Ärztetag für „grundsätzlichen Paradigmenwechsel“ beim Thema Prävention

Hannover – Der 130. Deutsche Ärztetag spricht sich für einen „grundsätzlichen Paradigmenwechsel“ hin zu einer stärkeren Ausrichtung an Prävention und Gesundheitsförderung in Politik, Versorgung und Wissenschaft aus.
„Den vielfältigen Appellen für mehr Prävention müssen endlich Taten folgen“, heißt es in einem Antrag des Vorstands der Bundesärztekammer (BÄK), den die Delegierten am vergangenen Freitag in Hannover mehrheitlich annahmen.
Darin mahnt der Vorstand, dass Prävention und Gesundheitsforderung „nicht länger ein Add-on“ in der Gesundheitsversorgung und -politik darstellen dürften. Gesundheit müsse zu einer verbindlichen Zielgröße für politisches Handeln in allen Politikfeldern werden, im Sinne eines „Health in and for All Policies“-Ansatzes.
Mit dem Beschluss fordert der Deutsche Ärztetag weiter, dass Präventionsstrategien und -ziele ressortübergreifend und mit Einbindung der Fachexpertise von Ärzten gedacht sowie umgesetzt werden werden müssten. Wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen, um gesunde Lebensweisen zu fördern, müssten priorisiert werden.
Der Antrag zielt zudem auf den Aufbau zentraler Dateninfrastrukturen zum Erheben gesundheitsbezogener Daten und auf eine nachhaltige Stärkung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD). Bei der Qualifizierung von Gesundheitsberufen sei „eine präventions- und gesundheitsorientierte Haltung und Handlung im Sinne der Priorisierung von präventiven gegenüber kurativen Maßnahmen“ zu vermitteln, heißt es weiter.
Begründet wird der Antrag unter anderem damit, dass mehr Prävention weniger Kosten, bessere Lebensqualität, Gerechtigkeit und Robustheit des Gesundheitssystems bedeute. Es sei „eine Investition in eine gesunde, produktive Gesellschaft und eine effiziente, zukunftsfähige Gesundheitsversorgung“.
Weitere Anträge heben Themen Behinderungen und HIV hervor
Ausdrücklich weist der Vorstand der BÄK in einem weiteren Antrag darauf hin, dass Belange von Menschen mit Behinderungen bei der geplanten Novellierung des Präventionsgesetzes berücksichtigt werden müssten. Die Delegierten unterstützen mit ihrem Votum den entsprechenden Appell an den Gesetzgeber.
Die Fachverbände für Menschen mit Behinderungen sowie die mit der gesundheitlichen Versorgung dieser Gruppen befassten Ärztinnen und Ärzte sollen demnach stärker in die Planung spezifischer Präventionsmaßnahmen einbezogen werden.
Spezielles Augenmerk legt der BÄK-Vorstand zudem auf das Thema HIV/Aids. Mit der Zustimmung zu einem entsprechenden Antrag fordert der Deutsche Ärztetag Bund und Länder im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten auf, Präventions-, Versorgungs- und Forschungsmaßnahmen zur Bekämpfung von HIV/Aids fortzuführen und weiter auszubauen. „Bestehende Projekte und Versorgungsstrukturen, wie Aufklärungskampagnen, Zugang zu Medikamenten und HIV-Schwerpunktpraxen, müssen erhalten und gesichert werden“, hieß es.
Insgesamt gab es im Themenblock Prävention/Gesundheitsförderung mehr als 20 Anträge, von denen der überwiegende Großteil angenommen wurde. Die Stärkung der Prävention sei die beste Intervention, die man tätigen könne, sagte Stephan Böse-O'Reilley aus Bayern in der Debatte. Der Politik warfen er und auch weitere Redner bei dem Thema Untätigkeit vor.
Mehrere der Rednerinnen und Redner machten in der Debatte den begrenzten Einflussbereich von Ärzten deutlich: Bei Kindern etwa ergebe sich vieles durch die Lebenswelten, wo etwa Bewegung oder gesunde Ernährung nicht immer möglich seien. Gerald Quitterer aus dem BÄK-Vorstand unterstrich, dass Verhaltensprävention Aufgabe der Ärzteschaft sei, Verhältnisprävention hingegen eine staatliche.
Die Delegierte Birgit Wulff, die mit mehreren weiteren Hamburger Kolleginnen und Kollegen einen angenommenen Antrag zum Thema eingebracht hatte, wertete die vielen Initiativen im Präventionsbereich als Problem. „Wir haben keine Struktur, die alle Menschen erreicht“, sagte sie.
Gebraucht werde eine evidenzbasierte zentrale Struktur, auch die individuelle ärztliche präventive Beratung gelte es zu stärken, was aber oft am Personal scheitere. Sie plädierte dafür, den Ansatz individueller Verhaltensprävention stärker herauszustellen.
Zum Thema Diskussion über Screeningangebote sprach sich Wieland Dietrich (Nordrhein) dafür aus, dass Wissenschaftlichkeit und medizinische Bewertung im Vordergrund stehen sollten. Er habe sich geärgert, dass die Finanzkommission Gesundheit kürzlich das Hautkrebsscreening infrage gestellt habe. Er betonte, das Risikoprofil könne nicht der Gesundheitspolitik überlassen werden, die unter Kostenaspekten entscheide.
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