Ärzteschaft

Deutscher Ärztetag: Medizinstudentinnen berichten von Übergriffen

  • Freitag, 15. Mai 2026
Medizinstudentinnen prangerten in Hannover Fehlverhalten von Delegierten des Deutschen Ärztetages an. /Jürgen Gebhardt
Medizinstudentinnen prangerten in Hannover Fehlverhalten von Delegierten des Deutschen Ärztetages an. /Jürgen Gebhardt

Hannover – Denkwürdige Debatte auf dem Deutschen Ärztetag: Mehrere Medizinstudentinnen berichteten in einer persönlichen Erklärung von einem übergriffigen Verhalten vor Ort in den vergangenen Tagen in Hannover.

„Kommentare über unser hübsches Auftreten sind unangebracht. Kommentare über unsere Ausschnitte sind unangebracht. Hände auf Rücken und Gesäßen sind unangebracht“, erklärten sie heute vor den Delegierten des Ärzteparlaments.

Zusätzlich habe es Einladungen auf Hotelzimmer gegeben, über Berufspolitik sei eher mit den männlichen Kollegen gesprochen worden, nicht mit den Frauen aus der Delegation der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bmvd).

Für diese Erklärung (siehe Infokasten) hielten sie von der gesamten Versammlung Standing Ovations – für den Mut, so öffentlich über die Erlebnisse zu sprechen. Es gab viele Solidaritätsbekundungen und Delegierte berichteten über eigene persönliche Erlebnisse zu Machtmissbrauch und übergriffigen Verhalten im Berufsalltag.

Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, zeigte sich erschüttert. „Es tut mir außerordentlich leid, dass Ihnen das passiert ist. Es ist zutiefst verstörend, und wir werden uns daran machen, die Vorfälle aufzuklären.“

Grenzüberschreitungen und sexualisierte Gewalt – ob verbal oder körperlich – seien in keiner Form zu tolerieren und widersprächen fundamental den Werten des ärztlichen Berufs. Man werde die Betroffenen dabei unterstützen, dass sie zu ihrem Recht kommen.

Reinhardt versprach, dass die Bundesärztekammer zu Schutzkonzepten, Selbstverpflichtungen und Compliance-Regeln arbeiten werde. Dazu werden man sich im Vorstand eingehend mit den erforderlichen Konsequenzen befassen. Ein solches Verhalten müsse und werde Konsequenzen haben, so Reinhardt. Was hier geschehen sei, dürfe sich nicht wiederholen.

Auf dem Podium wurden die Studentinnen sichtbar durch den Kammerpräsidenten Sven Dreyer (Nordrhein) und die Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), Susanne Johna, unterstützt. Dreyer überließ sichtlich bewegt sein Rederecht den Studentinnen.

Zu dem Zeitpunkt der persönlichen Erklärung wollten die Delegierten zum Thema Machtmissbrauch generell debattieren – die Aussprache nahm dann eine deutliche Wendung.

Viele Delegierte veränderten spontan ihre Redebeiträge. Der 130. Deutsche Ärztetag stimmte am Ende mit großer Mehrheit zu, dass sich das Ärzteparlament in Wiesbaden im kommenden Jahr ausführlich mit Machtmissbrauch und Übergriffen in der Medizin beschäftigen soll. Schon der Marburger Bund hatte auf seiner Tagung im Vorfeld des diesjährigen Ärztetages das Thema auf seine Agenda gehoben.

Verstörte und sprachlose Delegierte

Die Delegierten reagierten schockiert. Die Abgeordneten, die ans Rednerpult traten, rangen mehrheitlich um Fassung. Er sei wütend, so etwas auf dem Deutschen Ärztetag zu hören, stieg Daniel Wellershaus, Abgeordneter der Ärztekammer Nordrhein, in die Debatte ein.

Die Vorkommnisse hätten bei einer solchen Veranstaltung nichts zu suchen, ein Ärztetag müsse frei von sexualisierter und verbaler Gewalt sein. Er forderte ein entsprechendes Awarenesskonzept und betonte, dass Machtmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung ein Kernthema des nächsten Ärztetags werden müssten.

Auch Jana Pannenbäcker, Delegierte der Ärztekammer Westfalen-Lippe und Co-Vorsitzende des Ärztinnenbundes, zeigte sich sprachlos. Sie habe eigentlich einen kurzen Beitrag vorbereitet, sei gerade aber nicht imstande, ihn in dieser Form vorzutragen.

Schon lange gebe es beim Deutschen Ärztetag Anträge zu dem Thema, noch vor ein paar Jahren seien sie mit Nichtbefassung mehrheitlich abgelehnt worden. Dies habe sich zum Glück geändert, trotz allem müsse dem Problem mehr Aufmerksamkeit geschenkt und das Schweigen gebrochen werden. Auch sie plädierte dafür, es zum Kernthema auf dem nächsten Ärztetag zu machen.

Junge Menschen, die sich für die Patientinnen und Patienten einsetzen wollten, würden durch ein solch inakzeptables Verhalten der Kollegen in ihrer Motivation gestoppt und würden infolge mentaler und psychischer Belastungen schon ans Aufhören denken, kritisierte Jana Rönsch von der Ärztekammer Nordrhein. Sie wünsche sich Selbstwirksamkeit und Unterstützung. Es sei spätestens jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem man anfangen müsse, etwas zu unternehmen und Position zu beziehen.

Susanne von der Heydt aus Berlin zeigte sich beeindruckt von dem Mut der Medizinstudentinnen. Sie sei selbst Mutter zweier angehender Medizinerinnen und habe den Machtmissbrauch auch selbst erlebt. Es sei erschreckend, dass den jungen Kolleginnen dies immer noch widerfahre. Die Strafverfahren dauerten insgesamt auch viel zu lang, eine Zeit, in der die Täter weiter praktizieren dürften.

Diese Themen machten nicht vor der Ärzteschaft Halt, betonte Susanne Johna, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer. Machtmissbrauch sei kein Randphänomen, es liege vielmehr „tonnenschwer mitten auf unserem Weg“. Dies zeige auch die Umfrage des Marburger Bundes zum Machtmissbrauch, die bei der Hauptversammlung der Ärztegewerkschaft am vergangenen Wochenende diskutiert worden war. Es werde jetzt Commitment gebraucht und eine noch stärkere Aufmerksamkeit für das Thema. „Wir wollen, dass es endlich aufhört“, betonte Johna.

„Wir haben in den vergangenen Tagen viel über Haltung gesprochen“, sagte Friedrich Welz von der Ärztekammer Berlin. Diese müsse man vor dem Hintergrund der Vorkommnisse überprüfen. Es brauche dringend mehr Anlaufstellen für solche Fälle, auch bei den Ärztekammern.

„Wir sollten nicht den Mund halten“

Sie habe selbst schon einiges in dieser Richtung auf den Ärztetagen erlebt, berichtete die gestandene Berufspolitikerin Anne Kandler sichtlich bewegt. Meist beginne es mit der Kommunikation. Insbesondere als Frau habe man es nicht leicht in der Medizin, werde häufig von männlichen Kollegen diskriminiert und von herabwürdigen Formulierungen getroffen. „Wir sollten nicht den Mund halten. Macht weiter und guckt nicht weg“, appellierte die Delegierte aus Hessen.

Jens Placke, Mitglied im Vorstand der Bundesärztekammer und Präsident der Kammer Mecklenburg-Vorpommern, plädierte ebenfalls dafür, die Thematik zum Kernthema des nächsten Deutschen Ärztetages zu machen. „Die, die das getan haben, gehören nicht in dieses Plenum und sind des ärztlichen Berufes nicht würdig“, betonte er.

Wir sind für die Strukturen verantwortlich, in denen das passiert, kritisierte Anne Machka aus Mecklenburg-Vorpommern. Der Umgang mit Schutzbefohlenen gehöre zum ärztlichen Beruf dazu und man müsse sich überlegen, wie man nun einen geeigneten Umgang damit finde. Auch sie berichtete von Übergrifflichkeiten.

„Ich bedanke mich für euren Mut“, sagte Alexandra Archodoulakis von der Ärztekammer Berlin in Richtung der Medizinstudentinnen. Das Thema sei nicht neu, aber es sei trotzdem erschreckend, wie hoch die Zahlen auch in der kürzlich durchgeführten MB-Umfrage gewesen seien. Es brauche mehr Ansprechstellen für die Themen auch außerhalb der Klinken, appellierte sie.

Sexuelle Übergriffe im medizinischen Umfeld nähmen immer mehr zu, berichtete auch Bernd Haubitz aus Niedersachsen. Immer mehr Kolleginnen fragten ihn in dieser Hinsicht um Rat und erzählten ihm von den Vorkommnissen. Viele von ihnen dächten inzwischen ans Aufgeben. Dies bedeute einen erheblichen Verlust junger Kolleginnen, die dem Beruf schon den Rücken kehrten, bevor sie überhaupt eingekehrt seien, so Haubitz.

„Es ist der richtige Zeitpunkt, sich damit jetzt zu beschäftigen“, unterstrich Nadezda Jesswein aus Niedersachsen. Es müssten jetzt entsprechende Konzepte ausgearbeitet werden, damit Formen von Machtmissbrauch und Gewalt jeglicher Art im medizinischen Kontext nicht mehr Realität seien.

Ärztetag sollte ein sicherer Raum sein

Die oftmals bestehende Asymmetrie in der Anrede unter jüngeren und älteren Ärztinnen und Ärzte sage schon eine Menge aus, betonte Pedram Emami, Präsident der Kammer Hamburg und Mitglied im Vorstand der BÄK. Er müsse sich bei den Medizinstudentinnen im Namen aller Anwesenden entschuldigen, dass sie beim Ärztetag nicht den sicheren Raum erhalten hätten, den sie hätten haben müssen. Man habe viel zu lange über das Problem hinweggesehen, weshalb nun Strategien entwickelt werden müssten, damit die Dinge nie wieder passierten.

Einzige Antwort auf die Problematik könnten jetzt nicht allein Papiere und neue Anlaufstellen sein, kritisierte Jörg Weimann aus Berlin. Man müsse nun Verantwortung übernehmen und dürfe nicht länger schweigen. „Sprachlosigkeit bringt uns keinen Millimeter weiter“, betonte er.

Diejenigen, die Formen von Gewalt im ärztlichen Umfeld mitbekämen, trauten sich oft nicht, es anzusprechen, sagte Andreas Botzlar von der Bayerischen Landesärztekammer. Die meisten würden denken, dass nichts passiere oder es mit Nachteilen verbunden sei. Eigentlich sollte es der Anspruch sein, dass so etwas gar nicht vorkomme, weil es sich schlichtweg nicht gehöre, so Botzlar. Viele Menschen in Machtpositionen wüssten zudem nicht, wie sie diese sorgsam einsetzen könnten – daran müsse gearbeitet werden.

Die Haltung der ärztlichen Profession müsse es sein, dass so etwas nicht passiere, betonte Gerald Quitterer als Mitglied im Vorstand der BÄK. Die Vorkommnisse seien schlichtweg inakzeptabel. Er forderte die Studentinnen auf, dem Vorstand der BÄK die Namen der Täter zu nennen.

„Ich finde es schlimm, dass man hier 2026 noch stehen muss und etwas anprangert, das nicht erst sei gestern Realität ist“, sagte Dersim Dagdeviren aus Westfalen-Lippe. Es reiche nicht, die Thematik erst beim nächsten Deutschen Ärztetag anzusprechen. Sie plädierte dafür, jetzt zu handeln und Awarenesskonzepte auszuarbeiten.

„Ein solches Verhalten im ärztlichen Kontext ist ein klarer Verstoß gegen das ärztliche Gelöbnis, das jeder abgelegt hat“, äußerte sich Ute Taube von der Ärztekammer Sachsen. Es sei gut, dass das Thema nun besprochen werde und es sei wichtig, dass man wieder zu einem respektvollen, menschenwürdigen Verhalten zurückkomme.

Delegierte sehen viel Handlungsbedarf

Den sechs Anträgen zum Thema Machtmissbrauch, die schon vor der Erklärung der Medizinstudentinnen verfasst wurden, wurde im Anschluss an die Debatte mit großen Mehrheiten zugestimmt. Die Delegierten stimmten dafür, sich für einen standardisierten Umgang mit sexualisierter Gewalt durch Ärztinnen und Ärzte einsetzen zu wollen.

Gemeinsam mit den zuständigen Stellen, darunter die Aufsicht- und die Approbationsbehörden der Länder, soll ein bundesweit einheitlicher, transparenter und konsequenter Umgang mit sexualisierten Übergriffen durch Ärztinnen und Ärzte gegenüber Patientinnen und Patienten entwickelt und umgesetzt werden.

Um diese zu schützen, zukünftigen Taten präventiv vorzubeugen und das Vertrauen in den ärztlichen Berufsstand zu stärken, sollen neben bundesweit einheitlichen Verfahrensstandards berufsrechtliche Maßnahmen verschärft und eine strukturierte Dokumentation innerhalb der Kammern aufgebaut werden.

Eine Meldesystematik soll dafür sorgen, wiederholte Übergriffe frühzeitig zu erkennen. Patienten soll zudem eine klare Informations- und Beschwerdestruktur zur Verfügung gestellt werden. Ärzte sollen außerdem dazu verpflichtet werden, Fortbildungen etwa zu Machtverhältnissen im Behandlungssetting, zu professionellen Grenzen und zur Prävention sexualisierter Gewalt besuchen zu müssen.

Berufsrechtliche Maßnahmen sollen zudem nicht mehr durch überlange Strafverfahren verhindert werden. Dass Verfahren nach Zahlung einer Geldauflage eingestellt würden, sei „als strukturelles Versagen zu werten und durch angemessene Ausstattung der Strafverfolgungsbehörden und gesetzliche Regelungen zu verhindern.“

Bei Wiederholungsverdacht soll die Approbationsbehörde gesetzlich dazu verpflichtet werden, eine Berufsausübungsuntersagung zu prüfen und bei hinreichendem Verdacht anzuordnen, unabhängig vom Stand des berufsrechtlichen oder strafrechtlichen Verfahrens.

Daneben sollen insbesondere im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung transparente, standardisierte und überprüfbare Strukturen geschaffen werden, damit Abhängigkeiten reduziert und die Rechte der Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung gestärkt werden. Unabhängige Anlaufstellen außerhalb der Klinik sollen gefördert und Schulungen für Führungskräfte zu den Themen Machtmissbrauch und Diskriminierung etabliert werden.

Weiterhin wurde beschlossen, die Themen Machtmissbrauch und Diskriminierung nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) im ärztlichen Bereich in die Inhalte der Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten aufzunehmen und den Schutz vor sexualisierter Belästigung und Diskriminierung zu einer expliziten Aufgabe des Arbeitsschutzes zu machen.

Konkret sollen demnach der Paragraf 4 Nr. 1 und Paragraf 5 Abs. 3 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) um den Schutz vor sexualisierter Belästigung und Diskriminierung erweitert werden, damit diese Gefährdungen zwingender Teil der Gefährdungsbeurteilung (GBU) werden.

bee/nfs

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