Zunahme bei Stichverletzungen im Traumaregister verzeichnet

Berlin – In Deutschland hat es in den vergangenen Jahren eine Zunahme der Zahl Schwerverletzter nach Gewalttaten mit Stichwaffen gegeben. Das zeigt eine Analyse von Daten aus dem Traumaregister der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), die jetzt im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht wurde (Dtsch Arztebl Int 2026; DOI: 10.3238/arztebl.m2026.0079).
Die Zahl der Fälle stieg dem Register zufolge von 212 im Jahr 2013, dem niedrigsten Wert, auf 336 im Jahr 2024. Den höchsten Jahreswert gab es demnach 2023 mit 382 Betroffenen. Unter Stichwaffen zählen beispielsweise Messer, Schraubenzieher oder Eispickel.
Der Anteil an allen Fällen bleibt aber gering. Im Gesamtzeitraum wurden Daten von 291.752 Schwerverletzten dokumentiert. Davon fielen im Zwölf-Jahres-Zeitraum 3.664 (1,28 Prozent) in die Kategorie Stichverletzung und Verdacht auf Gewalttat.
Die Autoren betonten, dass nur die wirklich schweren Fälle dokumentiert werden. Ins Register aufgenommen werden ausschließlich Personen, die in Lebensgefahr schweben oder auf einer Intensivstation behandelt werden müssen.
In die jetzige Analyse eingeschlossen wurden ganz konkret alle Personen mit einer Mindestverletzungsschwere gemäß der sogenannten „Abbreviated Injury Scale (AIS)“ – einer anatomischen Verletzungsskala – ≥ 3, sowie Betroffene mit einer Mindestverletzungsschwere gemäß AIS = 2, die entweder verstorben sind oder auf einer Intensivstation behandelt wurden.
Das bedeutet nach Aussagen der DGU, es sind nicht alle Verletzungen an Armen oder Beinen erfasst worden, die zwar zu erheblichen Funktionseinschränkungen führen können, aber nicht akut lebensbedrohlich gewesen sind.
Die Auswertung zeigt zudem, dass die Verletzungen mit Stichwaffen besonders oft den Körperstamm, insbesondere Brust und Bauchraum betreffen. Sie erforderten in 72 Prozent dringliche operative Maßnahmen, was auf die häufige Verletzung lebenswichtiger Körperteile unter Umständen mit relevanten Blutungen hinweise, hieß es.
Die hohe Rate von Notfalleingriffen unterstreiche zudem die besonderen Anforderungen an die beteiligten, interdisziplinären Traumateams. „Trotz dieser interdisziplinären und professionellen Versorgung versterben 8,2 Prozent nach gewaltsamer Stichverletzung im Krankenhaus“, so die DGU.
Die Betroffenen unterscheiden sich der Studie zufolge demografisch deutlich vom Durchschnitt aller Schwerverletzten. Sie waren überwiegend jünger und zu 85,6 Prozent männlich. Zudem wurden regionale Unterschiede erkennbar, sowohl hinsichtlich der geografischen Lage als auch der Besiedlungsstruktur.
Die Daten, die aus mehr als 600 deutschen Kliniken stammen, die sich am Traumaregister beteiligen, liefern keine Informationen zum Täter- und Opferkreis und der Motivation für die Straftaten. Informationen zur Herkunft und zum sozialen Status der Betroffenen werden ebenfalls nicht im Register erfasst.
Das Thema Messerangriffe und Stichverletzungen befindet sich seit Jahren in der politischen Diskussion. Die AfD zum Beispiel stellte jüngst noch eine Kleine Anfrage im Bundestag, in der sie sich nach erfassten Gewaltdelikten mit mitgeführten oder eingesetzten Messern als Tatmittel erkundigte.
Nach Angaben der Studienautoren existieren keine validen statistischen Aussagen zur Gesamtzahl der Versorgung Schwerverletzter nach nicht selbst zugefügten Messerstichen. Zur Aussage der bundesweiten Häufigkeit der Nutzung von Messern im Rahmen von Straftaten könne „einzig die polizeiliche Kriminalstatistik herangezogen werden, die diesbezüglich auch erst seit den letzten Jahren dezidiertere Aussagen trifft“.
In der Studie werden die Daten der polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2023 genannt, die damals 8.951 Messerangriffe im Zusammenhang mit gefährlicher und schwerer Körperverletzung auswies – während die Zahl im Vorjahr noch bei 8.160 Fällen gelegen hatte.
Eine vollständige Erfassung hat es demnach erstmals für das Jahr 2024 (29.014 Fälle) gegeben. Die Fallzahlen wurden aber „unabhängig von der Verletzungsschwere“ aufgenommen, sobald eine staatsanwaltliche Bearbeitung erfolgte, so das Autorenteam der Studie.
Die DGU betonte heute, es sei Ziel der Arbeit, die „intensive öffentliche Diskussion über eine vermeintliche Zunahme schwerer Körperverletzungen durch Messerangriffe mit möglichst validen Zahlen sachlich zu stützen“.
„Die Versorgung von Stichverletzungen gehört heute deutlich häufiger zu unserem Arbeitsalltag als noch vor zehn Jahren“, sagte DGU-Präsident Frank Hildebrand, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) ist.
„Insgesamt machen diese Verletzungen einen sehr geringen Anteil der Schwerverletztenversorgung aus, dennoch zeigen die Zahlen dieser Arbeit in den letzten Jahren einen Anstieg der Fallzahl vor allem in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte“, erklärte Philipp Störmann, Erstautor der Studie sowie Mitglied der DGU-Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung (NIS).
Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen
Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.
Jetzt bei Google bevorzugenDiskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: