WHO-Ziel Hepatitis 2030: Die Schlüsselrolle der Hausarztpraxen
Die Fallzahlen bleiben auf einem hohen Niveau, gleichzeitig bleiben viele Hepatitis-B- und C-Infektionen lange unerkannt [1]. Unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit oder erhöhte Transaminasen werden im Praxisalltag nicht immer mit Hepatitis in Verbindung gebracht, dabei können unentdeckte Infektionen schwere Langzeitfolgen verursachen [1, 2]. Mit dem Hepatitis-Screening im Rahmen des Check-up 35 wurde 2021 ein wichtiger Schritt Richtung WHO-Ziel 2030 zur Hepatitis-Eliminierung gemacht [3]. Dennoch bleibt weiterhin diagnostisches Potenzial ungenutzt.

Das WHO-Ziel 2030 im Blick
2024 wurden dem Robert Koch-Institut mehr als 22.000 Hepatitis-B- und rund 9.600 Hepatitis-C-Infektionen gemeldet. Die Fallzahlen liegen damit weiter deutlich über dem Niveau der Vorjahre [4]. Gleichzeitig bleibt das WHO-Ziel ambitioniert: Bis 2030 sollen Hepatitis B und C stark eingedämmt werden [4]. Zentrales Element auf diesem Weg ist ein Hepatitis-Screening, das 2021 bundesweit als einmaliger Bestandteil des Check-up 35 (GU) eingeführt wurde [3]. Dadurch kommt Hausarztpraxen eine Schlüsselrolle zu.

Die stille Gefahr im Praxisalltag
Chronische Hepatitis B und C bleiben häufig lange unentdeckt. Viele Infektionen verlaufen asymptomatisch oder verursachen unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit, Leistungsknick oder anhaltend erhöhte Transaminasen [1, 2]. Die Diagnose erfolgt deshalb oft erst bei fortgeschrittener Leberschädigung – mit potenziell gravierenden Folgen wie Leberzirrhose oder hepatozellulärem Karzinom [4].
Umso wichtiger ist die frühe Diagnose. Die gute Nachricht: Während Hepatitis C heute in den meisten Fällen therapierbar ist, lässt sich Hepatitis B durch moderne antivirale Behandlungen langfristig gut kontrollieren. Gerade weil chronische Verläufe häufig klinisch stumm bleiben, sollte Hepatitis auch außerhalb der GU mitgedacht werden [4].
Gut integrierbar und medizinisch sinnvoll
Das Hepatitis-Screening im Rahmen der GU hat für mehr Aufmerksamkeit gesorgt – ein wichtiger Schritt nach vorn. Gleichzeitig zeigen die steigenden Diagnoseraten, dass mehr getestet und mehr Infektionen erkannt werden. Die Testung auf HBsAg und HCV-Antikörper lässt sich unkompliziert in bestehende Check-up-Strukturen integrieren und wird von vielen Hausärzt:innen positiv bewertet [5].
Versorgungslücke gemeinsam schließen
Die Voraussetzungen für eine frühe Diagnose waren selten so gut wie heute. Trotzdem bleibt diagnostisches Potenzial ungenutzt: Zwar nimmt ein großer Teil der Versicherten an der GU teil, doch nur etwa ein Drittel wird tatsächlich auf Hepatitis B und C getestet [7]. Als Gründe werden unter anderem Zeitaufwand, Erklärungsbedarf und eine unzureichende Vergütung genannt [6]. Im Praxisalltag wird die Testung häufig nicht aktiv angesprochen – weder von Patient:innen noch von ärztlichem Personal. Dabei kann bereits ein einmaliges Screening chronische Infektionen sichtbar machen.

Dazu kommt, dass der Blick auf die Risikogruppen häufig viel zu eindimensional ist und sich auf Menschen am gefühlten Rand der Gesellschaft konzentriert. Dabei sieht man Menschen meistens nicht an, ob sie zu einer Gruppe mit erhöhtem Risiko gehören.
Die Rolle vulnerabler Gruppen
Das Screening im Check-up 35 erreicht nicht alle, die es bräuchten. Vulnerable Gruppen wie Personen mit Drogenabusus, Menschen mit Migrationshintergrund oder Wohnsitzlose [1] sind oft unterrepräsentiert.
Die einmalige Testung im Rahmen der GU reicht hier oft nicht aus. Gerade bei erhöhtem Risiko sollten regelmäßige Testungen mitgedacht werden.
Worauf es bei der Testung ankommt
Probleme zeigen sich vor allem in den Details: Oft wird nur ein Teil der empfohlenen Tests angefordert – also HBs-Ag ohne HCV-Antikörper oder vice versa. Spätere Nachtestungen auf die jeweils andere Erkrankung sind bei klinischem Verdacht zwar möglich, jedoch nicht im Rahmen der Check-Up Ziffern bei der GKV abzurechnen [6]. Eine weitere Herausforderung: Häufig werden in Arztpraxen nur ein statt der empfohlenen zwei Blutröhrchen abgenommen. Dadurch kann die Reflextestung nach einem positiven Antikörpertest nicht automatisch erfolgen, sodass Patient:innen neu einbestellt werden müssen.
Standardisierte Abläufe und MFA- und MTA-Teams können helfen, die Diagnostik im Praxisalltag einfacher und sicherer zu gestalten.
Der Weg zum WHO-Ziel beginnt in der Praxis
Früherkennung bleibt der entscheidende Hebel, um das WHO-Ziel 2030 zu erreichen. Hausarztpraxen spielen dabei eine zentrale Rolle: Das Hepatitis-Screening ist gut im Praxisalltag umsetzbar und kann schwere Folgeerkrankungen verhindern. Gleichzeitig stehen heute hochwirksame Therapien zur Verfügung [1]. Wenn Hepatitis im Praxisalltag konsequent mitgedacht wird und alle Beteiligten gemeinsam an einem Strang ziehen, können die WHO-Ziele noch erreicht werden [6].
Literaturangaben
World Health Organization (WHO). (2024). Hepatitis B und Hepatitis C (Fact Sheets). Abgerufen von: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/hepatitis-b und https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/hepatitis-c
Rusignuolo, G., Thimme, R. & Neumann-Haefelin, C:. Chronische Hepatitis-B- und Hepatitis-D-Virusinfektion. DMW - Deutsche Medizinische Wochenschrift 2024; 149(16): 948–954. https://doi.org/10.1055/a-2057-1840
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). (2020). Beschluss zur Einführung eines Screenings auf Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virusinfektion im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung. Berlin: G-BA.
Robert Koch-Institut. (2025). Virushepatitis B und C in Deutschland: Aktuelle epidemiologische Situation 2024. Epidemiologisches Bulletin. Berlin: Robert Koch-Institut.
Bohnhorst A, Princk C, Stiel S, Afshar K: Screening auf Hepatitis-B-Virus (HBV-) und Hepatitis-C-Virus (HCV)-Infektionen in hausärztlichen Praxen – eine quantitative Umfrage in Niedersachsen. Prävention und Gesundheitsförderung 2024; 20(4): 574–582. https://doi.org/10.1007/s11553-024-01163-7
Springer-Verlag. (2025, 11. Juni). Roundtablegespräch „Hepatitis-Screening und WHO-Ziele 2030“. Heidelberg.
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi). (2025). Persönliche Datenabfrage zum Hepatitis-Screening im Rahmen des Check-up 35 vom 30.06.2025. Berlin.
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