Ärzteschaft

Marburger Bund: Gemeinsam gegen sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorgehen

  • Samstag, 9. Mai 2026
/Mark Bollhorst
/Mark Bollhorst

Hannover – Krankenhäuser sowie Ärztinnen und Ärzte müssen sich entschlossen gegen Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung stellen. Darauf pochte der Marburger Bund (MB) heute bei seiner 147. Hauptversammlung. Weiter fordert die Ärztegewerkschaft den Gesetzgeber sowie die Bundesärztekammer (BÄK) und Landesärztekammern auf, entsprechende wirkungsvolle Maßnahmen einzuführen.

Mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzten haben in den vergangenen zwölf Monaten Machtmissbrauch am Arbeitsplatz erlebt. Das zeigt eine Umfrage des MB, die im Februar/März durchgeführt und Mitte April vorgestellt worden ist. Mehr als 9.000 Mitglieder des MB hatten daran teilgenommen.

Sexuelle Belästigung haben demnach 13 Prozent der Befragten in den vergangenen zwölf Monaten selbst erfahren. Allerdings haben der Umfrage zufolge knapp 60 Prozent dies mehrmals im vergangenen Jahr erlebt, also auch beobachtet.

Die Ergebnisse der Umfrage seien mit nationalen und auch internationalen Umfragen vergleichbar, erklärte Vera Clemens, stellvertretende ärztliche Direktorin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm in einem Vortrag. Clemens war an der Entwicklung der Umfrage mitbeteiligt.

Körperliche Arbeit und stressige Situationen erhöhen Risiko

Dass es in der Medizin so viele Vorfälle geben würde, sei unter anderem mit dem extremen Machtgefälle und steilen Hierarchien zu erklären. Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung seien von ihren Weiterbildungsermächtigten stark abhängig und auch im Verlauf der weiteren Karriere seien persönliche Beurteilungen und Referenzschreiben zentral, so Clemens.

Ein weiterer Grund: Die Arbeit in der Medizin sei sehr körperlich, man habe keinen Tisch zwischen sich wie bei der „Sparkasse“. Insbesondere in der Chirurgie seien deshalb besonders viele sexuelle Belästigungen zu verzeichnen.

Durch Nacht- und Wochenenddienste schlafe man zudem in der Klinik und verbringe dort viel Zeit. Grenzen seien strukturell unklarer als in anderen Berufen. „Man kommt sich nahe und ist im Stress. Das Klima führt deshalb zu einem erhöhten Risiko“, ordnete sie ein. Wer gestresst sei und keine Zeit habe, der echauffiere sich auch weniger über Belästigungen, sagte Clemens.

Risikofaktoren in Folge von sexueller Belästigung seien bekannt. Dazu gehören psychische Belastungen (Burnout bis hin zur Erhöhung des Suizidrisikos), Stress, Schlafstörungen aber auch Kündigungen oder Wechsel des Arbeitsorts.

Schulungen und klare Haltung notwendig

Um dies einzudämmen, brauche es notwendige Maßnahmen, die an Kliniken durchgeführt werden müssten. Wichtig seien eine klare Positionierung der Kliniken und Leitungen, verbindliche Anti-Belästigungsrichtlinien sowie Sanktionsmechanismen mit Konsequenzen wie einer Abmahnung oder Kündigung. In entsprechenden Situationen müsse aktiv eingeschritten werden, betonte Clemens.

Führungskräfte müssten entsprechend geschult werden. Am besten seien Pflichtschulungen für alle Hierarchieebenen, empfiehlt Clemens. „Wenn es freiwillig ist, dann erreichen wir nur die, die sich sowieso für das Thema interessieren.“ Wer hingegen seine Rechte kenne, der traue sich auch eher, Übergriffe zu melden.

Entsprechend sollten Kliniken sichere Meldewege und Schutzkonzepte mit niedrigschwelligen und vertraulichen Beschwerdestellen – intern und extern – aufbauen. Betroffene müssten darüber hinaus vor Repressalien geschützt und das Recht auf Arbeitsniederlegung ohne Lohnverlust erhalten, betonte Clemens.

Diese Maßnahmen sollen Betroffene besser schützen

Einige dieser Maßnahmen sollten zügig umgesetzt werden, forderten die Delegierten des MB. So müssten Krankenhäuser etwa gemeinsam mit den Mitarbeitenden Leitbilder mit einem klaren Bekenntnis zum Schutz der Kolleginnen und Kollegen festlegen und eine Kultur etablieren, in der Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz sanktioniert werden, forderten die Delegierten des MB heute per Beschluss.

Weiter brauche es flachere Hierarchien im Arbeitsalltag, um Abhängigkeitsverhältnisse aufzubrechen, Barrieren - insbesondere im Rahmen der ärztlichen Weiterbildung - zu reduzieren sowie eine faire und teamorientierte Arbeitsumgebung zu fördern, heißt es in einem weiteren Beschluss.

Damit verbunden fordert der MB die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) sowie die BÄK und Landesärztekammern auf, die Thematik aufzuarbeiten und Lösungsansätze zu erarbeiten und umzusetzen.

Landesärztekammern sind gefordert

Dem Beschluss zufolge sollten Ombuds- und Anti-Diskriminierungsstellen an allen Landesärztekammern mit speziellem Beratungsauftrag im innerärztlichen Bereich eingerichtet werden. Diese sollten sich nicht nur als „Lotse im System“ verstehen, sondern auch mit eigenen Handlungs- und Entscheidungskompetenzen ausgestattet sein. Weiter sollten die BÄK sowie die Landesärztekammern die Themen Machtmissbrauch und Diskriminierung in die Inhalte der Fortbildung von Ärztinnen und Ärzten aufnehmen.

Beschwerdestrukturen brauche es auch im Rahmen des Medizinstudiums insbesondere für Studierende im Praktischen Jahr (PJ). Medizinischen Fakultäten sowie die zuständigen Landesministerien sollten entsprechende Stellen aufbauen.

In den Landeskrankenhausgesetzen müssten zudem Grundsätze aufgenommen werden, die betonen, dass Kliniken „ein gewaltfreier Raum“ seien. Der MB fordert den Gesetzgeber weiter auf, den Schutz vor sexualisierter Belästigung und Diskriminierung zu einer expliziten Aufgabe des Arbeitsschutzes zu machen. Konkret sollte der Paragraf 5 Absatz 3 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) um den Schutz vor sexualisierter Belästigung und Diskriminierung erweitert werden, damit diese Gefährdungen zwingender Teil der Gefährdungsbeurteilung (GBU) werden.

Auch der Bundesvorstand des Marburger Bundes wird per Beschluss von den Delegierten aufgefordert, bis zur nächsten Hauptversammlung (Anfang November 2026) eine Bestandsaufnahme zu Machtmissbrauch, sexualisierter Gewalt und Grenzüberschreitung innerhalb der eigenen Strukturen vorzunehmen. Zudem müsse ein entsprechendes Präventionskonzept inklusive Ansprech- und Meldestrukturen erarbeitet werden.

Kündigung wegen Schwangerschaft und Stillzeit

Im Vorfeld der lebhaften Diskussion der Delegierten berichtete zudem Natalie Urwyler, Fachärztin für Anästhesiologie, vom Hospital du Valais am Schweizer Spital Sitten, über ihre erlebte massive Diskriminierung am Arbeitsplatz. So hatte sie sich schon vor ihrer eigenen Schwangerschaft für Kolleginnen eingesetzt, die schwanger wurden und nach der Geburt stillend wieder tätig sein wollten. Als sie selbst ein Kind bekam, sei ihr verboten worden in der Forschung weiter tätig zu sein.

Als sie sich dagegen wehren wollte, ihre Arbeitszeit reduzieren und unbezahlten Urlaub während der Stillphase einforderte, wurde ihr gekündigt. Dies nahm sie zunächst hin, als sie allerdings keinen neuen Job an einem anderen Spital fand, erfuhr sie, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber die potenziellen neuen Arbeitgeber anrief und ihnen empfahl, sie nicht einzustellen. Urwyler habe einen „schlechten Charakter“, wurde über sie gesagt. Daraufhin klagte sie gegen die Kündigung.  

Vier Jahre später erhielt sie zwar von zwei Schweizer Gerichten recht, allerdings hatte sie viel Geld für die Klagen investiert und ihr ehemaliger Arbeitgeber habe das Urteil nicht umgesetzt, sondern sie freigestellt.

Dies habe einen „Millionenschaden“ zur Konsequenz, so Urwyler. Einerseits könne sie nun nicht so viel Geld verdienen, wie sie es in ihrer ehemaligen Tätigkeit hätte können. Andererseits gebe es auch einen gesellschaftlichen Schaden, da ihre Ausbildung sehr viel Geld gekostet habe und sie als sehr gut ausgebildete Fachkraft nicht den Job ausübe, den sie eigentlich machen könnte.

Schwierig an der Sache sei zudem, dass ihr ehemaliger Chef nicht persönlich belangt wurde. „Er hat keinen einzigen Schweizer Franken bezahlt.“ Dies übernehme sein Arbeitgeber. Es handele sich deshalb immer um eine „David gegen Goliath-Situation“. Urwyler empfiehlt deshalb allen, an eigenen Stereotypen zu arbeiten und die Leistungen von Frauen sichtbar zu machen sowie Führungsaufgaben geschlechtsneutral zu verteilen.

Von übergriffigen Situationen berichteten heute auch einige Delegierte. Im Krankenhaus gelte immer noch: „Wer mehr Buchstaben vor dem Namen hat, hat recht“, sagte Birgit Simon aus Nordrhein-Westfalen. Dem Chefarzt werde meist geglaubt, was der Arzt in Weiterbildung sage, hingegen oft nicht, so Simon.

Sich selbst, seine Gedanken und Entscheidungen zu reflektieren sei deshalb zuerst nötig, betonte auch die Delegierte Özlem Dersim Dagdeviren aus Nordrhein-Westfalen. Viele Delegierte seien in Führungspositionen, in Betriebs- oder Personalräten und könnten damit das Thema in die Breite tragen.

Andreas Botzlar, zweiter Vorsitzender des MB, nannte sexuelle Belästigung die „besonders hässliche Fratze des Machtmissbrauchs“. Entsprechend würden Anlaufstellen benötigt, um Übergriffe zu melden. Wichtig sei zudem, dass man hinschaue. „Das Schlimmste für die Betroffenen ist, wenn umstehende Menschen so tun, als hätten sie nichts bemerkt.“

Man müsse die Ergebnisse der Umfrage ernst nehmen und sie als Ausdruck struktureller Probleme verstehen, sagte Susanne Johna, erste Vorsitzende des MB. Deshalb werden verbindliche Maßnahmen, vertrauenswürdige Anlaufstellen benötigt und Abhängigkeiten müssten reduziert werden. Der Marburger Bund werde das Thema deshalb weiter vorantreiben, versprach sie.

cmk

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