Politik

„Vier Stunden pendeln am Tag – das ist das Desaster für unsere Klinik"

  • Freitag, 25. September 2026
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Berlin – Die geplante Sanierung der Bahnstrecke zwischen Berlin und Hannover hat auch für das Krankenhaus in Stendal deutliche Auswirkungen: Etwa 88 Prozent des ärztlichen Personals pendeln täglich zum Johanniter-Krankenhaus Stendal.

Besonders der Chefarzt der Kardiologie, Udo Zacharzowsky, sorgt sich um seine Station. Statt bislang 30 Minuten von Wolfsburg oder Berlin-Spandau drohen nun 14 Monate Pendelzeiten von bald mehr als vier Stunden – ganz gleich ob mit Auto, Bus oder Bahn. Er fürchtet massive Konsequenzen für die Versorgung und sieht kaum Gesprächsbereitschaft bei der Deutschen Bahn.

Udo Zacharzowsky /Johanniter-Krankenhaus Stendal
Udo Zacharzowsky /Johanniter-Krankenhaus Stendal

5 Fragen an Udo Zacharzowsky, Chefarzt der Kardiologie am Johanniter-Krankenhaus Stendal

Was konkret bedeutet die Sperrung der Bahnstrecke Berlin–Hannover für Ihre Kardiologie-Station? 
Seit Mitte des Jahres wussten wir, dass von Anfang Oktober bis Dezember die Strecke zwischen Berlin und Hannover gesperrt wird. Die Kolleginnen und Kollegen, die von Berlin oder Wolfsburg nach Stendal pendeln, wird das sehr betreffen. Daher haben wir unsere Urlaubspläne verändert, sodass der Großteil des Urlaubs jetzt in dieser Oktober- und November-Zeit stattfinden wird. Damit hätten wir leben können.

Nun hat aber die Deutsche Bahn kurzfristig angekündigt, dass die Strecke auch das ganze Jahr 2027 gesperrt bleibt. 14 Monate – das ist für uns eine Katastrophe. Mehr als 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im gesamten Krankenhaus sind davon direkt betroffen. Für die Kardiologie heißt das, dass sich allein über den Chefarzt, die Oberärzte, die Fachärzte sowie die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, also für 88 Prozent der Kolleginnen und Kollegen die Fahrzeit von bisher einer halben Stunde von Berlin-Spandau nach Stendal nun auf zwei Stunden Fahrzeit je Strecke verlängert. Vier Stunden pendeln am Tag – das ist eigentlich das Desaster für alle Beteiligten und damit unsere Klinik. 

Welchen Stellenwert hat die Kardiologie am Johanniter-Krankenhaus in Stendal für die Region?
Wir sind hier der einzige Schwerpunktversorger weit und breit in der Altmark. Das heißt, wir haben hier die Chest Pain Unit und sind für alle Patienten mit Herzinfarkt in dieser Region verantwortlich. Wir sind das Mitralklappenzentrum, wir sind das Rhythmuszentrum der Region. Wir haben 80 kardiologische Betten und versorgen etwa 4.000 stationäre Patienten pro Jahr.

Kleinere Krankenhäuser wie zum Beispiel die Grundversorger in Gardelegen und in Seehausen verlassen sich natürlich ein Stück weit darauf, dass wir hier 24 Stunden, sieben Tage die Woche für sie da sind. Wenn wir als Schwerpunktversorger wegfallen, dann würden sich vor allem die Wege bei der Infarktversorgung deutlich verlängern. Wenn man ins Herzregister schaut, dann war Sachsen-Anhalt bis vor einigen Jahren bei der Infarktsterblichkeit Schlusslicht. Das ist jetzt etwas besser geworden. Wir sind natürlich noch lange nicht da, wo wir hinwollen. 

Wie bewertet Ihr Team, aber auch die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Abteilungen die Situation?
Die Klinik für Kardiologie ist Ausbildungsstätte für interventionelle Kardiologie und für spezielle Rhythmologie. Wir haben hier etwas aufgebaut, wir sind ein super Team, das ist unser gemeinsames Werk. Es steckt sehr viel Herzblut darin. Ich habe zum Beispiel gerade eine Kollegin ausgebildet, mit Subspezialisierung für die invasive Elektrophysiologie. Aber natürlich kommt auch sie aus Berlin. Wir befürchten, dass angesichts der Pendelsituation nun doch der ein oder andere sagt: „Ich halte so viel Pendelzeit seitens des Privatlebens nicht aus“. Zudem: Natürlich gibt es immer wieder Angebote von anderen Krankenhäusern.

Unser Argument für Ärztinnen und Ärzte aus Berlin oder Wolfsburg war immer, dass man zum Beispiel in Berlin auch lange Fahrtzeiten hat. Fährt man vom Bezirk Pankow nach Steglitz, braucht man auch über eine Stunde. Warum fahren Sie nicht von Spandau eine halbe Stunde zu uns? Und dieses Argument entfällt nun für mehr als ein Jahr. Und das wird uns perspektivisch sehr belasten.

Aber auch in anderen Abteilungen ist es ähnlich: Die Gastroenterologen kommen zum Teil aus Berlin. Die müssen auch ihre Gastroskopiebereitschaft sicherstellen. Gefäßchirurgen kommen aus Berlin. Der leitende Oberarzt der Pädiatrie kommt aus Wolfsburg, ebenso wie einer unserer Oberärzte. Aus Richtung Wolfsburg soll es in den nächsten Monaten einen Expressbus geben, aber auch der braucht zwei Stunden hierher. Das ist dann kein Express mehr. 

Da Sie selbst auch aus Berlin pendeln, welche Alternativen gibt es denn für den Arbeitsweg?
Wir pendeln dann über Wittenberge, ab da fährt eine S-Bahn, die jedoch häufig Verspätung hat, sodass die Anschlüsse nicht klappen. Zudem hatten wir verschiedene Ideen, dass beispielsweise die Bahn ihre Sanierung etwas entzerren könnte, es muss ja nicht die gesamte Strecke durchgehend gesperrt werden.

Auch könnte vorab die Lehrter Stammstrecke saniert werden, so dass der Regio während der Bauarbeiten fahren kann. Wir würden uns wünschen, dass es beispielsweise eine durchgehende S-Bahn ohne Zwischenhalte zu den Kernzeiten von Stendal nach Wittenberge fährt und wieder zurück. Dann bekommt man seine Anschlüsse etwas schneller. Oder dass ein Regionalexpress die Strecke bedient, wenigstens bis Rathenow. Wir sind von dort auch schon mit dem Bus gefahren. Aber die Deutsche Bahn ist da relativ hartleibig und wenig gesprächsbereit. Und es betrifft ja nicht nur die Klinik, sondern auch viele andere Menschen in der Region, die in umgekehrter Richtung pendeln. 

Wenn sich die Bahn nicht bewegt, gibt es auch andere Lösungsideen seitens des Arbeitgebers?
Für alle, die aus Berlin kommen, ist es ein Problem, dass es keine Autobahnanbindung gibt. Da fährt man mit dem Auto etwas mehr als eineinhalb Stunden von Spandau. Als die Bahn gestreikt hat, da haben wir mit so einem alten VW-Bus auch Fahrgemeinschaften gebildet. Zeitlich ist damit aber nicht viel gewonnen. Der Arbeitgeber hat Zimmer eingerichtet, in denen man übernachten kann, wenn man den letzten Zug verpasst hat. Außerdem ist man gemeinsam mit dem Landrat und dem Bürgermeister nochmal bei der Bahn vorstellig geworden. Aber mein Gefühl sagt mir, dass die Bahn ihren Plan fertig hat und daran nicht mehr rüttelt.

bee

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