Diabetes: Erhöhtes Risiko für Depressionen und Suizide

Berlin – Von 6,5 Millionen Diabetikern leiden schätzungsweise 800.000 Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. „Ärzte erkennen die Depression jedoch nur in 30 bis 40 Prozent der Diabetesfälle“, warnte Bernd Kulzer, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Diabetes und Psychologie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) gestern in Berlin. Dabei gebe es schon seit längerer Zeit ein geeignetes Screening-Instrument: den WHO-5-Wohlfühltest. „Die empfohlene jährliche Umsetzung klappt aber nicht besonders gut“, räumt der psychologische Psychotherapeut vom Diabeteszentrum Mergentheim ein.
Das Auswmaß des Problems der Menschen mit Diabetes, die auch an einer Depression leiden, wird deutlich, wenn man sich das verdoppelte Sterblichkeitsrisiko vor Augen führt. Schuld daran sind in erster Linie Folgeerkrankungen wie Schlaganfall und Herzinfarkt. Die Betroffenen haben schlechtere Blutzuckerwerte und entwickeln daher auch häufiger gefäßbedingte Folgeerkrankungen etwa an Nieren, Augen und Füßen.
Ein weiterer Faktor ist die erhöhte Suizidrate bei depressiven Menschen mit Diabetes im Vergleich zu denjenigen ohne Diabetes. Wie eine aktuelle Studie zeigt, steigt die Suizidgefahr bei Diabetes um 50 Prozent im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung, besonders bei jüngeren Männern mit Typ-1-Diabetes. Die höchste Korrelation bestünde bei einer erektilen Dysfunktion, ergänzte Kulzer. „Hochgerechnet auf Deutschland bringen sich täglich mehr als zwei Personen mit Depression und Diabetes um, jährlich über 800 Menschen – eine viel zu hohe Zahl“, erklärt Kulzer.
Auslöser einer begleitenden Depression sind häufig diabetesbezogene Belastungen. „Patienten mit Diabetes müssen jeden Tag Verantwortung für ihre Therapie übernehmen, ihre Blutzuckerwerte genau im Blick haben, Medikamente dosieren und einnehmen, Rückschläge verarbeiten“, erläutert Kulzer. Dies könne besonders dann sehr stressig und depressionsfördernd sein, wenn neben dem Diabetes noch andere Belastungen im Leben vorhanden sind. Negative Erlebnisse wie Unterzuckerungen, wenig Unterstützung, Folgeerkrankungen oder fehlgeschlagene Diäten tragen ihren Teil dazu bei.
„Depressive Stimmungseinbrüche können eine Diabetesbehandlung erheblich gefährden“, warnte Andrea Benecke aus dem Vorstand der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Die Patienten sind nicht mehr ausreichend in der Lage, die notwendigen Blutzuckermessungen durchzuführen und sich Insulin zu spritzen.“ In der Konsequenz verschlechtert sich der Langzeitblutzuckerwert HbA1c. Ohne eine psychotherapeutische Behandlung sei dann eine erfolgreiche Diabetestherapie kaum mehr möglich, betonte Benecke.
Alarmsignale für den Diabetologen
„Wenn die Therapie zur Last wird und mehr Energie als bisher kostet, ist das ein Alarmsignal“, erklärt der Psychologe Kulzer. Dann kann unter Umständen professionelle Hilfe notwendig sein. Der Diabetologe sollte auch gewarnt sein, wenn sein Patient über schlechten Schlaf berichtet, sich energielos fühlt oder über Rückenschmerzen klagt.
Weiterbildungsangebote für Psychologen
„Diabetespatienten, die unter depressiven Stimmungen leiden, erhalten seit dem 1. April dieses Jahres schnell einen Termin in der neu eingeführten psychotherapeutischen Sprechstunde“, betont BPtK-Vorstand Benecke. „Jeder niedergelassene Psychotherapeut kann depressiv erkrankte Menschen mit Diabetes behandeln.“ Um die psychosoziale Betreuung von Patienten mit Diabetes und einer begleitenden Depression zu stärken, hat die DDG bereits vor Jahren eine Weiterbildung zum „Fachpsychologen DDG“ ins Leben gerufen. Diese erreicht jedoch vor allem stationär tätige Psychotheraüeuten.
Eine neue Weiterbildung zur „Speziellen Psychotherapie bei Diabetes“ soll die ambulante Versorgung in Zukunft noch verbessern. Diese ist bisher aber nur in Rheinland-Pfalz unter dem Titel Psychodiabetologen zugänglich. Laut Kulzer gibt es bereits Initiativen der Landespsychotherapeutenkammern in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen die neue Weiterbildung einzuführen.
Ressourcen stärken, negative Muster bearbeiten
Im Zuge einer Psychotherapie stärken die Experten unter anderem die Ressourcen der Diabetespatienten, ermöglichen Erfolgserlebnisse oder finden tiefer liegende negative Muster, die der Diabetesbehandlung im Wege stehen und bearbeitet werden müssen. „Ziel einer Therapie ist eine gefestigte psychische Verfassung, die eine Rückkehr zu einem verlässlichen Selbstmanagement des Diabetes ermöglicht, was sich wiederum in einem stabilen HbA1c-Wert ausdrückt“, erläutert Benecke.
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