Gesundheitsversorgung in Coronakrise kann als Vorbild für die Zukunft dienen

Wiesbaden – Um die Behandlung von COVID-19-Patienten in der Pandemie sicherzustellen, fand vor allem in Krankenhäusern eine Konzentration auf medizinisch unbedingt notwendige Behandlungen statt.
Bei einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) plädierten Experten dafür, sich diese Erfahrungen zum Vorbild für die Zeit nach der Pandemie zu nehmen, um die knappen personellen und finanziellen Ressourcen zu schützen.
„Neben diesem erzwungenen Leistungsrückgang auf der Angebotsseite ist in manchen Bereichen auch die Nachfrage durch die Patienten bedeutsam zurückgegangen“, sagte Sebastian Schellong, Vorsitzender der DGIM und Chefarzt der zweiten Medizinischen Klinik am Städtischen Klinikum Dresden.
In der Krise hätten sich offenbar sowohl Ärzte als auch Patienten auf ein gesundheitspolitisches Vorhaben eingelassen, das in Deutschland stark negativ angesehen war und daher bisher nicht verfolgt wurde: Eine Priorisierung der Leistungserbringung.
„Es ist wahrscheinlich, dass die temporäre Verknappung von Gesundheitsleistungen in manchen Bereichen ungünstige Krankheitsverläufe provoziert“, so Schellong. Doch es wäre töricht, ganz pauschal zu behaupten, dass jeder ausgelassene Arztbesuch oder jeder abgesagte Wahleingriff per se einen messbaren Schaden setze.
Nicht erst die Coronapandemie hat die Gesundheitsversorgung in Teilen an den Rand der Belastungsgrenze gebracht. Schon zuvor fehlten an vielen Stellen im Gesundheitswesen dringend benötigte finanzielle Mittel. „Dieser Zustand wird sich auch nach Ende der Coronakrise nicht ändern, sondern sich im Gegenteil eher noch verstärken“, so der DGIM-Vorsitzende.
Angesichts sinkender Steuereinnahmen und eines erhöhten Schuldenstandes sei nicht zu erwarten, dass die öffentliche Hand den zu erwartenden Rückgang an Krankenversicherungsbeiträgen kompensieren könne. „Daher müssen wir uns mit Blick auf die Zukunft überlegen, wie wir Art und Umfang der Leistungserbringung in Krankenhaus und Praxis an die zur Verfügung stehenden Mittel anpassen können.“
Priorität für medizinisch notwendige Behandlungen
Dem Dresdener Internisten zufolge müssten daher nun die Folgen der aktuellen Versorgungssituation für Patienten erforscht werden. „So können wir herausfinden, welche Bereiche der medizinischen Versorgung unverzichtbar sind und in welchen die derzeitige Verknappung keine negativen Folgen für die Prognose bestimmter Krankheitsverläufe hatte“, so Schellong.
Um die im Gesundheitswesen immer weiter klaffende Schere zwischen knappen finanziellen Mitteln und steigenden Anforderungen zu schließen, sollten außerdem Maßnahmen wie eine Personaluntergrenze für Ärzte diskutiert werden. „Die Personaluntergrenzen in der Pflege könnten dabei als Vorbild dienen“, schlägt Schellong vor.
Weitere Möglichkeiten seien eine Neuordnung der Krankenhauslandschaft wie jetzt in Nordrhein-Westfalen oder eine besseren Verzahnung der sektoralen Leistungserbringung. Denn die Fokussierung auf höher priorisierte Leistungen und der Verzicht auf niedrig priorisierte sei in der Lage, die in jedem Falle begrenzten Ressourcen dorthin zu lenken, wo sie für eine hohe Qualität der medizinischen Leistungen benötigt werden.
„Ärzte müssen bereit sein, mehr Planung zu akzeptieren“, so Schellong weiter. Wichtig sei, dass sie an dieser Planung mitwirken, um sie nach den für sie wichtigen Gesichtspunkten zu gestalten.
Schellong betonte, dass nun die Chance bestehe, strukturell etwas zu verändern: „Die am wenigsten nachhaltige Reaktion auf diese Situation bestünde darin, zu versuchen, die durch die Coronapandemie derzeit einschneidend veränderte Art und Menge der Gesundheitsleistungen auf denselben Stand wie vor der Krise zu bringen.“
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