Cybermobbing: Jeder vierte betroffene junge Mensch berichtet von Suizidgedanken

Berlin – Cybermobbing nimmt unter Kindern und Jugendlichen weiter zu und geht mit erheblichen gesundheitlichen Belastungen einher. Nach der heute in Berlin vorgestellten Studie „Cyberlife VI – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“ des Bündnisses gegen Cybermobbing sind in diesem Jahr bundesweit 20,7 Prozent der 7- bis 20-Jährigen nach eigenen Angaben von Cybermobbing betroffen. Dieses ist eng mit dem schulischen Umfeld verbunden.
90 Prozent der Betroffenen erleben der Befragung zufolge Mobbing durch bekannte Personen aus dem Umfeld. Betroffen sind in absoluten Zahlen mehr als 2,4 Millionen Kinder und Jugendliche. Gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2024 ist der Anteil um 2,2 Prozentpunkte gestiegen. Zur Erinnerung: Vor knapp zehn Jahren lag er noch bei 12,7 Prozent.
Für „Cyberlife VI“ wurden in diesem Jahr von April bis Juli bundesweit 716 Lehrerinnen und Lehrer, 1.113 Eltern sowie 4.525 Schülerinnen und Schüler online zu Mobbing und Cybermobbing befragt.
Wie in den Vorjahren berichten viele Betroffene über gesundheitliche Folgen des Cybermobbings, sowohl körperlicher als auch psychischer Art. Genannt wurden unter anderem Kopf- und Magenschmerzen, Angst- und Schlafstörungen, Niedergeschlagenheit und Depressionen.
Anstieg der Suizidgedanken
Besonders alarmierend ist in diesem Jahr eine deutliche Assoziation mit selbstschädigendem Verhalten und Suizidalität: 17 Prozent der von Cybermobbing betroffenen Kinder und Jugendlichen gaben an, aus Verzweiflung bereits zu Alkohol, Tabletten oder Drogen gegriffen zu haben. 2024 waren es noch 13 Prozent. Hochgerechnet entspricht dies rund 400.000 junge Menschen.
Noch gravierender ist der Anteil der Betroffenen mit Suizidgedanken: Jeder beziehungsweise jede Vierte berichtete innerhalb der diesjährigen Befragung davon. Das entspricht nahezu 600.000 Kindern und Jugendlichen.
Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing, wertete dies heute als deutliches Signal und als Hilferuf der betroffenen Kinder und Jugendlichen. „Sie benötigen Unterstützung“, sagte er. „Werden sie mit ihren Problemen allein gelassen, entsteht nicht nur ein gesundheitliches Problem, sondern eine Situation, in der den Betroffenen aus ihrer Sicht zunehmend die Perspektive fehlt.“
Nach Einschätzung des Bündnisses ist mehr Prävention notwendig. Die Studienergebnisse zeigten, dass Schulen, die präventiv tätig seien, weniger Cybermobbingfälle verzeichneten, so Leest. Zwar hätten sich einzelne schulische Angebote seit 2024 verbessert, doch insgesamt reiche das Angebot nicht aus, um eine ausreichende Wirkung zu erzielen.
„Aber am besten ist es, Mobbing beziehungsweise Cybermobbing erst gar nicht entstehen zu lassen und da ist Prävention ein sehr wichtiger Baustein“, betonte Leest. Er forderte, Präventionsarbeit bereits an Grundschulen zu intensivieren. Kinder sollten frühzeitig einen „sozialen Umgang im Internet“ lernen. Gleichzeitig müsse die Fortbildung von Lehrkräften verbessert werden. Schulen sollten dabei durch externe Expertinnen und Experten unterstützt werden.
Eltern stehen vor Herausforderungen
Auch Eltern stehen nach Einschätzung des Bündnisses vor erheblichen Herausforderungen. Sie würden zwar ihre Verantwortung sehen, benötigten aber mehr Informationen und Unterstützung beim Umgang ihrer Kinder mit digitalen Medien.
„Sie fühlen sich überfordert und dürfen mit dieser Thematik nicht allein gelassen werden“, so Leest. In der Wahrnehmung der Eltern trage die Anonymität des Internets zur Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen bei, sowohl online als auch offline, sprachlich wie körperlich sowie bei Jungen und Mädchen.
Der aktuellen Studie zufolge besteht unter Eltern und Lehrkräften bei der Frage nach einer Altersgrenze für soziale Medien eine deutliche Zustimmung. „76 Prozent der befragten Eltern und 81 Prozent der Lehrenden befürworten eine solche Grenze“, erklärte Leest. Mehrheitlich werde ein Mindestalter von 16 Jahren genannt. Zudem hätten sich fast drei Viertel der Lehrkräfte für ein Smartphone-Verbot an ihrer Schule ausgesprochen.
Für Leest ist dies jedoch nicht ausschließlich eine Forderung nach Restriktionen, sondern ein Ausdruck der Belastung. Das Bündnis verstehe diese Antworten der Befragten vielmehr als Hilferuf. Ein Verbot sei der letzte Schritt, wenn man nicht mehr „der Sache Herr werde“.
Die gesellschaftliche Debatte müsse jetzt schnell Antworten auf die Problematik finden, wie Kinder und Jugendliche besser geschützt werden könnten, so Leest. Denn neben den aktuellen Problemen durch Cybermobbing zeichne sich mit Künstlicher Intelligenz bereits die nächste Herausforderung ab. Die Welt, in der Kinder aufwüchsen, werde nicht immer einfacher.
Eine Möglichkeit sieht das Bündnis in einer Einführung eines sogenannten „verdeckten Klarnamens“. Dieser solle ermöglichen, Täterinnen und Täter bei Cybermobbing oder anderen Straftaten schneller zu identifizieren und zugleich eine abschreckende Wirkung zu entfalten.
Darüber hinaus fordert es flächendeckende Mobbingberatungsstellen und anonyme Hotlines, an die sich Betroffene und Hilfesuchende wenden können. Auch ein eigenes Cyber-Mobbinggesetz empfiehlt das Bündnis und verweist als Vorbild auf Österreich, wo ein entsprechendes Gesetz bereits seit 2016 besteht.
Das Bündnis gegen Cybermobbing wurde im Juli 2011 gegründet. Es vereint Eltern, Pädagogen, Ärzte, Juristen sowie Forschende. Neben der Aufklärung über Cybermobbing und Gewalt im Netz fördert das Bündnis die Medienkompetenz an Schulen, entwickelt Präventionskonzepte und unterstützt Vereine und Unternehmen bei Prävention und Intervention.
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