„Die Behandelnden werden bedroht“
Berlin – Die Welt schaut auf den Iran. Gegen die Proteste der vergangenen Tage ist das Regime nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen mit erheblicher Härte vorgegangen. Es soll Tausende Tote und schwer Verletzte geben, wie Berichte aus dem Iran zeigen. Ärzte, wie etwa von der Friedensorganisation IPPNW fordern ein Ende der Gewalt. Von Deutschland aus versucht ein Netzwerk iranischstämmiger Ärzte zu helfen – etwa über Videosprechstunde aus Essen. Der Präsident der Ärztekammer Hamburg, Pedram Emami, hat sehr gute Kontakte in den Iran. Er schildert die dortige Situation.

5 Fragen an Pedram Emami, Präsident der Ärztekammer Hamburg
Was hören Sie über Ihre Kontakte im Iran?
In den ersten Tagen gab es schon viele Verletzte, weil Demonstrierende geschlagen, buchstäblich niedergeprügelt und auch mit kleinkalibrigen Geschossen angegangen worden sind. Wie beim letzten Aufstand war es häufig auch so, dass Demonstrierende schwerste Augenverletzungen erlitten haben. Seit einer Woche wird scharfe, militärische Munition eingesetzt. Entsprechend gibt seitdem es neben den vielen Toten auch Schwerverletzte, deren Überleben nicht sicher ist. Die Behandelnden – Kolleginnen und Kollegen wie Pflegekräfte – werden bedroht; Verletzte zum Teil aus dem Krankenhaus entführt und ins Gefängnis gebracht. Es hört sich alles noch grausamer als alles an, was wir bisher ohnehin schon kannten.
Wie war bislang die Rolle der Ärzteschaft im Iran?
Zwiegespalten: Während die Mehrheit gesellschaftlich wie politisch engagiert ist und hinter der restlichen Bevölkerung steht – auch in politischen Fragen –, gibt es auch Kritik an die mittlerweile immer weiter verbreiteten Privatkliniken und Sprechstunden, in denen horrende Honorare verlangt werden.
Welche Rolle spielt die Ärzteschaft aktuell, wenn man das sagen kann?
Die meisten halten am ärztlichen Ethos fest und tun alles, was sie können, versorgen die Verletzten und riskieren damit einiges. Und das erfordert wirklich Mut in diesen Zeiten, daher mein größter Respekt. Aber gerade die jungen fürchten die Zukunft, und immer mehr wandern aus. Das zeigen im Übrigen auch unsere Zahlen in Hamburg bei den Fachsprachen- und Anerkennungsverfahren.
Kann man die Gesundheitskräfte im Iran aus Deutschland heraus unterstützen? Wenn ja, wie?
Wir bemühen uns, Transparenz herzustellen. Durch berufliche/fachliche Kontakte auf individueller Ebene versuchen wir ein möglichst realistisches Bild der Situation an die Öffentlichkeit zu bringen. Plausible und vertrauenswürdige Kolleginnen und Kollegen können uns berichten, wie das annähernd tatsächliche Ausmaß der Zahlen von Verletzten und Toten in Iran ist. Verbrecher können am besten im Geheimen agieren. Unser bescheidener Beitrag ist es, mitzuhelfen, diese Politik der Geheimhaltung mit glaubwürdiger Sachkenntnis zu durchbrechen.
Würden Sie einen Blick in die Zukunft für den Iran und deren Ärzteschaft wagen?
Ich kann nur meine Hoffnungen aussprechen: Für Freiheit, Unabhängigkeit, Wohlstand und eine funktionierende Demokratie mit einer umfassenden Gesundheitsversorgung für alle. Nach all diesen Jahren des Elends haben das die Menschen verdient.
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