Ärzteschaft

Reinhardt warnt vor überzogenen Erwartungen an harten Lockdown

  • Freitag, 11. Dezember 2020
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer/ picture alliance, Wolfgang Kumm
Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer/ picture alliance, Wolfgang Kumm

Berlin – Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hat seine Forderung nach einem harten bundesweiten Lockdown nach Weihnachten mit einer Warnung vor überzogenen Erwartungen verbun­den. „Angesichts der aktuell sehr hohen Todeszahlen und einer unverändert hohen Belastung in den Kliniken müssen wir die Kontakte schnell und deutlich reduzieren“, sagte Reinhardt dem Redaktions­netzwerk Deutschland heute.

Das gehe am besten durch ein Herunterfahren des öffentlichen Lebens zwischen Weihnachten und dem 10. Januar und damit in einer Phase, die ohnehin eine Zeit der Ruhe sei. „Es ist aber eine Illusion zu glau­ben, mit einem harten Lockdown von 14 Tagen ab Weihnachten bekommen wir die Pandemie in den Griff“, hob der Ärztepräsident hervor.

„Nach dem Ende eines wie auch immer gearteten Lockdowns werden die Infektionszahlen bei Lockerung der Maßnahmen auch wieder steigen.“ Deshalb müssten „endlich bundesweit Konzepte umgesetzt wer­den, um besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen, also vor allem ältere Menschen, wirksam zu schüt­zen“, forderte Reinhardt.

Als Vorbild nannte Reinhardt das Vorgehen von Tübingens grünem Bürgermeister Boris Palmer, ausrei­chend FFP2-Masken an ältere Menschen auszugeben, für sie spezielle Zeitfenster für den Einkauf im Ein­zelhandel vorzusehen und Sammeltaxis zum Bustarif anzubieten. „Das sind hervorragende Konzepte, die bundesweit Schule machen müssen“, sagte Reinhardt dem RND.

Bund und Länder fordert der Ärztepräsident zu einem einheitlichen Vorgehen auf: „Auch wenn hoffent­lich ab Januar die Impfungen beginnen, brauchen wir eine klare, nachvollziehbare und längerfristige Strategie zum weiteren Umgang mit dieser Pandemie“, sagte er.

„Angesichts des ständigen Hin- und Her in der Politik und eines Flickenteppichs an Regelungen besteht die große Gefahr, dass wir die Zustimmung in der Bevölkerung zu den notwendigen Coronabeschrän­kun­gen verlieren.“ Auch „Panik machen und Angst schüren“ seien hier kontraproduktiv. Von der Akzeptanz in der Bevölkerung hänge aber die notwendige Reduzierung der Kontakte ab, betonte Reinhardt.

Die Bundesärztekammer warnte heute auch, dass die Kliniken in zahlreichen, besonders von Corona be­troffenen Regionen schon jetzt enorm belastet sind und unmittelbar vor ihrer Leistungsgrenze stehen. Einzelne Kliniken müssen sich bereits von der Notfallversorgung abmelden. Dadurch erhöhen sich die Transportzeiten für Notfallpatienten teilweise erheblich. Zudem müsse man feststellen, dass das Perso­nal auf den Intensivstationen bereits am Rande des körperlich und psychisch Zumutbaren stehe.

Um die personellen und materiellen Kapazitäten zur Versorgung von Patienten mit Covid-19 noch be­reitstellen zu können, muss es aus Sicht der BÄK deshalb politisch verbindliche Vorgaben auch zum zeitlich befristeten Aussetzen nicht dringlicher Eingriffe geben.

Zugleich müssen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die den Krankenhäusern dadurch entstehenden Vergütungsausfälle voll kompensiert werden. „Diese Vorgaben müssen so verbindlich sein, dass sie bei den Budgetverhandlungen der Kliniken mit den Krankenkassen keinerlei Interpretati­onsspielraum zulassen“, mahnt die BÄK.

Neben diesen Sofortmaßnahmen seien Bund und Länder aufgefordert, bundesweit einheitliche und ver­bindliche Konzepte zum Schutz besonders gefährdeter Bevölkerungsgruppen zu entwickeln. Ausreichen­de Schutzausrüstung und Testmöglichkeiten seien ebenso unerlässlich, wie die weitere Vermeidung von Risikokontakten, beispielsweise durch eigene Terminslots für Risikogruppen in öffentlichen Einrichtun­gen, spezielle Zeitfenster für den Einkauf im Einzelhandel und Fahrdienste für Senioren.

afp/may

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