Ärzteschaft

Ärzte stellen sich hinter Bund-Län­der-Beschluss für harten Lockdown

  • Montag, 14. Dezember 2020
/Heiko Küverling, stock.adobe.com
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Berlin – Ärzteverbände und Krankenhausvertreter haben sich weitgehend hinter den harten Lockdown gestellt, den Bund und Län­der gestern verabredet hatten. Sie mahnten aber auch weitere Hilfen für Krankenhäuser und Niedergelassene an.

Der Präsident des Weltärztebundes (WMA), Frank Ulrich Montgomery, mahnte die Ministerpräsidenten, den ge­meinsamen Beschluss jetzt nicht wieder durch „Kakophonie“ zu schwächen. Vielmehr müssten sie die Vereinbarungen mit einheitlicher Sprache umsetzen. Montgomery kritisierte, dass der Be­schluss zum Lockdown erst jetzt kommt: „Diese Beschlüsse hätte man schon vor vier Wochen fassen können.“

Äußerungen von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), wonach es in Deutschland in der Coro­na­krise bereits eine Triage bei der Versorgung der Patienten gebe, wies Montgomery zurück. Zwar gebe es Richtlinien dafür, diese würden aber nicht angewandt.

Söder hatte seine Aussage damit begründet, dass Ärzte bereits jetzt darüber entscheiden müssten, wel­che Patienten in andere Einrichtungen verlegt werden, um Platz für andere zu machen. Dies sei jedoch keine Triage, sondern Teil normalen ärztlichen Handelns, sagte Montgomery.

Unter Triage wird verstanden, wenn etwa in einem Katastrophenfall Ärzte entscheiden müssen, welche Unglücksopfer sie bei begrenzten medizinischen Kapazitäten behandeln und welche zumindest zunächst nicht. In mehreren Ländern, beispielsweise in Italien, war dieses Verfahren teilweise auch auf die Be­hand­lung von Coronapatienten angewandt worden.

Bei der Belastung des Personals in den Krankenhäusern sei „die rote Linie erreicht, erklärte etwa der Hart­mannbund. Allein vor diesem Hintergrund gebe es zu einem harten und klaren Schritt keine Alterna­tive mehr. Positiv sei auch, dass nun „aus dem Flickenteppich der vergangenen Monate“ offensichtlich wieder ein einheitlicher Maßnahmenkatalog ohne regionale Sonderwege geworden sei, hieß es weiter.

Dies sei „im Sinne einer breiten Akzeptanz der vorgesehenen Maßnahmen von enormer Bedeutung“. Wichtig sein nun, dass neben der akuten Versorgung betroffener Patienten auch das Impfmanagement reibungslos funktioniere. Auch dazu forderte der Hartmannbund „umfassende Klarheit“ bis zum Jahres­wechsel.

„Die Coronapandemie ist außer Kontrolle geraten“, sagte Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). Es gebe „keine Alternative“ zu harten einheitlichen und nachvollziehbaren Maßnahmen, um die Kontakte und damit hoffentlich die Ausbreitung des Virus zu begrenzen. Nur durch die konsequenten Maßnahmen könne man die Kontakte wieder nachverfolgen und die Kontrolle über die Ausbreitung des Virus schrittweise wieder zurückge­winnen.

Laut Teichert war es den Gesundheitsämtern in den vergangenen Wochen an vielen Orten wegen der hohen Infektionszahlen nicht mehr möglich, alle Kontakte von Coronainfizierten nachzuverfolgen und so Infektionsketten zu unterbrechen. Teichert betonte, dass die Gesundheitsämter jetzt rasch zusätzliches Fachpersonal benötigen.

„Die Unterstützung von Externen – zum Beispiel Medizinstudierenden, Ärzten des Medizinischen Diens­tes der Krankenkassen und Angehörigen der Bundeswehr – ist für die Gesundheitsämter sehr wertvoll. Sie können aber eingearbeitetes Fachpersonal nicht vollständig ersetzen, das den Ämtern fehlt. Wir müssen die Ämter jetzt und dauerhaft stärken“, sagte sie.

Der Marburger Bund appelliert angesichts der hohen Infektionszahlen an Arbeitgeber, ihren Angestellten Homeoffice zu ermöglichen. „Wo immer es möglich ist, sollten Arbeitgeber ihre Angestellten ab sofort ihre Arbeit von zu Hause erledigen lassen“, sagte die Erste Vorsitzende des MB, Susanne Johna. „Home­office, wo immer es möglich ist, wird auch dazu führen, dass in dieser kritischen Phase weniger Men­schen morgens und abends in vollen Bussen und Bahnen zusammenkommen und sich dabei gegenseitig anstecken.“

Die hohen Infektionszahlen erforderten rasches und konsequentes Handeln, sagte Johna. Die Gefahr eines erneuten exponentiellen Wachstums sei offensichtlich. „Nur durch eine Strategie der wirksamen Kontaktminimierung lässt sich dieser Trend brechen.“

Ohne Schutzschirm drohen Insolvenzen

Die Mitglieder der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) haben Bundes­gesundheitsminister Jens Spahn aufgefordert, den Schutzschirm für die Praxen niedergelassener Ärzte mindestens bis zur Jahresmitte 2021 zu verlängern. Endet der Schutzschirm – wie bisher geplant – Ende 2020, seien Insolvenzen von Praxen zu befürchten, hieß es. Auch angesichts der hohen Bedeutung der ambulanten Versorgung in der Pandemie müsse dies unbedingt verhindert werden.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) stärkte der Regierung ebenfalls den Rücken. Unverständ­lich sei jedoch, dass die Runde der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten keine Beschlüsse gefasst habe, um den Rettungsschirm für die Krankenhäuser an die gegebene Situation anzupassen.

„Es gibt dringenden Handlungsbedarf. Wir hatten bereits vor Wochen darauf hingewiesen, dass die Ins­tru­mente des Rettungsschirms flexibler gestaltet werden müssen, um den Großteil der Krankenhäuser bei Bedarf einbeziehen zu können“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß. Das sei bisher nicht geschehen. „Die Patienten werden zu stark in einigen Kliniken konzentriert. Der Druck ist gewaltig und der Hand­lungsbedarf enorm“, so Gaß.

Gemeinsam mit den beiden Vizepräsidenten der DKG, Ingo Morell und Thomas Lemke, die auch die Kran­kenhäuser im Coronabeirat vertreten, fordert der Präsident der DKG deshalb die kurzfristige Einberufung des Beirats noch in der kommenden Woche. „Die Versorgungslast muss dringend auf nahezu alle Klini­ken verteilt werden“, so Gaß.

afp/dpa/may

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