Bundesärztekammer betont Bedeutung der ärztlichen Psychotherapie
Berlin/Hannover – „Ohne Ärzte ist eine gute psychotherapeutische Versorgung nicht denkbar.“ Das betonte Cornelia Goesmann, Beauftragte des Vorstandes der Bundesärztekammer (BÄK) für Fragen der ärztlichen Psychotherapie auf dem Symposium „Die spezifische Rolle der ärztlichen Psychotherapie“ Ende Juni in Hannover. Zu dem Symposium hatten die Bundesärztekammer und die Ärztekammer Niedersachsen eingeladen.
„Psychische Erkrankungen werden immer mehr zu einer Herausforderung für die Gesundheitsversorgung. Sie verursachen nicht nur menschliches Leid, sondern auch erhebliche direkte und indirekte Kosten, zum Beispiel bei Arbeitsunfähigkeit und Erwerbsminderungsrenten“, sagte die niedersächsische Kammerpräsidentin und Vizepräsidentin der BÄK, Martina Wenker, zum Auftakt des Symposiums.
Johannes Kruse, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie, verwies darauf, dass körperliche Beschwerden in mehr als der Hälfte der Fälle Ursachen für eine ambulante Psychotherapie seien. Im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hatte er die ambulante vertragsärztliche psychotherapeutische und psychosomatische Versorgung untersucht.
Versorgungsbedarf ist nicht ausreichend gedeckt
Sein Befund: Der Versorgungsbedarf ist nicht ausreichend gedeckt. Die Gründe für die mangelnde oder späte Inanspruchnahme lägen mitunter bei den Patienten selbst, die etwa aus Angst vor Stigmatisierung oder aus kulturellen Gründen den Gang in die Praxis scheuten. Es fehle aber auch an niederschwelligen psychosomatischen und psychotherapeutischen Angeboten.
Laut Reinhard Lindner vom Zentrum für psychische Gesundheit in Hamburg sind alte Menschen in der psychotherapeutischen Versorgung unterrepräsentiert. Ärzte hätten eine besondere psychotherapeutische Kompetenz, um die körperlichen und psychischen Probleme Älterer zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu behandeln.
Begleiterkrankungen zu selten behandelt
Laut Christoph von Ascheraden, Vorsitzender des Ausschusses „Sucht und Drogen“ der BÄK gilt dies auf ähnliche Weise auch für Suchtkranke. Trotz guter Therapiemöglichkeiten würden die typischen psychischen Begleiterkrankungen der Sucht wie Depressionen, Persönlichkeits- oder Angststörungen zu selten behandelt, kritisierte er.
Der Versorgungsforscher Heiner Melchinger bezweifelt sogar grundsätzlich, dass die Hilfe immer an der richtigen Stelle ankommt: Nicht jeder, der eine Psychotherapie dringend brauche, bekomme sie. Gerade die Patienten, die am wenigsten in der Lage wären, ihr Leben selbst zu organisieren, blieben weitgehend ausgeschlossen, so Melchinger.
Zum Beispiel würden Patienten mit funktionellen körperlichen Beschwerden und Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen vom aktuellen Versorgungssystem nicht ausreichend erreicht, so Wolfgang Herzog von der Universität Heidelberg. Gerade bei diesen Störungen komme es vielfach zu einer Fehlversorgung, die das Gesundheitssystem, aber auch die Betroffenen extrem belaste.
Vor dem Hintergrund des Ärztemangels und der großen Zahl von Hilfesuchenden forderte Sabine Herpertz vom Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universität Heidelberg eine Neustrukturierung des ambulanten Behandlungsangebots. Die derzeitige Struktur der Richtlinientherapie müsse durch eine Akutversorgung auch im Rahmen der ärztlichen Sprechstunde ergänzt werden, um den Bedürfnissen psychisch Kranker in der Breite und in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht zu werden, forderte sie.
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