Vermischtes

FSME-Fälle wohl auf neuem Höchststand – Zecken in Deutschland ganzjährig aktiv

  • Dienstag, 17. Februar 2026
/Michael, stock.adobe.com
/Michael, stock.adobe.com

Stuttgart – Zecken könnten im vergangenen Jahr so viele Hirnhautentzündungen verursacht haben wie noch nie seit Beginn der Meldepflicht. „Die Auswertungen laufen noch, aber es ist jetzt schon abzusehen, dass wir die schon sehr hohen Zahlen von 2024 übertroffen haben werden“, sagte Gerhard Dobler vom Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München zu den Fällen von Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).

Es sei mit weiter steigenden Zahlen zu rechnen, warnte die Parasitologin Ute Mackenstedt im Vorfeld des 8. Süddeutschen Zeckenkongresses in Stuttgart.

Wie die Expertin von der Universität Hohenheim ausführte, gebe es immer weniger Jahre, in denen die Zahl der FSME-Fälle zurückgehe, nachdem hier lange eine Periodizität zu beobachten gewesen sei: „In der Vergangenheit hatten wir gewisse Zyklen: Das heißt, auf ein Jahr mit besonders vielen Erkrankungsfällen folgten ein bis zwei Jahre mit geringeren Fallzahlen. Seit 2016 gibt es nur noch Jahre mit hohen Fallzahlen von 400 bis 500 Krankheitsmeldungen.“

Klimawandel begünstigt Ausbreitung der Zecken

Die Gründe dafür seien vielfältig. Ein Treiber ist jedoch der Klimawandel: „Die wärmeren Temperaturen lassen Zecken in kühlere Regionen im Norden und im Gebirge vordrängen“, betonte Mackenstedt – mittlerweile seien Zecken in ganz Deutschland ganzjährig aktiv.

Der diesjährige harte Winter werde dabei voraussichtlich keinen Einfluss auf die Zahl der FSME-Erkrankungen nehmen. „Der Lebenszyklus des Gemeinen Holzbocks läuft über drei Jahre, darin sind auch kalte Winter verankert“, erläuterte die Parasitologin.

Rekordwerte und Ausweitung der Risikogebiete

Bislang wurde der höchste Wert mit 704 FSME-Erkrankungen im Jahr 2020 gemessen. „Aktuell haben wir 693 gesicherte FSME-Fälle in 2025. Im Jahr 2024 gab es 695 gesicherte Erkrankungen – und das galt damals schon als eines der Rekordjahre“, sagte Dobler.

Hinzu kämen 100 Verdachtsfälle, die gerade geprüft würden, so Dobler, der Deutschlands nationales Konsiliarlabor für FSME leitet. Es überprüft unklare Diagnosen, beobachtet aber auch die Epidemiologie und Ökologie der Erkrankung. Die endgültigen offiziellen Zahlen für 2025 wird das Robert-Koch-Institut (RKI) voraussichtlich Ende Februar in seinem Epidemiologischen Bulletin veröffentlichen.

Nach Angaben von Dobler und Mackenstedt stehen Baden-Württemberg und Bayern mit etwa 80 % der Krankheitsmeldungen weiter an der Spitze der FSME-Risikogebiete. Ein ansteigender Trend auf niedrigem Niveau sei in allen Bundesländern zu beobachten.

So hätten beispielsweise Sachsen, Berlin, Thüringen und Sachsen-Anhalt im vergangenen Jahr die jeweils bislang höchsten Zahlen gemeldet. „Ganz Deutschland ist mittlerweile ein FSME-Risikogebiet – wenn auch mit deutlichen regionalen Unterschieden“, stellte Mackenstedt fest.

Mehr Awareness bei Ärztinnen und Ärzten gefordert

Angesichts dieser Entwicklung forderte Mediziner Dobler ein besseres Risikoinformationsmanagement, um die Impfquoten zu steigern – und sprach hier auch direkt Ärztinnen und Ärzte an, unterstützt durch Ute Mackenstedt: „Speziell Ärztinnen und Ärzte aus dem Norden und Nordosten müssen bei neurologischen Problemen auch an FSME denken.“ Hier sei noch mehr Awareness nötig. „FSME kommt in den nördlicheren Bundesländern zwar seltener vor – aber sie kommt vor“, so die Expertin.

Mackenstedt und Dobler kritisierten in diesem Kontext auch die Kartendarstellung der FSME-Risikogebiete beim RKI: Auf dieser sind Gebiete mit hoher Inzidenz blau eingefärbt und solche mit niedriger weiß. Dies suggeriere, dass FSME in diesen Regionen nicht vorkomme. „Geringe Inzidenz heißt aber nicht keine Inzidenz“, so Dobler. Das müsse Ärztinnen und Ärzten bewusst sein.

Der Experte erläuterte auch das breite Spektrum der neurologischen FSME-Krankheitserscheinungen: „80 bis 85 % der Betroffenen haben Symptome des zentralen Nervensystems, die von Kopfschmerzen über Schwindel bis hin zu Atemproblemen und Lähmungen reichen können.“ In seltenen Fällen führe die Erkrankung zum Tod.

Etwa 40 Prozent der Betroffenen hätten bis zu einem Jahr nach der Erkrankung noch neuro-psychologische Schäden, merkte Dobler an. Je älter die Erkrankten seien, desto schwerer verlaufe die FSME häufig: „Darüber sollte man aber nicht vergessen, dass auch Kinder erkranken können und das teilweise auch mit sehr schweren Verläufen.“

Impfung und Schutzmaßnahmen empfohlen

Dobler zufolge sollten sich Menschen in Hochrisikogebieten, die sich in der Natur aufhalten (und dazu zähle auch der eigene Garten), in jedem Fall impfen lassen, aber auch Personen aus Niedrigrisikogebieten nach einer individuellen Risikoabwägung: „Wer etwa regelmäßig mit dem Hund ins Grüne geht oder stundenlang im Wald Pilze sammelt, hat ein erhöhtes Risiko.“

Grundsätzlich sollte man sich nach Ausflügen in die Natur gründlich absuchen und Zecken gegebenenfalls möglichst schnell entfernen, erklärte Mackenstedt weiter. Hierfür greife man sie mit einer Pinzette über der Haut und ziehe beherzt. Wenn die Mundwerkzeuge dabei in der Haut verblieben, sei das nicht dramatisch. Von einer Behandlung mit Öl oder dem Ausquetschen der Zecke warnte sie jedoch.

Allerdings biete das Absuchen keinen ausreichenden Schutz, ergänzte Dobler: „50 Prozent der FSME-Erkrankten können sich nicht an einen Zeckenbiss erinnern. Wahrscheinlich waren es dann sehr kleine Nymphen, die man kaum sieht.“

all/dpa

Diskutieren Sie mit:

1

Diskutieren Sie mit

Werden Sie Teil der Community des Deutschen Ärzteblattes und tauschen Sie sich mit unseren Autoren und anderen Lesern aus. Unser Kommentarbereich ist ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten.

Anmelden und Kommentar schreiben
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien. Der Kommentarbereich wird von uns moderiert.

Kommentare (1)

Newsletter-Anmeldung

Informieren Sie sich täglich (montags bis freitags) per E-Mail über das aktuelle Geschehen aus der Gesundheitspolitik und der Medizin. Bestellen Sie den kostenfreien Newsletter des Deutschen Ärzteblattes.

Immer auf dem Laufenden sein, ohne Informationen hinterherzurennen: Newsletter Tagesaktuelle Nachrichten

Zur Anmeldung