Extremhitze: Ärzteschaft und Gesundheitsverbände rufen Bevölkerung zu gegenseitigem Schutz auf

Berlin – Zwei Wochen nach dem bundesweiten Hitzeaktionstag bestätigt sich die Warnung von Gesundheitsverbänden: Über Europa hat sich ein ausgedehnter Hitzedom aufgebaut. Auch in Deutschland steigen die Temperaturen verbreitet auf 30 bis 38 Grad, im Südwesten sind örtlich bis zu 40 Grad möglich.
„Jetzt kommt es auf uns alle an: Achten Sie auf sich und auf Ihre Mitmenschen, und scheuen Sie sich nicht, gefährdete und ältere Menschen aktiv anzusprechen. Hitzeschutz ist in diesen Tagen unmittelbarer Patientenschutz“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK).
Besonders gefährdet seien ältere Menschen, chronisch Kranke, pflegebedürftige und allein lebende Personen, Schwangere und kleine Kinder sowie Menschen, die im Freien arbeiten.
Die BÄK und die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (Klug) appellieren daher an die Bevölkerung: „Schützen Sie sich und andere vor Hitze und UV-Strahlung. Kühlen Sie sich bei Bedarf aktiv und unterstützen Sie gefährdete Personen dabei.“ Wichtig sei auch, gezielt nach Alleinstehenden zu schauen.
In der Hitzewelle 2003 in Frankreich starben rund 15.000 überwiegend allein lebende ältere Menschen, um die sich niemand kümmerte. „Ein täglicher Anruf oder kurzer Besuch bei allein lebenden Nachbarinnen, Verwandten und Bekannten kann Leben retten“, hieß es von den Verbänden.
Besondere Vorsicht gelte für ältere Menschen, chronisch Kranke und pflegebedürftige Personen. Die größte unmittelbare Gefahr sei laut BÄK und Klug die Exsikkose. Hinweise seien unter anderem Schwindel, Verwirrtheit und Schwäche. Wer kann, sollte auf Blutdruck, Körpertemperatur und Körpergewicht achten.
Wichtig sei außerdem, die Medikation zu überprüfen. „Setzen Sie nichts eigenmächtig ab, sondern lassen Sie Dosierung und Einnahme in Ihrer Praxis prüfen. Lagern Sie temperaturempfindliche Medikamente kühl“, so die Empfehlung von BÄK und Klug.
Die Verbände betonen, dass individuelle Vorsorge wichtig sei, aber nicht ausreiche. „Während für Hochwasser und Sturm längst Krisenstäbe bereitstehen, fehlen für Hitze bis heute verbindliche, finanzierte Strukturen. Spätestens nach dieser Extremhitzewelle müssen wir uns zusammensetzen und klar benennen, welche Maßnahmen auch kurzfristig nötig sind, um deutlich besser gerüstet zu sein“, sagte der Klug-Vorsitzende Martin Herrmann.
Entscheidend sei, gesundheitsbezogenen Hitzeschutz verlässlich zu finanzieren und die Primärversorgung zu stärken. „Ein flächendeckendes ärztliches und pflegerisches Primärversorgungssystem erreicht die am stärksten Gefährdeten und ist die Grundlage eines krisenresilienten Gesundheitssystems“, erklärten BÄK und Klug.
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte (BVKJ) warnte besonders vor den gesundheitlichen Folgen extrem hoher Temperaturen für Kinder. Sie gehörten zu den Bevölkerungsgruppen, die durch Hitze besonders gefährdet seien und benötigen besonderen Schutz, hieß es.
„Hitzeschutz ist Kinderschutz. Wir brauchen dringend Hitzeschutzpläne, die auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen eingestellt sind – in Familien ebenso wie in Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen“, sagte Tanja Brunnert, Bundespressesprecherin des BVKJ.
Angesichts der derzeit extrem hohen Temperaturen in weiten Teilen Europas hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu mehr Investitionen in den Hitzeschutz aufgerufen. „Die Hitzewelle in Europa führt zu Schulschließungen und gefährdet die Gesundheit der Menschen“, erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus im Onlinedienst X zu der aktuellen extremen Wetterlage.
„Die Daten sind klar: Die Temperaturen in Europa steigen doppelt so schnell wie im globalen Vergleich, und das erhöht die Wahrscheinlichkeit und die Schwere extremer Wetterphänomene“, fügte der WHO-Chef mit Blick auf die Klimaentwicklung auf unserem Kontinent im Zuge der Erderwärmung hinzu. Die Politik müsse daraus Konsequenzen ziehen.
„Wir können uns keine weiteren Verzögerungen leisten“, mahnte Tedros. Die Regierungen müssten „Investitionen in Klima-resiliente Gesundheitssysteme Priorität einräumen und zugleich den Klimaschutz beschleunigen und die Treiber der Klimakrise zurückfahren“.
Wissenschaftlern zufolge werden Extremwetter-Ereignisse wie Hitzewellen durch den Klimawandel häufiger und heftiger. Laut einer wissenschaftlichen Studie wurde die gegenwärtige Hitzewelle durch den menschengemachten Klimawandel „deutlich verschärft“. Ohne die Treibhausgasemissionen der Menschen wäre es demnach derzeit zwei bis vier Grad kühler.
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