Ärzteschaft

Virologen sehen aktuell keine Gefahr durch neue COVID-19-Variante NB.1.8.1

  • Donnerstag, 12. Juni 2025
/allvision, stock.adobe.com
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Tampa – Die neue COVID-19-Variante NB.1.8.1 („Nimbus“) hat sich in diesem Jahr rasch in Asien und anderen Regionen, darunter Teilen der USA, verbreitet. In Deutschland sieht es anders aus: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurde NB.1.8.1 Ende März erstmals in Deutschland nachgewiesen – und seitdem bisher nur sporadisch, ein Trend lasse sich nicht ableiten (Surveillance, Robert-Koch-Institut).

In einer Stellungnahme rät das Global Virus Network (GVN) zwar zur Wachsamkeit, nicht aber zur Besorgnis. Das Auftreten neuer Varianten sei zu erwarten und stelle keinen gesundheitlichen Notfall dar.

In den vergangenen Tagen haben viele Medien über die neue Variante berichtet. Die Schlagzeilen verhießen dabei häufig nichts Gutes: „Experten schlagen Alarm“ oder die neue Variante sei sehr ansteckend.

Die große mediale Aufmerksamkeit hält der Biophysiker Richard Neher von der Universität Basel für nicht gerechtfertigt: „Wir erwarten keine qualitativ andere Situation durch NB.1.8.1“, so der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien.

Stefan Pöhlmann, Leiter der Abteilung Infektionsbiologie am Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen, sagte auf Nachfrage: „Der aktuelle mediale Fokus auf die neue SARS-CoV-2-Variante NB.1.8.1 ist insofern gerechtfertigt, als er daran erinnert, dass SARS-CoV-2 weiterhin in der Bevölkerung zirkuliert und COVID-19 auslösen kann.“

Es gebe bislang aber keine Hinweise darauf, dass NB.1.8.1 gefährlicher sei als die Vorläufervarianten, die sich im Frühjahr ausgebreitet hätten, betonte der Experte der Gesellschaft für Virologie (GfV). So steht es auch in der Stellungnahme der GVN.

NB.1.8.1 (zusammen mit XFG und LP.8.1) seien Virusvarianten, die im Moment an Häufigkeit zunehmen, erklärte Neher dem Deutschen Ärzteblatt. Sie würden sich durch eine Reihe von Mutationen von Varianten des vergangenen Herbsts unterscheiden. „Aber dies ist nicht unüblich. In den vergangenen Monaten waren die Fallzahlen niedrig und sie werden vermutlich in den nächsten Wochen und Monaten zunehmen.“

Pöhlmann geht davon aus, dass auch in Deutschland der Anteil der SARS-CoV-2-Infektionen, die auf die Variante NB.1.8.1 zurückgehen, weiter steigen wird. Es sei durchaus möglich, dass dies mit einem Anstieg der Coronafallzahlen einhergehe wie er auch in anderen Ländern beobachtet wurde.

Trotz deutlich verringertem Monitoring durch Genomsequenzierung sollte die Verbreitung einer hoch übertragbaren Variante wie NB.1.8.1 durch das aktuelle Monitoring erfasst werden, ist der GfV-Experte vom DPZ überzeugt.

Bei der Variante handelt es sich um eine Unterlinie der Omicron-Familie. Sie wurde erstmals im Januar 2025 identifiziert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat NB.1.8.1 aufgrund ihrer zunehmenden Verbreitung und potenzieller Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit am 23. Mai 2025 als „Variante unter Beobachtung“ eingestuft.

Ähnlich wie frühere Omicron-Subvarianten enthält NB.1.8.1 Spike-Protein-Mutationen, die mit einer erhöhten Übertragbarkeit in Verbindung gebracht werden. „Die Variante nimmt verglichen mit anderen Varianten an Häufigkeit zu“, hält Neher fest. NB.1.8.1 sei also ansteckender in dem Sinne, dass eine Infektion mehr Folgeinfektionen produziere als andere Varianten.

Die von der GVN ausgesprochenen Impfempfehlungen weichen von denen der Ständigen Impfkommission (STIKO) ab. Das globale Netzwerk besteht aus mehr als 80 Virologiezentren und Partnerinstitutionen in mehr als 40 Ländern – Deutschland ist nicht dabei.

„Vor dem Hintergrund eines möglichen Anstiegs der Infektionszahlen durch die Verbreitung von NB.1.8.1 sollten insbesondere vulnerable Bevölkerungsgruppen ihren Impfstatus überprüfen und ihren Impfschutz gegebenenfalls auffrischen lassen“, rät Pöhlmann.

Die nach einer Impfung mit einem angepassten Impfstoff gebildeten Antikörper könnten auch die Variante NB.1.8.1 neutralisieren und die Impfung sollte vor schweren Krankheitsverläufen nach einer Infektion mit NB.1.8.1 schützen, betonte der Experte der GfV.

Anstieg der COVID-19-Fälle in mehreren Ländern

Laut WHO wurde die Variante NB.1.8.1 bis zum 18. Mai 2025 in 22 Ländern identifiziert. Ende April (KW 17) machte sie 10,7 Prozent der globalen SARS-CoV-2-Sequenzen aus, die an die Global Initiative on Sharing All Influenza Data (GISAID) übermittelt worden waren. Vier Wochen zuvor waren es mit 2,5 Prozent noch deutlich weniger.

Im Mai wurde bereits über eine Coronawelle mit dem Stamm XDV in Asien berichtet: Hongkong, Singapur, China und Thailand melden einen starken Anstieg von COVID-19-Fällen. Aber auch hier gab ein führender Experte für Atemwegserkrankungen in China, Zhong Nanshan Entwarnung: Der aktuelle Erregerstamm XDV sei zwar hoch ansteckend, der Erkrankungsgrad jedoch relativ gering. Die landesweite Coronawelle werde voraussichtlich bis Ende Juni wieder abebben.

NB.1.8.1 zähle zu den rekombinanten Varianten und stamme selbst von der Virusvariante XDV.1.5.1 ab, erläuterte Neher. XDV zirkuliert seit langem in Fernost und hat sich schrittweise zu NB.1.8.1 weiterentwickelt.

„Unter den Mutationen die NB.1.8.1 von XDV unterscheiden sind einige Mutationen im Spikeprotein, die dem Virus vermutlich helfen existierende Immunität zu umgehen“, so der Experte aus Basel. Die Varianten getrennt zu betrachten mache Sinn, wenn man an der Evolution des Virus interessiert sei; klinisch seien die Unterschiede vermutlich nicht relevant.

gie/dpa

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