Vermischtes

„Das wichtigste Ziel bei einem Marathon sollte sein, gesund durchzukommen“

  • Freitag, 14. August 2026
1Dieses Dialog-Fenster öffnen

Hamburg – Laufen ist so populär wie lange nicht: Laufclubs boomen, Marathonveranstaltungen verzeichnen Rekordanmeldungen. Für viele Menschen steht dabei nicht nur die sportliche Herausforderung im Vordergrund, sondern zunehmend auch der Wunsch, fitter und gesünder zu werden. Doch ein Marathon ist eine erhebliche Belastung für den gesamten Körper – und nicht jeder sollte sich ihr ohne Weiteres aussetzen.

Wie sich Hobbyläuferinnen und -läufer sinnvoll auf einen Marathon vorbereiten können, wann eine ärztliche Untersuchung sinnvoll ist und welche Risiken extreme Ausdauerleistungen bergen können, erläutert Katrin Pelka im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Die Hausärztin spricht sich zudem für eine verpflichtende ärztliche Untersuchung vor Marathonläufen aus.

Katrin Pelka /privat
Katrin Pelka /privat

5 Fragen an Katrin Pelka, Ärztin für Allgemein- und Betriebsmedizin, Sport-, Ernährungs- und Verkehrsmedizin in Hamburg

Beim diesjährigen Berliner Marathon werden etwa 58.000 Menschen an den Start gehen – nur ein Beispiel dafür, wie sehr Laufen im Trend liegt. Wie bewerten Sie den Boom dieser Sportart aus medizinischer Sicht?
Der Trend hat zwei Seiten: Zum einen ist es natürlich positiv, dass sich immer mehr Menschen bewegen. Auf der anderen Seite bergen gerade die langen Läufe, sprich: Halbmarathon oder Marathon, Risiken, da sie eine große Belastung für den gesamten Körper, für einzelne Organe, Knochen und Muskeln darstellen.

Manche trainieren vernünftig für diese Belastung, informieren sich und suchen sich einen Trainingsplan. Andere fangen einfach an und denken: Das geht schon irgendwie. Genau das ist in meinen Augen das Problem. Man muss sich darauf einlassen, dass insbesondere ein Marathon eine Höchstbelastung ist.

Und auch den Wettkampfcharakter darf man nicht unterschätzen. Wenn ein großer Pulk von Menschen gemeinsam losläuft, ist es gerade für Anfängerinnen und Anfänger schwer, sich nicht von der Gruppe mitziehen zu lassen. Zwei oder drei Kilometer in einem zu hohen Tempo können schon reichen, um später Probleme zu bekommen.

Was sollten Hobbyläuferinnen und -läufer bei der Vorbereitung beachten – und wie können Hausärztinnen und Hausärzte sie dabei unterstützen?
Das Wichtigste ist zunächst ein vernünftiger Trainingsplan und eine realistische Selbsteinschätzung: Wie weit bin ich eigentlich schon, und schaffe ich das wirklich? Die gesundheitliche Eignung wird meiner Erfahrung nach häufig unterschätzt. Mindestens ein halbes Jahr vor dem Wettbewerb sollte man einmal in die Hausarztpraxis kommen und sagen: Ich möchte gerne einen Marathon laufen, was muss ich beachten? Dann ist genug Zeit, die Gesundheitsgeschichte anzuschauen und Untersuchungen durchzuführen.

Wichtig sind die Anamnese, insbesondere auch die Familienanamnese, das Herz-Kreislauf-System und der Bewegungsapparat. Wenn es entsprechende Hinweise gibt, kann man zum Beispiel noch eine kardiologische Untersuchung veranlassen. Eine Laktatergometrie finde ich ebenfalls sinnvoll, weil man dabei unter anderem sieht, wie sich Herzrhythmus und Blutdruck unter Belastung verhalten. Gleichzeitig lässt sich im Rahmen der Laktatmessung eine passende Pulsfrequenz für das Training bestimmen.

Auch das Körpergewicht spielt eine Rolle. Wir haben immer wieder Menschen, die sich gerade in einem Abnehmprozess befinden und gleichzeitig einen Marathon laufen wollen. Je höher das Körpergewicht, desto größer ist natürlich die Belastung für die Gelenke. Bei Menschen mit fortgeschrittenen Arthrosen kann man eigentlich schon vorher absehen, dass das im Nachgang zum Problem werden kann. Manchen meiner Patientinnen und Patienten muss ich sagen: „Fangen Sie vielleicht erst einmal mit einem Zehn-Kilometer-Lauf oder Halbmarathon an und schrauben Sie Ihre Ansprüche etwas zurück.“

Gerade bei ambitionierten Läuferinnen muss man außerdem auf eine ausreichende Energiezufuhr achten. Wir haben immer mehr Läufer, die unterernährt sind, bei den Langstreckenläuferinnen noch mehr als bei den Männern. Das kann das Risiko für Ermüdungsbrüche erhöhen und langfristig auch Osteoporose begünstigen. Bei Frauen kann man relativ gut danach fragen, ob sie überhaupt noch ihre Menstruation haben – wenn nicht, kann das ein Zeichen für RED-S („Relative Energy Deficiency in Sport“) sein. Auch Ernährung, Schlaf, Mikronährstoffe und Krafttraining gehören für mich zu einer guten Vorbereitung.

Sollte es für Marathonläufe eine verpflichtende ärztliche Untersuchung geben?
Ja, ich bin auf jeden Fall für eine Attestpflicht. Marathonläufe sind Massenveranstaltungen: Je mehr Menschen dort schwere Notfälle haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand daran verstirbt, weil die Helferinnen und Helfer möglicherweise gar nicht schnell genug durchkommen. Je weniger Notfälle wir haben, desto einfacher ist es.

In Deutschland existiert eine solche Pflicht noch nicht einmal für Menschen, die Sport studieren. Es gibt dort zwar eine Attestpflicht, aber es ist nirgendwo klar aufgeführt, was eigentlich untersucht werden muss. Dabei gibt es bereits Fragebögen (Beispiele hier und hier) und auch eine S2k-Leitlinie für die sportmedizinische Untersuchung. Ich betreue beispielsweise die Youngsters der Basketballmannschaft Hamburg Towers und wir haben tatsächlich eine Checkliste, was alles untersucht werden soll. Mit anderen Worten: Es müsste nichts neu erfunden werden, sondern wir könnten vorhandene Protokolle auf Marathonläufe ausdehnen.

Und noch ein Aspekt in diesem Kontext: Andere Länder wie Italien oder Frankreich haben für einige oder alle Ausdauerwettbewerbe eine Attestpflicht. Es kommen also bereits Patientinnen und Patienten in unsere Praxen, die ein solches Attest benötigen. In diesem Fall finde ich es fahrlässig, wenn man als Ärztin oder Arzt einfach so einen Zettel unterschreibt und sagt: „Wird schon gut gehen, Sie sehen ja gesund aus.“

Gerade bei einer solchen Belastung sollte man genauer hinschauen. Es können zum Beispiel auffällige Blutwerte, sehr niedrige Eisenwerte, Elektrolytverschiebungen oder Nierenerkrankungen vorliegen, die man vorher erkennen könnte. Besonders wichtig ist aber das Herz-Kreislauf-System. Bei jüngeren Menschen können unerkannte Herzfehler oder Kardiomyopathien eine Rolle spielen, bei älteren Läuferinnen und Läufern auch eine bislang unerkannte Atherosklerose. Auch eine entsprechende Familienanamnese sollte hellhörig machen.

Welche gesundheitlichen Probleme beobachten Sie rund um den Marathon besonders häufig?
Im Training sehe ich vor allem muskuloskelettale Überlastungsprobleme: gereizte Sehnen, Knochenschmerzen oder geschwollene Gelenke. Auch Fehlstellungen der Füße können große Probleme verursachen, nicht nur an den Füßen, sondern auch an Knien und Hüften. Nach dem Marathon kommt es relativ häufig zu einem orthostatischen Kollaps. Die Läufer bleiben plötzlich stehen, das Blut versackt in den Beinvenen und sie kippen um. Deshalb sollte man nach dem Zieleinlauf nicht abrupt stehen bleiben, sondern erst einmal weitergehen und den Puls langsam herunterkommen lassen.

Auch Dehydratation und Elektrolytverschiebungen können problematisch sein. Menschen, die sehr schnell laufen, trinken häufig zu wenig, langsamere Läuferinnen und Läufer dagegen manchmal zu viel und entwickeln dadurch eine Hyponatriämie. Durch den Muskelzelluntergang bei der langen Belastung kann außerdem Myoglobin freigesetzt werden und die Nierentubuli schädigen.

Ein großes Thema ist auch der Infekt. Viele haben sich für einen bestimmten Termin angemeldet, Geld bezahlt und sagen: Egal, ich laufe trotzdem. Das ist ein echtes Problem, denn wir sehen immer wieder Myokarditiden nach solchen Läufen. Wenn ich loslaufe und merke: Heute ist irgendetwas anders, der erste Kilometer ist schon viel anstrengender als sonst oder nach drei Kilometern geht gar nichts mehr, dann muss ich das ernst nehmen. Dann muss ich im Zweifel die Veranstaltung absagen.

Eine Myokarditis ist gerade für Sportlerinnen und Sportler besonders schlimm. Wenn ich jemandem sagen muss: Ab jetzt darfst du gar keinen Sport mehr machen, wirklich nichts, dann ist das eine enorme psychische Belastung. Die zu begleiten und das im Zweifelsfall über Monate, ist eine riesige Aufgabe. Deshalb predige ich immer wieder: Auch wenn heute dein 30-Kilometer-Lauf auf dem Trainingsplan steht – wenn du dich nicht gut fühlst, lässt du ihn weg. Das hat man zumindest selbst in der Hand.

Was sollten Ärztinnen und Ärzte ihren Patientinnen und Patienten mit auf den Weg geben, die einen Marathon laufen möchten?
Ich würde zunächst fragen: Warum machst du das eigentlich? Für manche ist es die mentale Herausforderung, andere wollen fitter werden. Und dann sollte man gemeinsam realistische Ziele setzen. Gerade durch Social Media entsteht schnell der Eindruck, jeder könne die Distanz in 3:30 Stunden laufen. Die meisten werden aber keine Bestzeiten erreichen – und das ist auch völlig in Ordnung. Jeder muss für sich anschauen: Was kann ich leisten, was will ich leisten, was geht überhaupt und wie viel Zeit kann ich investieren?

Man sollte auch über Medikamente sprechen. Ibuprofen beispielsweise wird von manchen Läuferinnen und Läufern prophylaktisch genommen, um möglichst schmerzfrei durch den Marathon zu kommen. Das finde ich höchst unvernünftig. Es kann unter anderem Nierenschäden oder Magenblutungen begünstigen und in Kombination mit körperlicher Belastung und bestimmten Stoffen sogar schwere allergische Reaktionen auslösen. Auch die Ernährung und das Trinken während des Laufs sollte man vorher planen und nicht erst beim Wettkampf ausprobieren.

Das wichtigste Ziel sollte bei einem Marathon eigentlich sein, gesund durchzukommen und nicht irgendeiner Zeit hinterherzulaufen. Eine Bestzeit kann man immer noch anstreben, wenn man weiter im Training ist und weiß, dass man dafür geeignet ist. Aber erst einmal sollte man gesund ankommen – und nicht hinterher ins Krankenhaus transportiert werden. Dann interessiert die Zeit auch nicht mehr.

all

Diskutieren Sie mit:

1

Deutsches Ärzteblatt bei Google bevorzugen

Wenn Sie Deutsches Ärzteblatt als bevorzugte Quelle festlegen, können Inhalte von uns in Ihren Google-Ergebnissen sichtbarer erscheinen.

Jetzt bei Google bevorzugen

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Kommentare (1)

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung