Tiefe Gesundheitskrise in Griechenland

Cambridge – Wirtschaftskrise und Austeritätspolitik haben den Gesundheitszustand der griechischen Bevölkerung in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Zu diesem Ergebnis kommen britische Public Health-Forscher im Lancet (2014; 383; 748-753).
Entgegen anders lautenden Ankündigungen der Troika habe die Begrenzung der öffentlichen Ausgaben auf 6 Prozent des Bruttosozialprodukts vollständig auf das Gesundheitswesen durchgeschlagen, schreibt der Soziologe Alexander Kentikelenis von der Universität Cambridge. Die öffentlichen Ausgaben für die Gesundheit seien heute in Griechenland niedriger als bei anderen Ländern, die vor 2004 der EU beigetreten sind.
So seien zwischen 2009 und 2011 die Budgets der Krankenhäuser um mehr als 25 Prozent gekürzt worden. Gleichzeitig seien die Zuzahlungen bei Arztbesuchen und Krankenhausaufenthalten in einer Zeit gestiegen, in der die Wirtschaft um 20 Prozent geschrumpft sei und die Arbeitslosigkeit sich verdreifachte. Die Folge war nach Einschätzung von Kentikelenis eine Verschlechterung des Gesundheitszustands in der Bevölkerung. Der Anteil der Griechen, der sich nicht mehr ausreichend medizinisch versorgt fühle, sei seit dem Beginn der Krise um 47 Prozent gestiegen.
Kentikelenis macht die Verschlechterung an einigen objektiven Parametern fest. So habe sich die HIV-Inzidenz unter intravenös Drogenabhängigen zwischen 2009 und 2012 mehr als verzehnfacht, die Tuberkuloseinzidenz habe sich bis 2013 mehr als verdoppelt. Die staatlichen Ausgaben für mentale Erkrankungen seien zwischen 2011 und 2012 um 55 Prozent gesunken, die Zahl der Menschen mit Major-Depressionen sei zwischen 2008 und 2011 um den Faktor 2,5 gestiegen, bei den Suiziden gab es laut Kentikelenis zwischen 2007 und 2011 eine Zunahme um 45 Prozent.
Säuglingssterblichkeit rasant gestiegen
Auch die Säuglingssterblichkeit sei zwischen 2008 und 2010 um 43 Prozent nach oben geschnellt. Im Jahr 2011 lebten 30 Prozent der Kinder in Armut gegenüber 28 Prozent im Jahr 2007, als die Krise ausbrach.
Kentikelenis räumt ein, dass die EU die Notlage erkannt hat. Er erwähnt das im September 2013 gestartete Health-Voucher-Projekt, das insgesamt 230.000 Gutscheine für eine kostenlose Grundversorgung ausgeben will, finanziert aus dem Strukturfonds der EU. Gleichzeitig kämen durch die aktuellen Verhandlungen mit der Troika, die weitere Einsparungen von 2,66 Milliarden Euro im Gesundheits- und Sozialsystem vorsehen, neue Belastungen auf die Bevölkerung zu.
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