Bündnis sieht Hitzeschutz als Teil des Katastrophenschutzes

Berlin – Deutschland ist nach Einschätzung eines breiten Bündnisses aus Gesundheitswesen, Pflege, Wohlfahrt und Zivilgesellschaft nicht ausreichend auf Extremhitze als Krisenlage vorbereitet.
Anlässlich des morgigen 4. Hitzeaktionstags warnen auf Initiative der Bundesärztekammer (BÄK), der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), des Deutschen Pflegerats (DPR), des GKV-Spitzenverbands, der Klima-Allianz Deutschland sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege mehr als 150 Institutionen und Verbände vor den gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen immer häufiger auftretender extremer Hitzeperioden. Gemeinsam fordern sie, Hitzeschutz verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz zu verankern.
Der Präsident der BÄK, Klaus Reinhardt, betonte heute vor der Presse, dass längere und intensivere Hitzeperioden insbesondere ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen belasteten. Zugleich stellten sie das Gesundheitswesen vor große Herausforderungen. „Hitzeschutz muss deshalb verbindlich in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz integriert werden“, sagte er. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen müssten auch unter Extrembedingungen leistungsfähig bleiben.
Zwar gebe es erste Schutzmaßnahmen, diese seien jedoch weder flächendeckend noch verbindlich genug, sagte der Klug-Vorsitzende Martin Herrmann. Das koste Menschenleben und berge erhebliche wirtschaftliche Risiken. „Hitze ist eine Katastrophe in Zeitlupe“, sagte er. „Es ist ein stilles Sterben.“ Oftmals werde der Anstieg der Todeszahlen erst hinterher bemerkt. Und während für Hochwasser oder Stürme längst Krisenstäbe existierten, fehlten für Hitzeereignisse bis heute verbindliche Strukturen, kritisierte er.
Auch der Meteorologe und ARD-Wettermoderator Karsten Schwanke verwies heute auf die Notwendigkeit von Maßnahmen. Bereits 2024 sei weltweit erstmals die Marke von 1,5 Grad Erwärmung überschritten worden. In wenigen Jahren werde voraussichtlich auch die Zwei-Grad-Marke erreicht. Für Deutschland bedeute dies eine deutliche Zunahme von Hitzetagen über 30 Grad und extremen Hitzetagen über 35 Grad. Hitzewellen würden häufiger und länger andauern. Temperaturen von mehr als 40 Grad seien künftig immer häufiger zu erwarten, selbst 45 Grad seien nicht mehr auszuschließen.
Stabile Hochdrucklagen mit sehr hohen Temperaturen und fehlender nächtlicher Abkühlung seien bereits jetzt gerade für vulnerable Personengruppen gefährlich, so Herrmann. Sie erhöhten das Risiko hitzebedingter Todesfälle und belasten zugleich Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, soziale Dienste sowie kritische Infrastrukturen.
Besonders gefährdete Menschen müssten gezielt geschützt werden – beispielsweise durch aufsuchende Hilfen, barrierefreie und kühle Notunterkünfte, ambulante Pflegedienste, pflegende Angehörige und Sozialdienste. Auch die ambulante, insbesondere hausärztliche Versorgung sei gefragt, ergänzte Reinhardt. Dort, wo entsprechende Strukturen fehlten, könnten Nachbarschaftszentren aufgebaut werden.
Folgen sind beträchtlich
Doch nicht nur die menschlichen, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen seien beträchtlich, warnt das Bündnis. Für Deutschland würden in aktuellen Szenarien hitzebedingte Schäden von rund 112,5 Milliarden Euro innerhalb weniger Jahre erwartet. Das entspreche nahezu dem Dreifachen der Schäden der Ahrtal-Flutkatastrophe von 2021.
Angesichts dieser Gesamtproblematik fordert das Bündnis jetzt in einem Positionspapier die verbindliche Integration von Extremhitze in Krisenvorsorge und Katastrophenschutz. Krisenresilienz bei Extremhitze sei keine Zukunftsaufgabe, sondern eine unmittelbare öffentliche Verantwortung der Gegenwart.
Seine Forderungen konkretisiert es in dem Papier. Danach sollten Hitzeaktionspläne verbindlich an Warnstufen gekoppelte Maßnahmen vorsehen, etwa die Aktivierung von Krisenstäben und gezielte Kommunikationsstrategien. Zudem müssten Bund, Länder und Kommunen klare Verantwortlichkeiten definieren und regelmäßige Übungen durchführen.
Pflege- und Sozialberufe sollten stärker in Krisenstäbe eingebunden werden, fordert das Bündnis weiterhin. Auch das Gesundheits-, Pflege- und Sozialwesen müsse hitzeresilient aufgestellt werden. Gefordert werden einrichtungsspezifische Hitzepläne, Schulungen, vorbereitete Abläufe für Belastungsspitzen und ein besserer Schutz von Patienten, Bewohnern und Beschäftigten. Zudem sei eine langfristige Finanzierung notwendig. Investitionen in hitzeresiliente Gebäude, angepasste Stadtplanung und robuste Infrastrukturen seien kostengünstiger als die spätere Bewältigung großer Schäden.
In einigen Bundesländern sind solche Maßnahmen bereits im Gange. Stefanie Drese (SPD), Sozial- und Gesundheitsministerin in Mecklenburg-Vorpommern, betonte heute gemeinsam mit dem Bündnis vor der Presse, dass die gesundheitlichen Folgen klimawandelbedingter Extremwetterlagen bislang noch nicht ausreichend im öffentlichen Bewusstsein verankert seien. Mecklenburg-Vorpommern sei durch den Aufbau von Netzwerken und der Schulung von Multiplikatoren jedoch dabei, dies zu ändern und dabei möglicherweise ein „Vorreiter“.
Besonders betroffen seien ältere und pflegebedürftige Menschen, chronisch Kranke, Schwangere, Kinder sowie Beschäftigte mit hoher körperlicher Belastung. Diese Gruppen benötigten besonderen Schutz, etwa durch hitzeresiliente Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, präventive Gesundheitskonzepte und eine stärkere Verankerung von Klimawissen in der medizinischen Ausbildung, erklärte die Ministerin.
Mecklenburg-Vorpommern habe deshalb bereits vor einigen Jahren begonnen, auf die hitzebedingten Gesundheitsrisiken für diese Gruppen zu reagieren. So habe das Land bereits einen gesundheitsbezogenen Hitzeschutzplan veröffentlicht, der konkrete Empfehlungen und Praxisbeispiele enthalte. Darin seien auch Investitionen in den Hitzeschutz der Krankenhäuser integriert.
Maike Visarius von der Deutschen Krankenhausgesellschaft erklärte, dass sich viele Kliniken um einen guten Hitzeschutz bemühten. Die im aktuellen Finanzrahmen möglichen Maßnahmen seien bereits vielfach umgesetzt. Allerdings sei angesichts der finanziellen Rahmenbedingungen unklar, wie Hitzeschutz dauerhaft finanziert werden könne. Hitzeschutz sei Patientenschutz, dafür benötigten die Krankenhäuser eine verlässliche Finanzierung.
Viele Bundesländer stärken Hitzeschutz
Auch in weiteren Ländern wächst die Aufmerksamkeit für das Thema. So hat ein Aktionsbündnis der Hauptstadt in diesem Jahr vor allem die Gefahren von Hitze für älter und pflegebedürftige Menschen als Schwerpunkt. „Hitze macht den größten Teil der durch die Klimakrise bedingten Gesundheitsrisiken aus“, sagte Ellen Haußdörfer (SPD), Staatssekretärin für Gesundheit und Pflege in Berlin, vorgestern bei einer Pressekonferenz im Seniorenwohnheim Dr. Victor Aronstein vom Paritätischen im Berliner Stadtteil Lichtenberg.
Dort werden bereits viele Projekte umgesetzt, um in den warmen und heißen Monaten die Menschen zu schützen: So gibt es kühle Räume, die mit entsprechenden Schildern gekennzeichnet sind, zudem gibt es Trinkstationen auf den Fluren. Im Garten sind schattige Plätze mit Sonnensegeln eingerichtet, immer mehr Zimmer werden mit Jalousien ausgestattet.
Für die Beschäftigten wurde neue Arbeitskleidung angeschafft, deren Stoffe sich bei warmen Temperaturen besser auf der Haut tragen lassen. Medikamente werden mit zusätzlichen Kühlakkus aufbewahrt. Zudem testet das Heim weitere Methoden, für die beantragte Fördermittel des Bundes genutzt werden.
Die Gesundheitsverwaltung von Berlin stellt Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen Musterpläne zum Hitzeschutz zur Verfügung, umgesetzt werden müssen diese allerdings nicht. Das Aktionsbündnis in Berlin gibt es seit 2022.
Im Jahr 2025 gab es nach Angaben des Präsidenten der Ärztekammer Berlin, Peter Bobbert, 140 hitzebedingte Todesfälle in Berlin. Es gebe Todesfälle durch Hitzschlag, aber auch komplexere Fälle, etwa wenn vorher schon Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen bestanden. „Jeder hitzebedingte Todesfall ist vermeidbar“, sagte er.
Neben den stationären Einrichtungen müssten aber auch die Menschen im Blick behalten werden, die zu Hause gepflegt werden oder alleine leben. Unter ihnen habe es die meisten hitzebedingten Todesfälle gegeben, hieß es. Für Max Bürck-Gemassmer, stellvertretender Vorsitzender von Klug und selbst Hausarzt, sind gerade die älteren Menschen im ambulanten Bereich die vulnerabelste Gruppe, da es zu ihnen wenig Daten und Informationen gibt.
Hier müsse man verstärkt präventiv eingreifen und eine aufsuchende Unterstützung anbieten, forderte er. Berlin will in diesem Sommer auch mit einer interaktiven Stadtkarte auf kühle Räume, beispielsweise in Bibliotheken oder Kirchen, hinweisen.
Vor den Gefahren anhaltender Hitze insbesondere für Kinder warnte heute Sachsen-Anhalts Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne. Hitzeprävention und Hitzeschutz rückten infolge des Klimawandels zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, sagte sie. Fachkräfte in Kindertagesstätten sollten daher gezielt unterstützt werden.
In Thüringen nutzen Landesärzte- und Landesapothekerkammer den Hitzeaktionstag, um auf Gesundheitsgefahren aufmerksam zu machen. Zeitgleich startet Thüringen neue digitale Angebote zur Hitzevorsorge. Eine landesweite Karte bündelt mehrere Tausend Orte zur Abkühlung und Erfrischung, darunter Brunnen, Freibäder, Grünanlagen und Gewässer.
Ergänzend geht ein Informationsportal zu Hitze- und UV-Schutz online. Gesundheitsministerin Katharina Schenk erklärte, die neuen Angebote sollten Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen, sich besser auf zunehmende Hitzeperioden vorzubereiten.
Anlässlich des Hitzeaktionstags brachte jetzt auch Bundestagsfraktion der Grünen einen Antrag zur Stärkung der Krisenresilienz in der Pflege ein. Die pflegepolitische Sprecherin Simone Fischer erklärte, Hitze sei kein freundliches Sommerwetter, sondern eines der größten Gesundheitsrisiken, insbesondere für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen.
Pflege müsse deshalb verbindlich in Bevölkerungsschutz und gesundheitliche Krisenvorsorge eingebunden werden. Gefordert werden unter anderem ein bundesweiter Maßnahmenplan, ein Musternotfallhandbuch, klare Zuständigkeiten sowie eine verlässliche Finanzierung für Hitzeschutz, Notstromversorgung und technische Resilienz. Pflegefachpersonen müssten zudem gezielt auf Krisen- und Katastrophenlagen vorbereitet werden.
Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) fordert, ältere und pflegebedürftige Menschen stärker in Hitzeaktions- und Katastrophenhilfeplänen zu berücksichtigen. Darüber hinaus plädiert sie für kommunale Hitzeschutzpläne, spezielle Schutzkonzepte für Pflegeeinrichtungen und städtebauliche Maßnahmen wie mehr Bäume sowie zusätzliche Wasser- und Grünflächen, um die Hitzebelastung zu verringern.
Diskutieren Sie mit
Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.
Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.
Diskutieren Sie mit: