Ausland

Ärzte ohne Grenzen: Unzureichender Zugang zu HIV-Prophylaxe Lenacapavir

  • Mittwoch, 1. April 2026
/picture alliance, Ulrich Baumgarten
/picture alliance, Ulrich Baumgarten

New York/Berlin – Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen fordert von dem US-Pharmakonzern Gilead Sciences eine direkte Bezugsmöglichkeit der lang wirksamen HIV-Prophylaxe Lenacapavir.

Der Versuch, eine begrenzte Menge des Kapsid-Inhibitors für den Einsatz in eigenen Programmen direkt zu kaufen, sei von dem Unternehmen abgelehnt worden, kritisiert die Organisation in einem offenen Brief von Anfang der Woche.

Bislang hätten nur wenige Länder Kontingente erhalten: im Rahmen einer Vereinbarung zwischen Gilead und dem Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, heißt es von der Hilfsorganisation.

Der Bedarf sei aber weitaus größer, bislang gebe es jedoch keinen gleichberechtigten Zugang zu dem Depotpräparat. Die Gründe seien aus einer Public-Health-Perspektive schwer zu rechtfertigen. Jedes Jahr infizierten sich weltweit etwa 1,3 Millionen Menschen mit HIV.

Lenacapavir wird seit dem vergangenen Sommer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als weitere Option zur HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) empfohlen. Das Mittel muss nur zweimal pro Jahr per Injektion verabreicht werden, so dass diesem etwa im Vergleich zur PrEP in Form täglicher Tabletten eine besondere Bedeutung zukommt, insbesondere in Krisengebieten.

„Gilead hat den Globalen Fonds als Bezugsquelle für Ärzte ohne Grenzen genannt, obwohl dessen Kontingente bereits festgelegt und darüber hinaus unzureichend sind“, kritisiert Ärzte ohne Grenzen. Einige der Länder, in denen man tätig sei, seien „aufgrund von Einschränkungen, die von Gilead festgelegt wurden, nicht berechtigt, Kontingente über den Globalen Fonds zu beziehen“.

Ärzte ohne Grenzen hat Gilead nun bis 13. April zu einem Folgetreffen aufgefordert, um zu klären, ob der Direktverkauf ermöglicht wird – und wenn ja, zu welchem Preis. „Die Entwicklung des Arzneimittels zählt zu den wichtigsten Fortschritten in der HIV-Prävention seit Jahrzehnten“, betonte Ärzte ohne Grenzen.

Unternehmen geht nicht auf einzelne Fragen ein

Auf Fragen des Deutschen Ärzteblattes zu den Vorwürfen ging Gilead nicht im Einzelnen ein. Eine Sprecherin erklärte jedoch, dass das Unternehmen sich dafür einsetze, einen breiten und nachhaltigen Zugang zu Lenacapavir zur HIV-Prävention in Ländern mit hohen Inzidenzen und begrenzten Ressourcen zu gewährleisten.

Man arbeite eng mit mehreren Partnern, darunter dem Globalen Fonds zusammen, um die Bereitstellung voranzutreiben – ohne Gewinn für Gilead, bis Generikahersteller in der Lage seien, die Nachfrage zu decken, wurde in dem Statement betont.

Der Globale Fonds hatte die Vereinbarung im vergangenen Sommer als großen Erfolg bekanntgegeben. Ziel sei es, zwei Millionen Menschen in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen mit dieser Form der PrEP zu erreichen. Das Medikament stelle einen „Wendepunkt" im Kampf gegen HIV/Aids dar.

Ärzte ohne Grenzen: Es ist kein Streit über Preis

Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen soll Gilead den Verkauf des Medikaments bereits in einem frühen Stadium der Verhandlungen verweigert haben, man habe weder über konkrete Abnahmemengen noch genaue Preise gesprochen.

Gilead rufe in den USA einen Listenpreis von mehr als 28.000 US-Dollar für eine Jahresration (zwei Dosen) Lenacapavir auf. Generikahersteller hätten angekündigt, dass sie nach Produktionsbeginn im Jahr 2027 mit Preisen von 40 Dollar rechnen. Ärzte ohne Grenzen hat nach eigenen Angaben die Bereitschaft signalisiert, mehr als den erwarteten Generikapreis zu bezahlen.

Die von ihr benötigten Mengen schätzt die Hilfsorganisation als vernachlässigbar im Vergleich zur Gesamtproduktion ein. Die Länder, in denen man Lenacapavir gern einführen würde, seien unter anderem: Eswatini, Kenia, Simbabwe, Honduras, Malawi, Mosambik, die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik, Haiti und Äthiopien. Man prüfe auch die Möglichkeit für weitere Länder in Lateinamerika, die derzeit von Lizenzvereinbarungen ausgenommen seien, hieß es.

Manche Länder, die von derartigen Vereinbarungen ausgenommen sind, seien sogar an klinischen Studien für Lenacapavir beteiligt gewesen, was ihren Ausschluss besonders unethisch mache. Dort, wo der Zugang weiterhin eingeschränkt ist, sollten die Regierungen dabei unterstützt werden, alle verfügbaren rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, um einen erschwinglichen Zugang zu gewährleisten, hieß es von Ärzte ohne Grenzen.

ggr

Diskutieren Sie mit:

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Es gibt noch keine Kommentare zu diesem Artikel.

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung