Charité eröffnet Zentrum für HIV-Heilungsforschung

Berlin – Mit dem neuen HIV-Heilungsforschungszentrum BeCURE bündelt die Charité in Berlin ihre Forschung zu Strategien, mit denen sich HIV künftig heilen oder zumindest dauerhaft kontrollieren lassen könnte. Zur heutigen Eröffnung des Zentrums wird auch der sogenannte Zweite Berliner Patient erwartet – einer von weltweit 13 Menschen, die bislang als von HIV geheilt gelten.
Nach Angaben von BeCURE-Direktor Christian Gaebler stützt sich das neue Zentrum auf fünf Säulen: Grundlagenforschung, klinische Forschung, qualitative Sozialforschung, die Einbindung der Community über ein Community Collaboration Board sowie Computational Science.
„Berlin ist sehr zentral für dieses Forschungsfeld“, sagte Gaebler mit Verweis auf den ersten und den zweiten Berliner Patienten. Viele Erkenntnisse aus der HIV-Forschung seien auf andere chronische Viruserkrankungen übertragbar, etwa auf Hepatitis-B. Zugleich sei Berlin mit der größten HIV-Community in Deutschland ein besonders wichtiger Standort: Jeder fünfte Mensch mit HIV in Deutschland lebe hier.
Geschichte der HIV-Heilung begann in Berlin
2008 wurde der erste Mensch weltweit an der Charité von HIV geheilt. Er wurde als „Berliner Patient“ bekannt. „Die Geschichte der HIV-Heilung hat in Berlin begonnen mit Timothy Ray Brown“, sagte Gaebler.
Brown war nicht nur HIV-positiv, sondern zusätzlich an Krebs erkrankt und erhielt deshalb eine Stammzelltransplantation von einem Spender, der aufgrund einer seltenen Genmutation gegen das HI-Virus immun war. In der wissenschaftlichen Community habe der erste Fall zunächst allerdings nur begrenzte Aufmerksamkeit gefunden; seine Tragweite sei erst später in vollem Umfang erkannt worden.
2024 glückte erneut eine Heilung. Der sogenannte Zweite Berliner Patient war, wie alle bisher geheilten Menschen, neben HIV ebenfalls an Krebs erkrankt. Das HIV-Virus war 2009 festgestellt worden. 2015 wurde dann eine akute myeloische Leukämie diagnostiziert. Aufgrund der Leukämie war neben der Chemotherapie auch eine Stammzelltransplantation notwendig.
Der Mann bekam am 14. Oktober 2015 – also genau vor elf Jahren – Stammzellen einer gesunden Spenderin inklusive ihres Immunsystems übertragen. Nach Angaben Gaeblers beendete der Patient 2018 die antiretrovirale Therapie auf eigene Faust; auch 2026 sei das Virus weiterhin nicht nachweisbar.
Stammzelltransplantationen kommen nach Darstellung Gaeblers als Weg zur HIV-Heilung nur in seltenen Fällen infrage – nämlich dann, wenn zusätzlich eine Krebserkrankung vorliegt und der Eingriff deshalb medizinisch ohnehin notwendig ist. Auf eine breite Anwendung lasse sich dieser Ansatz nicht übertragen.
„Weil diese Therapiemaßnahmen einfach ein sehr, sehr hohes Risiko mit sich bringen und letztlich in einer Person, die mit HIV lebt und therapiert werden kann, nicht vertretbar sind“, sagte Gaebler, der als Arbeitsgruppenleiter 2024 an der Heilung des „Zweiten Berliner Patienten“ beteiligt war. Das Todesrisiko solcher Stammzelltransplantationen liege bei etwa 50 Prozent.
Für Menschen, deren HIV-Infektion medikamentös kontrolliert werden kann, kommt ein solcher Eingriff deshalb nicht als reguläre Heilungsstrategie infrage. Alle 13 Menschen weltweit, die bisher als von HIV geheilt gelten, haben eine Stammzelltransplantation erhalten.
Heilungswege ohne Stammzellentransplantation
„Das Ziel muss es sein, dass wir Wege finden, die ohne diese Stammzelltransplantation in die Breite übertragen werden können“, sagte Gaebler. Dafür entstehe das Zentrum, bei dessen Aufbau der „Zweite Berliner Patient“ eine zentrale Rolle gespielt habe.
„Einzelfälle sind nicht skalierbar, geben uns aber Informationen, um im Zentrum neue Heilungsstrategien zu entwickeln, die auf Stammzellentransplantationen verzichten“, sagte Gaebler. „Unser Ziel bei BeCURE ist es, Heilungswege zu finden, die ohne Stammzellentransplantation in die Breite gebracht werden können.“
Als mögliche Ansätze nannte Gaebler Gen- und Zelltherapien, die auch in Berlin erforscht würden, darunter CAR-T-Zelltherapien. Zudem gebe es Studien zu Immuntherapien, die bereits zeigten, dass 10 bis 20 Prozent der Behandelten mehr als zehn Jahre ohne antiretrovirale Therapie leben könnten. Diese Immuntherapien seien sehr verträglich. „Wir wollen zum Beispiel erforschen, bei wem diese Therapien gelingen, bei wem nicht und warum nicht“, sagte Gaebler.
Gemeinsame Arbeit mit den Betroffenen
Ein wichtiger Bestandteil von BeCURE ist nach seinen Worten zudem die enge Einbindung der HIV-Community. Diese sei auch aus historischen Gründen besonders gut vernetzt – anders als etwa bei Hepatitis B. „Die Community formuliert auch deutlich den Wunsch nach Heilung: Das Leben mit der Diagnose führt nicht nur zu gesundheitlichen Belastungen, sondern auch zu Alltagshürden wie Diskriminierung und Stigmatisierungen“, sagte Gaebler.
Global leben etwa 41 Millionen Menschen mit HIV. Moderne Therapien können die Infektion zwar wirksam kontrollieren, müssen aber lebenslang eingenommen werden; rund ein Viertel der Betroffenen hat weltweit keinen Zugang dazu.
Viele Erkenntnisse aus der HIV-Forschung seien zudem auf andere chronische Viruserkrankungen übertragbar, etwa auf Hepatitis-Erkrankungen, sagte Gaebler. BeCURE soll deshalb neue Strategien zur Heilung oder dauerhaften Kontrolle von HIV entwickeln und zugleich Impulse für die Forschung an anderen chronischen Virusinfektionen geben.
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