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Digitale Gewalt erkennen und ernst nehmen: Neue Empfehlungen für die Praxis

  • Donnerstag, 3. September 2026
/picture alliance, CHROMORANGE, Christian Ohde
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Berlin – Digitale Gewalt ist ein zunehmendes Problem – insbesondere für jüngere Frauen sowie trans-, inter- und nonbinäre Personen. Kliniken und Praxen sind für Betroffene häufig die ersten und oft einzigen Anlaufstellen.

Damit Mitarbeitende in der Gesundheitsversorgung über digitale Gewalt informiert sind und wissen, wie sie Warnzeichen erkennen und handeln können, hat der Runde Tisch Berlin (RTB) gemeinsam mit der Organisation HateAid eine neue praxisorientierte Empfehlung entwickelt. Sie ergänzt die Handlungsempfehlungen zur Ersthilfe und gesundheitlichen Versorgung Betroffener häuslicher und sexualisierter Gewalt.

Im Zusammenhang mit Gewalt in (Ex-) Paarbeziehungen beziehungsweise häuslicher Gewalt würden Macht und Kontrolle zunehmend mit digitalen Mitteln ausgeübt, heißt es vom RTB. Demnach verzeichnet auch die Polizei seit 2002 einen Anstieg erfasster Fälle digitaler Gewalt mit weiblichen Betroffenen um mehr als 30 Prozent.

Betroffene werden etwa mit GPS-Trackern, Spyware, Air-Tags und Ortungsapps geortet und überwacht, mit der Veröffentlichung intimer Fotos bedroht oder nach Trennungen mit unerwünschter Kontaktaufnahme belästigt. Auch der Missbrauch oder Diebstahl von Personen- und Kontodaten komme häufig vor, berichteten Fachleute anlässlich des Aktionstags des RTB zum Thema in Berlin.

Folgen könnten kurz-, mittel-, und langfristige gesundheitliche Probleme sein. Besonders häufig seien psychische, psychosomatische und soziale Folgen, darunter Ängste, Schlafstörungen, körperliche Symptome wie Kopfschmerzen oder Magen-Darm-Probleme, dauerhafter Stress, Konzentrationsstörungen, Verunsicherung, Depressionen und Suizidgedanken, Konflikte im sozialen und beruflichen Umfeld und sozialer Rückzug.

Schwierig sei es jedoch, Anzeichen digitaler Gewalt bei Betroffenen zu erkennen, sagte Annegret Dreher, Oberärztin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Jüdischen Krankenhauses Berlin. „Digitale Gewalt ist zunächst einmal nicht sichtbar, es gibt keine äußeren Verletzungszeichen.“

Dies gelte insbesondere dann, wenn Betroffene sich in der Notaufnahme mit Unwohlsein, depressiven Symptomen oder Angstsymptomen vorstellten. Aus Scham würden viele Patienten das Thema nicht von sich aus ansprechen, so Dreher. Umso wichtiger sei es für das Gesundheitspersonal, bei entsprechenden Symptomen auch an digitale Gewalt zu denken.

Das Thema sei sensibel und müsse mit viel Feinfühligkeit angegangen werden, betonte Peter Neu, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Jüdischen Krankenhauses Berlin. Nicht selten sei nach einem ersten Kontakt mit dem Gesundheitspersonal ein Rückzug bei Betroffenen. Deshalb sei es wichtig, dass Fachkräfte Bescheid wüssten, wie sie in solchen Situationen handeln könnten, so Neu.

„Die hohe Zahl der Betroffenen zeigt, wie wichtig die Einbindung des Gesundheitswesens ist“, sagte Ellen Haußdörfer (SPD), Staatssekretärin für Gesundheit und Pflege in Berlin. Auch wenn Betroffene Gesundheitseinrichtungen vielleicht nicht primär wegen dieses Problems aufsuchten, seien sie aufgrund des Vertrauensverhältnisses eine wichtige Anlaufstelle.

„Deshalb ist es wichtig, dass Beschäftigte über digitale Gewaltformen informiert sind, Handlungsmöglichkeiten kennen und Brücken bauen ins spezialisierte Hilfesystem. Die neue Handreichung hilft Gesundheitsfachpersonal, das Thema digitale Gewalt mit in die Versorgung zu integrieren“, so Haußdörfer.

„Für Mitarbeitende in der Gesundheitsversorgung sind kurze, praxisbezogene Informationen wichtig, die in Routineabläufe integrierbar sind“, sagte Marion Winterholler von der Geschäftsstelle des Runden Tisches und Mitautorin der Handlungsempfehlungen.

Es gehe nicht darum, Expertinnen und Experten für digitale Gewalt zu werden. Vielmehr solle das Personal digitale Gewalt in Beziehungen für möglich halten und dies aktiv ansprechen können. Da viele Betroffene diese Erfahrung machten, sei es wichtig, ihre Hilferufe ernst zu nehmen und über Beratungsangebote informieren zu können, so Winterholler.

Die neue Handlungsempfehlung enthält Basisinformationen zur digitalen Gewalt und zu ihrer Bedeutung für die gesundheitliche Versorgung Betroffener. Sie vermittelt konkrete Hilfestellungen im Umgang mit dem Thema und umfasst auch eine Liste mit spezialisierten Anlaufstellen für Betroffene und Fachpersonen.

nfs

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