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Betriebskrankenkassen werben für mehr soziale Verbundenheit in Unternehmen

  • Montag, 25. Mai 2026
/kieferpix, stock.adobe.com
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Berlin – Einsamkeit ist nach Einschätzung der Betriebskrankenkassen längst auch ein Thema der Arbeitswelt. Bei der Veranstaltung „Allein im Team? Wie Unternehmen Einsamkeit vorbeugen und Zusammenhalt fördern“ des Dachverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK-Dachverband) betonten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Praxis in der vergangenen Woche die Bedeutung sozialer Verbundenheit in Unternehmen.

Für das Bundesfamilienministerium ist Einsamkeit am Arbeitsplatz eine Folge tiefgreifender Veränderungen der Arbeitswelt. Digitalisierung, Flexibilisierung und neue Organisationsformen eröffneten zwar Chancen, verlangten aber zugleich „neue Formen der sozialen Verantwortung“, erklärte Petra Bahr, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Die Bundesregierung wolle deshalb Rahmenbedingungen schaffen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkten.

Bahr verwies zudem auf die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ein gemeinsames Projekt des BKK-Dachverbands und des Instituts für Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Einsamkeit im Arbeitskontext sei danach nicht nur ein diffuses Gefühl, sondern ein messbares Risiko, so Bahr. Mit der Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ wolle die Bundesregierung ab 22. Juni verstärkt das Thema aufmerksam machen, ergänzte Herlind Megges vom BMBFSFJ . Starten solle auch dann auch eine „Allianz gegen Einsamkeit.“

Arbeit könne Einsamkeit vorbeugen – allerdings nur dann, wenn Unternehmen soziale Beziehungen aktiv förderten, betonte Anne-Kathrin Klemm, Vorständin des BKK-Dachverbandes. „Unternehmen und Betriebe, die den Zusammenhalt stärken und Raum für menschliche Anliegen schaffen, sichern nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten, sondern auch die Zukunft der Arbeit“, so Klemm. Begegnungsorte, informelle Austauschmöglichkeiten und einsamkeitssensible Strukturen könnten dazu beitragen, Einsamkeit vorzubeugen. Voraussetzung sei jedoch, das Thema offen anzusprechen und aus der Tabuzone zu holen.

Seit 2024 beschäftigt sich der BKK-Dachverband gemeinsam mit dem Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) mit dem Thema Einsamkeit in der Arbeitswelt. Im Rahmen einer Studie, die bis 2027 läuft, werden qualitative Interviews mit Fachkräften aus der betrieblichen Praxis sowie quantitative Datenauswertungen durchgeführt. Ziel ist es, besser zu verstehen, welche Faktoren Einsamkeit am Arbeitsplatz fördern oder verhindern und welche Maßnahmen in der betrieblichen Gesundheitsförderung wirksam sind.

Die Ergebnisse sollen in eine Handlungshilfe für Unternehmen einfließen, so der BKK-Dachverband. Ergänzend sei die Kampagne „Lass die anderen nicht hängen“ gestartet worden. Sie vermittelt praktische Hinweise und alltagsnahe Impulse, wie soziale Kontakte gestärkt und Einsamkeit frühzeitig erkannt werden können. Über die Plattform „Mein Phileo“ sollen Beschäftigte und Unternehmen zudem über Einsamkeit informiert und für das Thema sensibilisiert werden.

Nach Angaben des BKK-Dachverbandes fühlen sich rund 18 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter einsam. Entscheidend sei dabei weniger der Arbeitsort, etwa Homeoffice oder Büro, sondern vielmehr die Qualität der Zusammenarbeit, berichtete der Soziologe Martin Gibson-Kunze anhand erster Ergebnisse. Einsamkeit entstehe dort, wo Kommunikation fehle, Teilhabe erschwert werde und soziale Zugehörigkeit nicht gelebt werde.

Erwerbsarbeit sei grundsätzlich ein Schutzfaktor gegen Einsamkeit, verhindere diese jedoch nicht automatisch, so Gibson-Kunze. Entscheidend sei, wie Menschen ihre Arbeit erlebten. Wer seine Tätigkeit als belastend oder sinnlos empfinde, berichte häufiger von Einsamkeit. „Es geht also nicht darum, ob Menschen arbeiten, sondern wie sie die Arbeit erleben“, erläuterte der am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik tätige Soziologe.

Der Psychiater und Stressforscher Mazda Adli machte deutlich, dass Einsamkeit ein gesellschaftliches und kein individuelles Problem sei. Besonders betroffen seien besonders junge Erwachsene, deren Lebensphase häufig von Umbrüchen wie Berufseinstieg, Partnersuche oder Ortswechsel geprägt sei, aber auch ältere Menschen.

Adli unterschied zwischen freiwilligem Alleinsein und belastender Einsamkeit. Einsamkeit entstehe, wenn gewünschte soziale Beziehungen nicht mit der Realität übereinstimmten. „Damit ist Einsamkeit streng genommen ein Warnsignal unseres sozialen Gehirns, dass uns soziale Verbundenheit fehlt“, erklärte der Psychiater.

Die gesundheitlichen Auswirkungen seien erheblich. Einsamkeit wirke wie ein starker sozialer Stressor und beeinflusse unter anderem Stoffwechsel, Immunsystem und Herz-Kreislauf-Funktionen. Studien zufolge erhöhe sie zudem das Risiko für Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen. Außerdem könne Einsamkeit das Sterberisiko um 26 Prozent erhöhen. „Damit gehört Einsamkeit zu den stärksten bekannten Gesundheitsrisiken, die wir kennen“, sagte Adli.

Zugleich warnte er vor der gesellschaftlichen Tabuisierung des Themas. „Solange Einsamkeit schambesetzt bleibt, bleibt sie unsichtbar. Und was unsichtbar ist, können wir nicht wirksam angehen“, sagte Adli. Um dem entgegenzuwirken, brauche es eine neue Sprache und mehr gesellschaftliche Räume für Begegnung – auch in der Arbeitswelt. 

ER

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