Chinas Geburtenzahl auf historischem Tiefstand

Peking – Die Zahl der jährlichen Geburten in China ist auf den tiefsten Stand seit Gründung der Volksrepublik 1949 gefallen. Im abgelaufenen Jahr wurden 7,92 Millionen Babys geboren – ein deutliches Minus von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Statistikamt in Peking heute berichtete.
Trotz Aufhebung der umstrittenen Ein-Kind-Politik vor genau zehn Jahren bekommen die Chinesen immer weniger Kinder. Das beschleunigt die Überalterung der Gesellschaft. Die Bevölkerung schrumpfte noch schneller als im Vorjahr; um 3,4 Millionen Menschen. Die Fruchtbarkeitsrate fiel auf 0,98 Kinder für jede Frau – weit weniger als die 2,1, die nötig wären, um die Bevölkerung konstant zu halten.
Der vierte jährliche Geburtenrückgang in Folge ist ein schwerer Rückschlag für die Bemühungen von Chinas Regierung, das Milliardenvolk mit Anreizen zum Kinderkriegen zu ermutigen. Die Hauptgründe für den Einbruch sind die hohen Kosten, ein Kind großzuziehen, die schlechte Wirtschaftslage, eine schrumpfende Zahl von Frauen im gebärfähigen Alter und zu wenig Hochzeiten.
Auch haben Jahrzehnte restriktiver Bevölkerungskontrolle die grundsätzliche Einstellung zu Familie geändert: „Nur ein Kind zu haben oder kinderlos zu bleiben, ist in China zur sozialen Norm geworden“, sagt der Bevölkerungsforscher Yi Fuxian von der University of Wisconsin-Madison.
„Ein Rückgang der Geburtenrate ist unvermeidlich; wie ein riesiger Felsbrocken, der einen Hügel hinunterrollt“, meint der renommierte Wissenschaftler. „Chinas Ein-Kind-Politik hat den Prozess beschleunigt.“ Es werde äußerst schwierig, „den Block wieder den Hügel hinaufzubewegen“.
In China ein Kind großzuziehen, kostet im Schnitt umgerechnet fast 60.000 Euro, wie das Bevölkerungsinstitut YaWu errechnete. In Shanghai und Peking seien es sogar 109.000 Euro. Die Kosten summieren sich demnach auf das 6,3-fache des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf – eine Messgröße, die die Belastung im Vergleich zur Wirtschaftskraft eines Landes zeigt. Nur in Südkorea ist das mit 7,79 BIP noch teurer. In Deutschland fällt der Wert mit 3,64 deutlich geringer aus.
Das Problem ist keineswegs auf China begrenzt. Die Geburtenrate in Ostasien mit Taiwan, Hongkong, Japan und Südkorea ist mit 0,7 bis 1,1 Kindern pro Frau die niedrigste der Welt. In diesen Volkswirtschaften hat der moderne Lebensstil aus Sicht der Forscher die Tradition, mehr Kinder zu haben, stark schwinden lassen.
In China verstärkte die langjährige Ein-Kind-Politik noch die rückläufige Entwicklung. In der Hafenmetropole Shanghai liegt die Geburtenrate bei nur noch 0,6. Ein jüngster Versuch zum Gegensteuern: die Besteuerung von Kondomen und anderen Verhütungsmitteln, die in China bislang steuerfrei zu haben waren. Soll heißen: Paare werden zum Kinderkriegen ermutigt.
Allerdings betrachtet Forscher Yi Fuxian die Steuer angesichts der hohen Kinderkosten als „kaum der Rede wert“; denn Verhütungsmittel blieben weiter günstig. Auch sieht er nicht, dass die Politik an anderer Stelle härter eingreift. Abtreibungen seien unverändert weit verbreitet. Nach den jüngsten vorliegenden Zahlen von 2020 würden in China 43 Prozent aller Schwangerschaften abgebrochen.
Ein Fünftel der Bevölkerung ist bereits über 60 Jahre alt. Bis 2035 könnte die Zahl auf 30 Prozent steigen – und 2050 rund die Hälfte ausmachen. So sinkt die Zahl der Erwerbstätigen – was Wirtschaftswachstum und soziale Absicherung beeinträchtigen wird. Wurde 2023 ein Rentner noch von drei Erwerbstätigen unterstützt, wird das Verhältnis bis 2054 wohl auf nur noch 1,15 fallen. Chinas Staatsmedien warnen vor „enormem Druck auf die Renten- und Sozialversicherungssysteme“.
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