden derzeit die möglichen Auswirkungen der Testosteronbehandlung auf Herz und Blutgefäße. Einige Studien hatten günstige Effekte beobachtet, während andere Signale für eine eventuelle Zunahme von kardiovaskulären Erkrankungen entdeckt hatten.
Im Cardiovascular Trial wurde bei 138 Patienten vor Beginn der Studie und nach einem Jahr ein Koronar-CT durchgeführt. Unter der Testosteronbehandlung kam es zu einer stärkeren Zunahme des nicht-kalzifizierten Plaque-Volumens und des gesamten Plaque-Volumens, was auf eine beschleunigte Atherosklerose in den Koronargefäßen hinweist. Es kam allerdings in beiden Gruppen bei keinem Patienten zu Herzinfarkt, Schlaganfall oder einem anderen kardiovaskulären Ereignis (obwohl der Framingham-Score das Zehn-Jahres-Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses in der Testosterongruppe mit 24 Prozent eingestuft hatte (JAMA 2017; 317: 708-716).
Ob eine längerfristige Therapie mit einem erhöhten Herz-Kreislauf-Risiko verbunden ist, ist deshalb weiter ungeklärt. T. Craig Cheetham vom Versicherer Kaiser Permanente hat zu dieser Frage die Daten von 8.808 Männern ausgewertet, denen die Ärzte zur Behandlung eines Hypogonadismus Testosteron verordnet hatten.
Von ihnen erkrankten in der Folge 8,2 Prozent an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Von den 35.527 Versicherten, die kein Testosteron verordnet bekommen hatten, erkrankten während der gleichen Zeit nur 10,2 Prozent an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall. Cheetham ermittelt eine adjustierte Hazard Ratio von 0,67, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,62 bis 0,73 signifikant war und eher dafür spricht, dass Testosteron eine protektive Wirkung hat.
Bei retrospektiven Analysen lässt sich allerdings niemals sicher ausschließen, dass Patienten mit niedrigem Ausgangsrisiko bevorzugt mit Testosteron behandelt wurden, was die Ergebnisse der Untersuchung verfälscht hätte (JAMA Internal Medicine 2017; doi: 10.1001/jamainternmed.2016.9546).
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