Ärzte stellen sich hinter Bund-Länder-Beschluss für harten Lockdown

Berlin – Ärzteverbände und Krankenhausvertreter haben sich weitgehend hinter den harten Lockdown gestellt, den Bund und Länder gestern verabredet hatten. Sie mahnten aber auch weitere Hilfen für Krankenhäuser und Niedergelassene an.
Der Präsident des Weltärztebundes (WMA), Frank Ulrich Montgomery, mahnte die Ministerpräsidenten, den gemeinsamen Beschluss jetzt nicht wieder durch „Kakophonie“ zu schwächen. Vielmehr müssten sie die Vereinbarungen mit einheitlicher Sprache umsetzen. Montgomery kritisierte, dass der Beschluss zum Lockdown erst jetzt kommt: „Diese Beschlüsse hätte man schon vor vier Wochen fassen können.“
Äußerungen von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), wonach es in Deutschland in der Coronakrise bereits eine Triage bei der Versorgung der Patienten gebe, wies Montgomery zurück. Zwar gebe es Richtlinien dafür, diese würden aber nicht angewandt.
Söder hatte seine Aussage damit begründet, dass Ärzte bereits jetzt darüber entscheiden müssten, welche Patienten in andere Einrichtungen verlegt werden, um Platz für andere zu machen. Dies sei jedoch keine Triage, sondern Teil normalen ärztlichen Handelns, sagte Montgomery.
Unter Triage wird verstanden, wenn etwa in einem Katastrophenfall Ärzte entscheiden müssen, welche Unglücksopfer sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten behandeln und welche zumindest zunächst nicht. In mehreren Ländern, beispielsweise in Italien, war dieses Verfahren teilweise auch auf die Behandlung von Coronapatienten angewandt worden.
Bei der Belastung des Personals in den Krankenhäusern sei „die rote Linie erreicht, erklärte etwa der Hartmannbund. Allein vor diesem Hintergrund gebe es zu einem harten und klaren Schritt keine Alternative mehr. Positiv sei auch, dass nun „aus dem Flickenteppich der vergangenen Monate“ offensichtlich wieder ein einheitlicher Maßnahmenkatalog ohne regionale Sonderwege geworden sei, hieß es weiter.
Dies sei „im Sinne einer breiten Akzeptanz der vorgesehenen Maßnahmen von enormer Bedeutung“. Wichtig sein nun, dass neben der akuten Versorgung betroffener Patienten auch das Impfmanagement reibungslos funktioniere. Auch dazu forderte der Hartmannbund „umfassende Klarheit“ bis zum Jahreswechsel.
„Die Coronapandemie ist außer Kontrolle geraten“, sagte Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). Es gebe „keine Alternative“ zu harten einheitlichen und nachvollziehbaren Maßnahmen, um die Kontakte und damit hoffentlich die Ausbreitung des Virus zu begrenzen. Nur durch die konsequenten Maßnahmen könne man die Kontakte wieder nachverfolgen und die Kontrolle über die Ausbreitung des Virus schrittweise wieder zurückgewinnen.
Laut Teichert war es den Gesundheitsämtern in den vergangenen Wochen an vielen Orten wegen der hohen Infektionszahlen nicht mehr möglich, alle Kontakte von Coronainfizierten nachzuverfolgen und so Infektionsketten zu unterbrechen. Teichert betonte, dass die Gesundheitsämter jetzt rasch zusätzliches Fachpersonal benötigen.
„Die Unterstützung von Externen – zum Beispiel Medizinstudierenden, Ärzten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und Angehörigen der Bundeswehr – ist für die Gesundheitsämter sehr wertvoll. Sie können aber eingearbeitetes Fachpersonal nicht vollständig ersetzen, das den Ämtern fehlt. Wir müssen die Ämter jetzt und dauerhaft stärken“, sagte sie.
Der Marburger Bund appelliert angesichts der hohen Infektionszahlen an Arbeitgeber, ihren Angestellten Homeoffice zu ermöglichen. „Wo immer es möglich ist, sollten Arbeitgeber ihre Angestellten ab sofort ihre Arbeit von zu Hause erledigen lassen“, sagte die Erste Vorsitzende des MB, Susanne Johna. „Homeoffice, wo immer es möglich ist, wird auch dazu führen, dass in dieser kritischen Phase weniger Menschen morgens und abends in vollen Bussen und Bahnen zusammenkommen und sich dabei gegenseitig anstecken.“
Die hohen Infektionszahlen erforderten rasches und konsequentes Handeln, sagte Johna. Die Gefahr eines erneuten exponentiellen Wachstums sei offensichtlich. „Nur durch eine Strategie der wirksamen Kontaktminimierung lässt sich dieser Trend brechen.“
Ohne Schutzschirm drohen Insolvenzen
Die Mitglieder der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) haben Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aufgefordert, den Schutzschirm für die Praxen niedergelassener Ärzte mindestens bis zur Jahresmitte 2021 zu verlängern. Endet der Schutzschirm – wie bisher geplant – Ende 2020, seien Insolvenzen von Praxen zu befürchten, hieß es. Auch angesichts der hohen Bedeutung der ambulanten Versorgung in der Pandemie müsse dies unbedingt verhindert werden.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) stärkte der Regierung ebenfalls den Rücken. Unverständlich sei jedoch, dass die Runde der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten keine Beschlüsse gefasst habe, um den Rettungsschirm für die Krankenhäuser an die gegebene Situation anzupassen.
„Es gibt dringenden Handlungsbedarf. Wir hatten bereits vor Wochen darauf hingewiesen, dass die Instrumente des Rettungsschirms flexibler gestaltet werden müssen, um den Großteil der Krankenhäuser bei Bedarf einbeziehen zu können“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß. Das sei bisher nicht geschehen. „Die Patienten werden zu stark in einigen Kliniken konzentriert. Der Druck ist gewaltig und der Handlungsbedarf enorm“, so Gaß.
Gemeinsam mit den beiden Vizepräsidenten der DKG, Ingo Morell und Thomas Lemke, die auch die Krankenhäuser im Coronabeirat vertreten, fordert der Präsident der DKG deshalb die kurzfristige Einberufung des Beirats noch in der kommenden Woche. „Die Versorgungslast muss dringend auf nahezu alle Kliniken verteilt werden“, so Gaß.
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