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Ärzte und Wissenschaftler plädieren für Regulierung der Social-Media-Nutzung für Heranwachsende

  • Freitag, 20. Februar 2026
/neppen1, stock.adobe.com
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Berlin – Im Rahmen der Debatte um eine Regulierung der Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichen haben die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) sowie Verbände der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie sich heute positioniert. „Chancen und Risiken bei der Nutzung digitaler Medien hängen vom Alter und dem Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen ab. Das gilt auch und gerade im Hinblick auf ihre psychische Gesundheit“, sagte Michael Kölch, Präsident der DGKJP.

„Besonders wichtig ist, dass Kinder im Alter von null bis drei Jahren keine digitalen Medien nutzen, im Alter von vier bis fünf Jahren maximal eine halbe Stunde täglich und das nicht allein“, sagt Eva Möhler, Leiterin der Ad-hoc Arbeitsgruppe (AG) und Vorstandsmitglied der DGKJP. „Mediennutzung sollte in allen Vorsorgeuntersuchungen angesprochen werden – inklusive geschulter Kurzberatung.“

Die DGKJP hat die Ad-hoc-AG mit Expertinnen und Experten erarbeitet, die das Medien-Nutzungsverhalten von Kindern und Jugendlichen auf Chancen und Risiken untersucht und Hinweise zu möglicher Prävention psychischer Erkrankungen zusammenstellt.

Dauernder Streitpunkt Medienkonsum

„In unseren Praxen sehen wir Familien, in denen der zunehmende Medienkonsum ein dauernder Streitpunkt ist. Kinder und Jugendliche mit übermäßigem Konsum zeigen psychische Belastungen wie Stresserleben, Schlafprobleme und Leistungsabfall“, berichtet Gundolf Berg, Vorsitzender des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP).

Elterliche Medienkompetenz sei ein wesentlicher Teil von Prävention, aber vor dem Hintergrund der auf Algorithmen basierenden Angebote, die auf Dauerkonsum abzielen, greife es zu kurz, ihnen allein die Verantwortung für den Medienkonsum ihrer Kinder zu überlassen. Notwendig und „überfällig“ seien daher gesetzliche Regelungen.

„Die Nutzung digitaler Angebote darf nicht zulasten der altersgemäßen Entwicklungsaufgaben gehen. Analoge Freizeitgestaltung von Kindern und Jugendlichen, wie reale Treffen mit Gleichaltrigen und Bewegung, müssen breit gefördert werden“, betont Marianne Klein, Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (BAG KJPP). Das trainiere die so wichtige Selbstregulation und Sozialkompetenz als Resilienzfaktoren. Gleichzeitig brauche es standardisierte Medienkompetenzunterrichtsangebote ab der Grundschule.

Begleitforschung unabdingbar 

„Wir brauchen die konsequente Umsetzung des Kinder- und Jugendschutzes durch die Anbieter digitaler Medien entsprechend dem Digital Services Act (DSA), Altersgrenzen ebenso wie Altersverifikation und eine unabhängige staatliche Stelle, die diese Altersgrenzen bewertet“, fordert Tobias Renner, stellvertretender Präsident der DGKJP und ebenfalls Mitglied der Ad-hoc AG. Um evidenzbasierte Forschung zu stärken und weiter auszubauen, sei Begleitforschung unabdingbar.

Wenn Kinder und Jugendliche zu viel Zeit auf den Social-Media-Plattformen verbringen, dann fehle ihnen diese Zeit für wichtige entwicklungspsychologische Aufgaben, die altersabhängig unterschiedlich sind. Darauf wies Christian Montag, Professor für Kognitions- und Gehirnwissenschaft an der Universität von Macau, China, gestern im Rahmen eines Press-Briefings des Science Media Center hin. „Ein zu viel auf den Plattformen bei einer Industrie, die mit einem Datengeschäftsmodell arbeitet, das darauf abzielt, Onlinezeiten zu verlängern, ist ein zu wenig an Zeit für wichtige Entwicklungsaufgaben“, sagte der Wissenschaftler. Eine Regulierung sei auch deshalb notwendig.

Problematisch sei weiter, dass die sozialen Medien in relativ großem Umfang nicht altersgerechte Inhalte an die jungen Nutzenden weitergeben. Viele dieser Inhalte wirkten auf jüngere Nutzende sehr verstörend, und müssten entsprechend reguliert werden, forderte Montag.

Die Studien zeigten darüber hinaus Zusammenhänge zwischen einer exzessiven Social-Media-Nutzung und Körperunzufriedenheit, Depression und sogar Essstörungen. Denn auf den Plattformen würden junge Menschen in großem Umfang mit unrealistischen Körperidealen und Schönheitsidealen, auch durch die Filter, konfrontiert. „Doch es ist zu einfach zu sagen, dass die soziale Mediennutzung allein zu einer Depression oder zu einer Essstörung führt. Bei Psychopathologien handelt es sich komplexe Störungsbilder, die durch viele Faktoren beeinflusst werden“, erklärte Montag.

Der Wissenschaftler wies zudem darauf hin, dass es „große Lücken“ in der neueren wissenschaftlichen Forschung zu den Auswirkungen von übermäßiger Social-Media-Nutzung gebe.

Der Ausschuss Jugendmedizin des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) mahnt im Rahmen der Debatte um die Regulierung der Social-Media-Nutzung deutlich mehr therapeutische und pädagogische Unterstützungsangebote für die betroffenen Jugendlichen an.

In den kinder- und jugendärztlichen Praxen zeige sich täglich, dass sich die gesundheitliche Situation vieler Jugendlicher dramatisch verschlechtert habe: Psychosomatische Erkrankungen, psychische Belastungen und Schulabsentismus nähmen deutlich zu, während flächendeckend geeignete Versorgungsstrukturen fehlten oder nicht ausreichten.

PB

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