Erhöhtes Sterberisiko schon bei Hämoglobin-Werten knapp über Grenzwert

Glasgow – Zu niedrige, aber auch zu hohe Hämoglobin (Hb)-Konzentrationen gehen mit einem erhöhten Sterberisiko einher. Dies zeigt eine Analyse der UK Biobank in den Annals of Internal Medicine (2026; DOI 10.7326/ANNALS-26-00057). Der Hb-Wert mit dem niedrigsten Sterberisiko lag dabei bei Männern und Frauen um 1-3 g/dL über der Anämie-Schwelle der Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Nach einer WHO-Definition liegt eine Anämie vor, wenn bei Männern der Hb-Wert unter 13 g/dL und bei Frauen unter 12 g/dL liegt. Diese Grenzwerte wurden bereits 1958 festgelegt und sind deshalb möglicherweise nicht mehr zeitgemäß.
Ein mögliches Kriterium für die Grenzziehung ist ein Anstieg des Sterberisikos. Die UK Biobank, in die zwischen März 2006 und Oktober 2010 Daten von etwa einer halben Million Britinnen und Briten im Alter von 37-73 Jahren einflossen, hat es Pierpaolo Pellicori von der Universität Glasgow ermöglicht, den Einfluss des Hb-Werts auf das Sterberisiko in einer aktuelleren Kohorte zu untersuchen.
Im Verlauf von 13,6 Jahren sind 43.764 Teilnehmende gestorben. Der Hb-Wert mit dem niedrigsten Sterberisiko lag bei Frauen und Männern 1-3 g/dL oberhalb der von der WHO vorgegebenen Schwelle zur Anämie. Dies bedeutet, dass das Sterberisiko bereits bei Werten ansteigt, die heute noch nicht als anämisch eingestuft werden. Manchmal werden sie als Borderline-Anämie bezeichnet.
Bei idealem Hb-Wert lag die 10-Jahres-Sterberate bei 4,5 %. Bei Personen, die 0-1 g/dL über dem Anämiegrenzwert der WHO lagen, betrug die 10-Jahres-Sterberate 5,3 %. Das ist ein Anstieg um 0,8 %-Punkte. Pellicori ermittelt eine Hazard Ratio von 1,18, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,15 bis 1,21 statistisch signifikant war.
Dieser Anstieg ist allerdings gering im Vergleich zu einem Hb-Wert, der mehr als 2 g/dL unterhalb der WHO-Schwelle liegt und eine deutliche Anämie anzeigt. Pellicori ermittelt für Personen mit diesem Hb-Wert eine 10-Jahres-Sterberate von 12,5 %. Sie liegt damit rund 8%-Punkte über dem Nadir-Wert.
Auch ein zu hoher Hb-Wert kann das Sterberisiko erhöhen. Für einen Hb-Wert von mehr 4 g/dL über dem WHO-Grenzwert ermittelte Pellicori eine 10-Jahres-Sterberate von 5,7 %.
Pellicori betont die Einschränkungen der UK Biobank-Daten. Die prospektive Studie kann nicht beweisen, dass das erhöhte Sterberisiko im Bereich der Borderline-Anämie tatsächlich auf einen Hb-Mangel zurückzuführen ist.
Es bleibt möglich, dass es nur ein Marker für andere Gesundheitsstörungen ist, die anstelle des Hb-Werts das Sterberisiko erhöhen. Offen sei auch die Frage, ob eine Behandlung in diesem Bereich das Befinden der Patientinnen und Patienten bessern und deren Sterberisiko senken könne. Dies müsse in weiteren Studien geklärt werden.
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