USA: Starke Zunahme (der Diagnosen) neuroendokriner Tumore
Houston – Die Zahl der neuroendokrinen Tumore hat sich in den USA in den letzten vier Jahrzehnten mehr als versechsfacht. Dies zeigt eine Auswertung des Krebsregisters SEER. Die Autoren vermuten in JAMA Oncology (2017; doi: 10.1001/jamaoncol.2017.0589), dass der Anstieg auf eine verbesserte Diagnostik zurückzuführen ist.
Die hormonproduzierenden Tumore wurden erstmals 1907 von Siegfried Oberndorfer beschrieben. Der Münchener Pathologe hielt sie für harmlos, da sie eine gewisse Größe nicht zu überschreiten schienen, und er niemals Metastasen beobachtete. Er bezeichnete sie deshalb als „Karzinoide“. Erst Jahrzehnte später wurde erkannt, dass es sich um echte Karzinome handelt, die Metastasen bilden und unbehandelt zum Tode führen können. Lange galten sie als Rarität, doch infolge der Endoskopie und moderner bildgebender Verfahren werden sie immer häufiger gefunden.
Ursprünglich wurden die Tumore nur im Magen-Darmtrakt verortet. Inzwischen zählen auch das kleinzellige Bronchialkarzinom und das Merkelzell-Karzinom der Haut zu den neuroendokrinen Tumoren. Entsprechend zugenommen hat die Zahl der Diagnosen. Wie Arvind Dasari vom MD Anderson Cancer Center in Houston und Mitarbeiter durch eine Analyse des Krebsregisters SEER (Surveillance Epidemiology and End Results) zeigen, ist die Inzidenz in den Jahren 1973 bis 2012 um den Faktor 6,4 von 1,09 auf 6,98 Erkrankungen pro 100.000 Einwohner gestiegen.
Die Zunahme der Diagnosen fiel in verschiedenen Körperregionen sehr unterschiedlich aus. Im Magen, einem der am häufigsten endoskopierten Organe, ist die Inzidenz um den Faktor 15 gestiegen, im Blinddarm, der bei der Koloskopie nur schwer zu erreichen ist, hat sich die Zahl der Diagnosen nur verdoppelt.
Die Überlebenszeiten von neuroendokrinen Tumoren sind ebenfalls sehr unterschiedlich: Bei lokalisierten Tumoren reicht die mittlere Überlebenszeit von 14 Jahren bei Lage im Dünndarm bis zu mehr als 30 Jahren bei Appendix-Tumoren. Bei metastasierten Tumoren leben die Patienten bei einem Primärtumor im Dünndarm noch 5,83 Jahre. Bei Lungentumoren sind es nur sechs Monate und bei Kolontumoren nur vier Monate. Noch früher sterben Patienten mit neuroendokrinen Tumoren der Leber, bei denen es sich nach heutiger Kenntnis jedoch zumeist um Metastasen handelt.
Die langen Überlebenszeiten haben zur Folge, dass die Prävalenz neuroendokriner Tumore sehr hoch ist. Berechnungen von Dasari zufolge hatten am 1. Januar 2014 insgesamt 171.321 US-Amerikaner einen neuroendokrinen Tumor. Das ist mehr als die Summe aller Patienten mit Ösophaguskarzinom (36.857 Patienten), Magen-Adenokarzinom (79.843 Patienten) und Pankreas-Adenokarzinom (49.620 Patienten). Diese drei Krebserkrankungen führen allerdings alle sehr viel früher zum Tod.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: